So hat sich die deutsche Sprache entwickelt

Die Olympischen Sommerspiele 2020 mussten verschoben werden. Doch es gab trotzdem noch einen olympischen Wettbewerb, der in diesem Jahr ausgetragen wurde: die Deutscholympiade des Goethe-Instituts. Seit 2008 können alle zwei Jahre Jugendliche aus aller Welt antreten, um mit ihren Deutschkenntnissen und kreativen Leistungen zu glänzen. Diesmal trafen sich die 14- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler aus über sechzig Ländern coronabedingt digital. Nach fünf Tagen im Internet mit Livestreams, Digitalkonzerten, Breakdance, Vorträgen und Gesprächen war der Wettkampf in den verschiedenen Anforderungsstufen der Sprachprüfung am 7. August entschieden. Gewonnen haben viele, an der Spitze Eban Ebssa aus den USA, (Stufe A1), Wang Zhi-an aus Taiwan (Stufe B1) und die Schülerin Keta Kalandadze aus Georgien (Stufe B2).

Die indogermanischen Wurzeln

“Dabei sein!” hieß das diesjährige Motto der Deutscholympiade. Im Zentrum des Wettbewerbs steht die deutsche Sprache, deren Vermittlung zu den Kernaufgaben des Goethe-Instituts gehört. Doch “Deutsch”, was ist das eigentlich? Woher kommt die Sprache, wie hat sie sich entwickelt, und wie entwickelt sie sich auch gegenwärtig immer weiter? Ob sich die jungen KonkurrentInnen auch darüber Gedanken gemacht haben?

Wer immer versucht, die Anfänge des deutschen Idioms zu erkunden, wird schnell in die indogermanische Sprachfamilie eingeführt. Seit dem 19. Jahrhundert spüren Sprachforscher den Wurzeln dieser riesigen Gruppe verwandter Sprachen nach. Sie sind dabei bis ins 4. Jahrtausend vor Christus zurückgelangt, als sich die Urheimat der Indogermanen wahrscheinlich nördlich und östlich vom Schwarzen Meer befand.

Lutherbibel (Public Domain)

Martin Luthers erste vollständige Bibelübersetzung aus dem Lateinischen von 1534 galt lange als der Beginn der heutigen deutschen Hochsprache

Die Entstehung des Germanischen

Viele verschiedene Sprachgruppen und Einzelsprachen bildeten sich aus dieser Ursprache heraus, darunter auch längst ausgestorbene, heute nie gehörte oder nur noch als untergegangene Sprachgemeinschaften bekannte wie das Hetitische, Tocharisch, Illyrisch oder Vandalische. Die Forschung zur Sprachgeschichte füllt Bibliotheken. Faszinierend ist aus heutiger Sicht dabei vor allem der Gedanke, dass so verschiedene Sprachen wie das Iranische und das Deutsche denselben Ursprung haben.

Die im engeren Sinne germanische Sprache entstand im 1. Jahrtausend vor der Zeitenwende als Ergebnis einer “ersten Lautverschiebung”, wie die Forschung diesen Sprachwandel nennt. Danach wird die Entwicklung komplexer, denn Sprache ist Geschichte: Wenn germanische Stämme römischen Truppen begegneten, sie mit ihnen kämpften oder auch als Söldner in römischen Heeren dienten, dann übernahmen sie mit kulturellen Einflüssen auch viele Begriffe. Griechische und römische Wörter durchsetzten zunehmend germanische Dialekte.

Der Weg zum Neuhochdeutschen

Von Deutsch lässt sich erst nach einem zweiten Lautwandel sprechen, der sich ab 600 über vier Jahrhunderte hinweg vollzog. Die anschließende Entwicklung von Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch zu Neuhochdeutsch ist vielleicht für Linguisten wesentlich. Für Nicht-Sprachforscher ist eher interessant, dass die heutige Entwicklungsstufe nicht mit Martin Luther (1483-1546) und seiner Bibelübersetzung begann, wie von Sprachwissenschaftlern im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet, sondern erst hundert Jahre später, ab 1650. Heutige Zeitgenossen hätten auch noch größte Mühe gehabt, sich mit Deutschlands größtem Sprachschöpfer zu unterhalten. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sprach ein Idiom, das heute nicht mehr verständlich wäre.

Besucher einer Ausstellung zur Deutschen Sprache und Kultur im Ausland gehen an Andy Warhols Goethe-Porträt vorbei (Imago Images/Agenzia Romano Siciliani)

Die gesprochene Sprache Goethes wäre heute unverständlich

“Sprache existiert nur im Zeitablauf”, stellt der Forscher Peter Polenz grundsätzlich in seinem Klassiker zur “Geschichte der deutschen Sprache” fest, um gleich mit dem Irrglauben aufzuräumen, dass “die Sprache der Vorfahren noch nicht von der Moderne ‘verderbt’ gewesen sei”. “Die Klage über den ständigen Sprachverfall ist noch heute ein beliebter Topos in der kulturpessimistischen Sprachkritik”, stellt Polenz fest. Dabei seien Sprachwandel und Sprachverschiedenheit selbstverständliche Erscheinungen der menschlichen Sozialgeschichte. Ein “Forum Deutsche Sprache” in Mannheim soll ab 2023 mit viel Publikumsbeteiligung lebendige Sprachtrends erforschen.

Sprachwandel gehört selbstverständlich zur Sozialgeschichte

Anglizismen finden immer mehr Einzug in die deutsche Sprache, neue urbane Soziolekte bilden sich heraus. Aber es gibt auch deutsche Wörter wie Autobahn, Kindergarten oder Hinterland, die auswandern. Wenn sich also heutige Schüler aus aller Welt um die deutsche Sprache bemühen, dann sollten sie sich keine Sorgen um Sprachverfall und zu viele Anglizismen machen – sondern mit “Fun” und Engagement bei der Sache sein.