So sympathisch (und unerfahren) war der VfB Stuttgart noch nie

Am 18. September startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison. In unserer Serie testen wir die Vereine. Heute Teil 1: VfB Stuttgart.

Was hat sich verbessert?
Schlicht und einfach der Umstand, dass die Stuttgarter wieder in der Ersten Liga spielen dürfen. Gerade in der Corona-Zeit wäre eine weitere Saison in der Zweiten Liga ein herber Rückschlag gewesen. Das hätte womöglich trotz der steten Alimentierung durch den benachbarten Autobauer einen tiefen sportlichen und finanziellen Einschnitt für den Traditionsverein bedeutet. So aber kann der VfB in unsicheren Zeiten zumindest mit den im Vergleich zur Zweiten Liga üppigen TV-Geldern rechnen. Auch dürften die meisten Sponsoren durch den Aufstieg an Bord bleiben. Verbessert hat sich außerdem die Lage an der Spitze des Vereins. Nach dem Rücktritt des in Fankreisen sehr unbeliebten Präsidenten Wolfgang Dietrich im vergangenen Jahr ist mehr Ruhe in den Klub gekommen.

Wer sind die Neuen?
Coronabedingt ist in dieser Hinsicht nicht viel passiert. Zu den prominentesten (und fast einzigen) Neuzugängen zählen bislang die beiden Innenverteidiger Waldemar Anton (für vier Millionen von Hannover 96 verpflichtet) sowie Konstantinos Mavropanos (für 250 000 Euro vom FC Arsenal aus London ausgeliehen). Mit den beiden reagiert der Klub auf die teils desaströsen Vorstellungen in der Defensive in der vergangenen Spielzeit. Die Abwehr um den früheren Nationalspieler Holger Badstuber und Marc-Oliver Kempf war selbst für Zweitligaverhältnisse viel zu langsam. Badstuber wurde in die zweite Mannschaft abgeschoben, der Klub sucht dringend einen Abnehmer für den Großverdiener. Das tut der VfB noch bei vielen Personalien. Der Spanier Pablo Maffeo ist so ein Kandidat. Einst für neun Millionen Euro von Manchester City gekommen, dann beim VfB für bundesligauntauglich erklärt und anschließend verliehen, fahnden die Stuttgarter nach einem neuen Klub für den Außenverteidiger. Doch das wird schwer in diesen Zeiten.

Wer hat das Sagen?
Im sportlichen Bereich Sportvorstand Thomas Hitzlsperger, Sportdirektor Sven Mislintat sowie der Trainer mit dem wunderschönen Namen Pellegrino Matarazzo. Alle drei zusammen stehen für eine progressive und intellektuelle Geisteshaltung, wie sie wohl einmalig ist in der Bundesliga. Ebenso einmalig ist allerdings die Unerfahrenheit des Trios. Dazu passt auch der neue Präsident gut. Claus Vogt verkörpert das Gegenteil von seinem Vorgänger Wolfgang Dietrich. Er ist nicht so sehr verbandelt mit den Mächtigen aus der Wirtschaft und die Anliegen der Fans liegen ihm am Herzen. 2017 gründete Vogt den FC PlayFair! Verein für Integrität im Profifußball e. V., der sich für die Förderung der Fankultur einsetzt. Zusammengefasst: So sympathisch war der Kopf des VfB wohl noch nie. Aber so unerfahren auch noch nicht.

Was erwarten die Fans?
Für die legendär hochtrabenden Ansprüche erstaunlich wenig. Die Euphorie ist nicht mehr so groß wie nach dem Aufstieg vor drei Jahren. Der Eindruck bei den Fans hat sich verfestigt, dass der VfB wohl mittel- und langfristig nicht mehr oben wird mitspielen können. Der aktuelle Kader bietet wenig Anlass zu der Hoffnung, dass es diese Saison anders laufen könnte. Das Team ist gespickt mit jungen Spielern, deren Entwicklung nicht absehbar ist. Das Problem: Die wenigen erfahrenen Spieler wie Gonzalo Castro oder der verletzungsanfällige Daniel Didavi sind keine Stützen, an denen sich die Talente orientieren und entwickeln können. Zudem muss der VfB hoffen, dass ihm sein bester Mann, der Argentinier Nicolas Gonzalez, erhalten bleibt. Der 22-Jährige hat dummerweise schon ausrichten lassen, dass er gerne woanders spielen würde.

Was ist in dieser Saison möglich?
Wenn gleich mehrere Talente einen riesigen Sprung machen, kann es eine unbeschwerte und schöne Saison in mittleren Tabellenregionen werden. Das ist jedoch eher unwahrscheinlich: Für den VfB wäre ein Nichtabstieg ein großer Erfolg.

Und sonst?
Könnte Gonzalez durch seinen Landsmann Lionel Messi ersetzt werden. Ein VfB-Fan startete auf der Plattform „gofoundme“ eine Crowdfunding-Aktion, um die Ablösesumme für den Superstar einzusammeln. 900 Millionen Euro sind angepeilt. Ob die eher als geizig bekannten Schwaben das aufbringen werden? Immerhin: Knapp 450 Euro sind bisher schon zusammengekommen (Stand: 31. August, 17 Uhr).