So plant Trainer Dardai mit Khedira und Radonjic

Wenn Fußballprofis von einem Verein zum nächsten wechseln, dann klingen ihre Begründungen oft ähnlich. Dass es um den nächsten Schritt in der Karriere gehe, um eine neue Erfahrung, eine neue Liga, eine neue Sprache.

Im Vergleich dazu hat sich Nemanja Radonjic ungewohnt offen zu den Gründen geäußert, die ihn dazu bewogen haben, Olympique Marseille zu verlassen und sich Hertha BSC anzuschließen. Es lag unter anderem an André Villas-Boas, dem Trainer von Olympique.

Bei dem nämlich konnte sich Radonjic nie so sicher sein. Selbst nach einer für seinen Geschmack guten Leistung landete er im nächsten Spiel wieder auf der Bank. Bei Hertha BSC erhofft sich der 24 Jahre alte Serbe – neben der neuen Erfahrung, der neuen Liga, der neuen Sprache und dem nächsten Schritt seiner Karriere natürlich – also auch ein bisschen mehr Berechenbarkeit.

Vielleicht hätte er die künftig auch in Marseille gehabt. Wenige Stunden nach Radonjics erstem öffentlichen Auftritt in Berlin gab Olympique die Trennung von Villas-Boas bekannt. Für ihn kam die Entscheidung zu spät; davon abgesehen aber dürfte er seine Perspektive in Berlin als grundsätzlich besser einschätzen.

Bei seinem neuen Trainer jedenfalls genießt Radonjic hohe Wertschätzung. „Schnelligkeit, technische Fähigkeiten: Man hat sofort gesehen, was er draufhat“, sagt Pal Dardai, der Trainer von Hertha BSC. Hinzu kommt, dass der Serbe eine Leerstelle im Kader des Berliner Fußball-Bundesligisten füllt. „Er hat alles, was wir gesucht haben“, sagt Sportdirektor Arne Friedrich. „Er ist ein toller Spieler, sehr, sehr schnell, sehr geradlinig und dynamisch.“

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An Spielern für die offensive Außenbahn besteht bei Hertha definitiv kein Überangebot. Javairo Dilrosun fällt weiterhin aus, und selbst wenn er in einigen Wochen wieder zur Verfügung stehen sollte, ist es wegen seiner Verletzungsanfälligkeit schwer, verlässlich mit ihm zu planen.

Dardai klagt: „Dilrosun ist ständig verletzt“

„Jav ist ständig verletzt“, sagt Dardai. „Er macht ein ordentliches Spiel, er macht ein gutes Spiel, und im dritten Spiel verletzt er sich immer.“

Nemanja Radonjic hat also schon mangels Alternativen glänzende Aussichten auf einen Platz in Herthas Mannschaft. Ob das allerdings auch bereits für diesen Freitag gilt, wenn die Berliner im Olympiastadion den Tabellenführer Bayern München empfangen, ist damit noch nicht gesagt. „Wir haben einen Spieler, der uns in der Endphase helfen kann, in den letzten 30 Minuten“, sagt Dardai über den Neuzugang aus Marseille. „Aber vielleicht spielt er sogar von Anfang an.“

Ähnlich und doch ein bisschen anders ist die Situation bei Sami Khedira, der wie Radonjic am letzten Tag der Transferperiode zu Hertha gewechselt ist, der am Dienstagnachmittag erstmals mit seinen neuen Kollegen auf dem Trainingsplatz stand und vor dem Spiel gegen die Bayern auf gerade mal drei Einheiten kommt.

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Dardais ursprünglicher Plan mit Khedira war, „dass ich ihn sofort reinschmeiße“ – weil der frühere Nationalspieler und Weltmeister mit seinen 33 Jahren auf dem Platz Präsenz ausstrahlt, weil er viel Erfahrung mitbringt und eine Persönlichkeit ist. Und weil er einem taumelnden Team wie Hertha genau deshalb helfen kann. Inzwischen aber grübelt Dardai.

Nemanja Radonjic kommt mit ausreichend Spielpraxis aus Südfrankreich. Er hat in diesem Jahr in allen sechs Spielen für Olympique auf dem Platz gestanden, in vier davon in der Startelf.

Sami Khedira ist für die Organisation zuständig

Bei Khedira sieht es geringfügig anders aus. In der Serie A ist er zuletzt im November für Juventus Turin zum Einsatz gekommen. Im November 2019. Im Juni des vergangenen Jahres hat er 28 Minuten im Pokal gespielt. Mehr Spielpraxis war in den vergangenen 15 Monaten nicht. „Die Zahlen sprechen nicht für mich“, hat Khedira selbst am Dienstag bei seiner Vorstellung gesagt.

„Spielpraxis ist wichtig“, sagt Dardai. Andererseits hat er selbst als Spieler erlebt, dass es manchmal auch ohne geht. Das war 2009 und ebenfalls in einem Spiel gegen die Bayern. Dardai hatte gerade erst eine Knieoperation hinter sich, als ihm Trainer Lucien Favre am Telefon mitteilte, dass er am Wochenende spielen müsse. Das gehe nicht, entgegnete Dardai. Favre sagte: „Es reicht, wenn Sie auf dem Platz stehen und dirigieren. Ich brauche jemanden, der die Mannschaft zusammenhält.“

Also dirigierte Pal Dardai, Andrej Woronin schoss zwei Tore, und Hertha stürmte durch einen 2:1-Erfolg gegen die Münchner an die Tabellenspitze. „Vielleicht ist er vom Fitnesszustand noch nicht so weit“, sagt Dardai über Khedira. „Aber das erwarte ich auch von Sami. Er muss als Organisator viel leisten.“ Wenn er denn spielt.