Sorry. Tut mir leid. Mea culpa.

Als Christoph Schlingensief im März 2009 am Wiener Burgtheater noch einmal die große Bilder-, Mythen- und Kuriositätenmaschine anwarf, mit Röntgen- und Mikroskopaufnahmen von Pflanzen und Tieren, mit Verweisen auf Richard Wagner und Joseph Beuys, da ging es dem Künstler besser. Seine Krebserkrankung schien gestoppt.

Er warf Heerscharen von Musikern, Choristen, Gesangssolisten und Schauspielern auf die Bühne und erklärte: „Ich gieße eine soziale Plastik aus meiner Krankheit. Die Krankheit ist die ultimative perverse Kunstform“. Das Stück hieß „Mea culpa“. Schlingensief starb im August 2010, mit 49 Jahren.

Mein Fehler. Meine Schuld. Mea culpa. Immer mehr Politiker und Firmenbosse bitten um Entschuldigung oder Verzeihung, selbst der Kölner Horror-Erzbischof Woelki wählt im Missbrauchsskandal den Weg der öffentlichen Zerknirschung.

Entschuldigt – für was eigentlich?

Die Worte wollen sorgfältig gewählt sein, können sie doch ein juristisch relevantes Schuldeingeständnis enthalten. Ich kann mich nur ent-schuldigen, wenn eine Schuld vorliegt – und wenn es mehr sein soll als eine Höflichkeitsformel. Entschuldigen Sie, dass ich so früh anrufe. Oder wie die Prinzen einst sangen: „Das ist alles nur geklaut und gestohlen, nur gezogen und geraubt / Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt.“

Bill Clinton hat sich bei Monica Lewinsky entschuldigt, mit der er keinen „Sex“ gehabt haben wollte. Oft haben Entschuldigungen einen schalen Geschmack. Der oder die Mea-culpa-Person steht unter erheblichem Druck. Und was können sich die Betroffenen schon dafür kaufen, wenn sie um Entschuldigung gebeten werden? Erleichtert wird der andere.

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Angela Merkel hat sich – das macht ihre Geste so merkwürdig – für etwas entschuldigt, das für sich genommen gar nicht schlimm ist. Ruhetag? Ein Fehler, eine schlechte Idee, entstanden in einem Konferenzmarathon, ein Zeichen der Erschöpfung und Ratlosigkeit. Gleichsam eine gesprochene Raute.

Was folgt daraus? Nichts. Denn das historische Versagen von Bundesregierung, Länderfürsten und EU-Bürokratie bei der Beschaffung von Corona-Impfstoff ist so massiv und komplex, dass sich die Bundeskanzlerin allein gar nicht dafür entschuldigen kann. Und die Impf-Indolenz geht weiter.

Man könnte denken, dass Angela Merkel sich auch schon für Versäumnisse entschuldigen wollte, die in der Zukunft liegen. Andererseits lässt sich die Vergangenheit nicht mehr ändern, worauf Kardinal Woelki ganz richtig hingewiesen hat, um spitzfindig hinzuzufügen, ein Rücktritt wäre nur ein Symbol und bringe nichts.

“Sorry seems to be the hardest word”, sang Elton John

Nun ist eine Entschuldigung vor laufenden Kameras in hohen Graden symbolisch. Religion und Politik gebrauchen Symbolik, es gehört zu ihrem Wesen, sonst wären sie bloße Verwaltungsakte.

Angela Merkel neigt nicht zur Emphase, selten stellt sie Emotionalität zur Schau. Die Selbstkritik hat ihr noch einmal Respekt eingebracht und Luft verschafft.

Nun müsse „schonungslos“ analysiert werden, was schiefläuft in der Pandemiebekämpfung, sagte die Kanzlerin am Donnerstag in ihrer Regierungserklärung. Eine klassische Phrase, so wertfrei, wie es Entschuldigungen inzwischen sind. Es gibt sie inflationär. Das zeigt der veränderte Gebrauch des Wörtchens „sorry“.

Elton John sang vor langer Zeit: „Sorry seems to be the hardest word“. Im Gegenteil: nichts leichter als diese kleine Entschuldigung im Alltag. Sorry hier, sorry dort, sorry immerzu und überall. Ein leeres Füllsel, wie das wuchernde „genau“.

Sorry, mit gezischtem Ess, dient überwiegend der Attacke. Der Wortsinn hat sich umgedreht. Ja, sorry, aber so ist aus der Entschuldigung eine Ablenkung geworden, eine Volte. Mea culpa, tut mir leid, ganz ehrlich, und jetzt wollen wir bitte weitermachen.