So eröffnete das Gorki seine Herbstsaison

Schon traurig, diese Premiere. Zum ersten Mal in der Geschichte der Intendanz von Shermin Langhoff am Gorki Theater ist das Publikum nicht eingeladen, nach der Vorstellung noch zu feiern, sich bei Sekt und DJ-Bässen ins Getümmel zu stürzen.

Die Pandemie lässt nur Raum für ein paar herzliche Worte, dann weisen die Pfeile auf dem Boden auch schon den Weg zurück in die nüchterne Berliner Realität. Es durften ja ohnehin nicht viele Zuschauerinnen und Zuschauer kommen, 82 Menschen sind im großen Saal des Hauses am Festungsgraben noch zugelassen. Was eine eigentümliche Atmosphäre zwischen Tristesse und Andacht schafft.

Man muss allerdings auch sagen: Das Eröffnungsstück dieser Gorki-Saison unter Krisen-Bedingungen hätte nicht besser dazu passen können. „Berlin Oranienplatz“ von Hakan Savas Mican ist eine jazzige, tief melancholische Loner-Ballade, ein Kreuzberger Bühnen-Roadmovie, das von Verlorenheit und Entwurzelung erzählt, von einem Leben der begrenzten Möglichkeiten und der Sackgasse, in die es geführt hat.

Can Öztürk, genannt Gianni, wäre gern ein angesagter Modedesigner mit eigenem Label namens JeanFive geworden, sein Geld aber hat er mit gefälschten Markenklamotten und -uhren gemacht. Jetzt erwarten ihn fünf Jahre Haft in Tegel. Can, unterwegs im Mercedes 230 E, Baujahr 82, überlegt abzuhauen.

Sich ein One-Way-Ticket nach Istanbul zu besorgen und alles hinter sich zu lassen. „Was willst du in einer Diktatur mit einer fetten Wirtschaftskrise?“, fragt ihn Sezai (Falilou Seck), der alte Reisebürobesitzer, der mal ein sagenhaft reicher Mann mit Villa am Wannsee war und heute nur noch zählt, „wie oft die U1 vorbeifährt“. Es buchen ja alle online.

Tourist im eigenen Leben

Gianni-Can schiebt die Entscheidung hinaus und lässt sich durch seinen letzten Tag in Freiheit treiben – wie Edward Norton in Spike Lees „25th Hour“, der sich als verurteilter Drogendealer seinem persönlichen Ground Zero in einem verwundeten New York stellen muss.

Der verhinderte Modemacher, den Taner Sahintürk ganz großartig spielt, mit mühsam geschlucktem Zorn auf sich selbst und einer vergeblichen Sehnsucht nach Absolution, wandert wie ein Tourist im eigenen Leben die prägenden Stationen seiner Kindheit, Jugend und der jüngeren Vergangenheit ab.

[Nächste Vorstellungen: 30.8., 13. und 29.9., 19.30 Uhr]

Er trifft seinen Vater, von dem er sich entfremdet hat. Die Mutter (Sema Poyraz), die auf dem Maybach-Markt das weggeworfene Gemüse sammelt. Den ehemaligen Band-Kumpel (Emre Aksizoslu), der heute in der schicken Eigentumswohnung mit Kindern lebt.

Schließlich die Exfreundin (Sesede Terziyan), Pflegeheimleiterin bei Tag, Sängerin bei Nacht, die er ohne Erklärung hat sitzen lassen. Eine Biografie aus Leerstellen.

„Berlin Oranienplatz“ ist der erste Teil einer Trilogie

Regisseur Mican lässt dabei Videoszenen und Live-Performance ineinandergreifen, eine Jazz- Combo aus Natalie Plöger, Lizzy Scharnofske, Lukas Fröhlich und Peer Neumann liefert den Soundtrack mit Film-noir-Appeal.

Die Form geht auf, weil sie im Dienst der Geschichte steht. „Mein Leben fühlt sich an wie ein Film, und ich spiele die Hauptrolle“, sagt Sahintürk als Can schon zu Beginn von der Leinwand. Nur leider lassen sich Projektion und Wirklichkeit so selten in Einklang bringen.

„Berlin Oranienplatz“ ist der erste Teil einer Trilogie, die Mican mit „Kleistpark“ und „Richardplatz“ fortsetzen wird. Er beweist, dass er ein außergewöhnlich guter Geschichtenerzähler ist. „Oranienplatz“ entwirft mit präzisen Strichen ein Kreuzberger Arbeitermilieu, das in Auflösung begriffen ist und als zugehörig nie empfunden wurde.