So wird Marvin Friedrich auch ein Fall für den Bundestrainer

In der Aufstiegssaison 2018/19 war Marvin Friedrich nicht gerade vom Glück verfolgt. Der Innenverteidiger des 1. FC Union verpasste in mehreren Spielen hintereinander jeweils ganz knapp seinen ersten Saisontreffer und gestand ganz offen ein: Bei seiner Größe und Kopfballstärke müsste er definitiv mehr Tore erzielen. Nun, knapp zwei Jahre später, führt der 24-Jährige die Torschützenliste des Berliner Bundesligisten an. Zugegeben: Vier Spiele und zwei Treffer sind noch nicht die größte Datengrundlage, aber immerhin hat Friedrich jetzt schon seine Ausbeute der Vorsaison egalisiert.

Dass Friedrich am Sonntag ausgerechnet beim 1:1 gegen seinen Jugendverein Schalke 04 traf, passt irgendwie zu seinem besonderen Timing. In der Schlussphase der vergangenen Saison köpfte er das wichtige 1:0 beim Sieg in Köln, der Union den Klassenerhalt praktisch sicherte. Und ohne sein Tor in der Relegation gegen den VfB Stuttgart wären die Berliner wohl erst gar nicht in der Bundesliga gelandet.

So bedeutend war sein Treffer nach Flanke von Christopher Trimmel gegen Schalke in der Gesamtbetrachtung natürlich nicht, für Friedrich selbst war er aber durchaus emotional – auch wenn man ihm das äußerlich selten ansieht. „Ich habe hier fünf Jahre gespielt, durfte meine ersten Einsätze als Profi sammeln. Schalke bleibt für mich ein besonderer Verein“, sagte Friedrich. So fiel auch sein Jubel recht verhalten aus.

Wie auch der Rest der Mannschaft wusste der Abwehrchef am Sonntag nicht so recht, was er mit seinen Gefühlen anfangen sollte. Ein Unentschieden Schalke, beim langjährigen Europapokalteilnehmer, damit sollte man als 1. FC Union eigentlich zufrieden sein können. Doch gemessen am Spielverlauf war durchaus mehr drin. „Am Ende nehmen wir einen Punkt mit, es hätten aber auch drei sein können“, sagte Friedrich. „Wir haben ein gutes Auswärtsspiel abgeliefert.“

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Daran hatte er auch abseits seines Treffers großen Anteil. Seit Friedrich im Januar 2018 aus Augsburg nach Berlin wechselte, ist er aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Links neben ihm wird gelegentlich gewechselt, aber Friedrich spielt immer. In 88 Ligaspielen inklusive Relegation hat er nur fünf Mal gefehlt – vier Mal davon gesperrt oder krank.

Mit seiner Kopfball- und Zweikampfstärke sorgt der gebürtige Kasseler für Stabilität und Ruhe in der Berliner Hintermannschaft. In dieser Saison hat er fast 69 Prozent seiner Duelle gewonnen und liegt damit ligaweit in den Top Ten. Der „Kicker“ berief ihn schon zum zweiten Mal in die Elf des Spieltages. Würde Marvin Friedrich in Freiburg spielen, wäre er Joachim Löw vermutlich schon mal beim Stadionbesuch aufgefallen, doch die Alte Försterei ist weit weg vom üblichen Bewegungsradius des Bundestrainers. Dabei wäre eine Nominierung angesichts seines Alters von 24 Jahren und der momentanen Defensivschwächen der Nationalmannschaft gar nicht so abwegig.

Bei Union wissen sie auf jeden Fall, was sie an Friedrich haben. Nach dem ordentlichen Saisonstart wollen die Berliner im Heimspiel gegen Freiburg am Samstag weitere Punkte für den Klassenerhalt holen. „Das wird ein schweres Spiel, ein harter Abnutzungskampf“, sagt Friedrich. Der Innenverteidiger ist bereit.