Skulpturen von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker aufgetaucht

Beim Kunsthaus Dahlem sind zwei Skulpturen von Arno Breker gefunden worden. Und mit ihnen die Frage, wie wir mit NS-Kunst umgehen sollen.




Das Leben ausgehaucht: Arno Breker schuf die Marmorfigur „Romanichel“ 1940.Foto: Gunter Lepkowski, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Kunsthaus Dahlem, Käuzchensteig 12, bis 15. 01.; Mittwoch bis Montag 11 – 17 Uhr.

Der Baggerführer staunte nicht schlecht. Statt weiter lockeres Erdreich für die Planierung eines Gartenwegs hochzuschaufeln, stieß er mit seinen Greifzangen auf massiven Stein. Nicht einen, sondern zwei, wie sich bei genauerer Betrachtung des Fundes erwies – und auch nicht irgendwelche Brocken. Dorothea Schöne, die Direktorin des Kunsthaus Dahlem, wurde herbeigeholt.

Sie erkannte die Bedeutung dieses Fundes sofort: zwei monumentale Heroenköpfe aus Marmor à la Arno Breker. Die Erdkrumen waren schnell weggewischt, die heldischen Männergesichter traten hervor. Ganz überraschend kam die Entdeckung trotzdem nicht. Das Kunsthaus Dahlem war einst das Atelier des Lieblingsbildhauers Adolf Hitlers, dessen Erbe niemand gern antritt. Programmatisch widmet es sich deshalb der deutschen Nachkriegsmoderne, insbesondere Skulptur. Breker findet darin keinen Platz mehr, auch wenn man dessen mitten im Krieg errichtete Räume nutzt.

Das Institut am Rand des Grunewalds hat nun seine Sensation, aber ein ambivalentes Geschenk. Jetzt ist es in einem Nebenraum zu betrachten. In die aktuelle Wieland-Förster-Ausstellung sollten die toxischen Köpfe nicht, auch nicht ins Studio Bernhard Heiligers, der die nach dem Bombenangriff 1943 verbliebenen Teile des einstigen Staatsateliers nutzen durfte.

Hinschauen, Einordnen, Zeigen

Nun stehen die über 300 Kilogramm schweren Brocken – 90 mal 68 mal 60 Zentimeter – scheinbar unspektakulär auf hölzernen Paletten in einem Raum, der Heiliger einst als Fernsehzimmer diente. „Fundpräsentation“ ist die Mini-Ausstellung überschrieben, um keine Erwartungen zu wecken. Schon gar nicht bei unliebsamen Fans faschistischer Kunst, die sich hier immer wieder einfinden. Eine Anfrage der AfD, ob das Haus für ein Sommerfest zu mieten sei, wurde zuletzt entsprechend abgelehnt.

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Die kleine Schau wird trotzdem Neugierige anziehen, denn sie wirft nicht nur ein anderes Licht auf einen Vorzeige-Künstler des „Dritten Reichs“, sondern auch Fragen auf, wie mit NS-Kunst in unseren Museen umzugehen ist. Wegsperren war in Dahlem mit den beiden steinernen Häuptern nicht möglich. Hinschauen, Einordnen, Zeigen wurde deshalb als Form der Handhabung gewählt. Um kühlen Kopf zu bewahren.

Drei Wochen lang hielt das Kunsthaus seinen Überraschungsfund zurück, um möglichst viel über die beiden Skulpturen herauszufinden. Das Ergebnis: Die eine ist zweifelsfrei Breker zuzuordnen, sie wird im Karteisystem des Künstlers, das sich noch heute in Familienbesitz befindet, als „verschollen“ geführt. Es handelt sich um „Romanichel“, einen Rom oder Sinto, den der Bildhauer in den späten 20er Jahren während seines Paris-Aufenthalts kennenlernte und mehrfach porträtierte. Auch die Nachlassverwalterin und Breker-Tochter Carola, die gleich nach Dahlem reiste, bestätigt diese Zuordnung. Die andere Skulptur ist noch nicht identifiziert und wird bislang nicht offiziell mit Breker konnotiert, obwohl der gemeinsame Stil, die gleiche Machart eindeutig sind.

Schwer ins Werk des Bildhauers einzusortieren

Die beiden Figuren sind ebenso wie ihre Pendants – „Demetra Messala“ (Brekers griechische Frau) und „Andacht“ – ohnehin schwer ins Werk des Bildhauers einzusortieren. Ihre Gesichter tragen klassizistische Züge, sind vorne geglättet, der Hinterkopf verschmilzt mit dem grob behauenen Stein, als würde sich das Antlitz aus dem Marmor erheben. Welche Funktion diese monumentalen Porträts haben sollten, ist ebenso unbekannt. Als Kapitellfiguren konnten sie kaum dienen.

Jetzt liegen sie rücklings auf den Paletten, um jederzeit für weitere Untersuchungen bewegt werden zu können, der Betrachter schaut ihnen von oben ins Gesicht. Nähe und Befremden stellen sich gleichzeitig ein. Der „Romanichel“ hält die Augen geschlossen, die Lippen halb geöffnet. Sein Leben scheint ausgehaucht. Auch die andere Figur kennzeichnet kein heldenhafter Moment. Sein Mund ist wie zum Schrei aufgerissen, die Stirn liegt in Falten.

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Vor allem über die Darstellung des „Romanichel“ lässt sich spekulieren. Als Breker ihm im Umkreis von Jean Cocteau begegnete, mit dem er sich befreundet hatte, war er sofort fasziniert: „Noch am gleichen Tag begannen die Sitzungen. Nicht weniger als sieben Büsten modellierte ich nach ihm.“ Ein „Filmoperateur“, der zwei dieser Büsten bei ihm im Atelier entdeckte, begeisterte sich daraufhin ebenfalls und ließ das Modell für Probeaufnahmen herbestellen.

Warum griff Breker die Figur 1940 erneut auf?

Als sich Breker 13 Jahre später in Berlin, inzwischen zum NS-Staatskünstler aufgestiegen, das Motiv wieder vornahm, war die Ausarbeitung nicht mehr expressionistisch, sondern entsprach seinem nunmehr heroischen Stil. Doch warum griff Breker die Figur 1940 erneut auf? Im gleichen Jahr begannen die Massendeportationen der Roma und Sinti. Der „Romanichel“ liest sich vor diesem Hintergrund wie ein Requiem – auch wenn man es bei einem Künstler, der sich bis zuletzt in den Dienst eines mörderischen Systems stellte und 1941 zum Vizepräsidenten der Reichskammer der bildenden Künste ernennen ließ, nicht glauben möchte. 1948 wurde er als Mitläufer eingestuft.

Das Kunsthaus Dahlem hat nun die Köpfe und Komplikationen. Dabei sollte ganz harmlos ein neuer Gartenweg angelegt, das Grundstück für den Zusammenschluss mit dem angrenzenden Brücke-Museum vorbereitet werden. Vermutlich haben US-Soldaten, die im Sommer 1945 nach den Russen die Immobilie übernahmen und hier für ein Jahr eine Dienststelle einrichteten, die beiden Büsten in einen Bombenkrater nahe dem Haus geworfen. Breker hatte den Käuzchensteig bereits 1942 verlassen und sich nach Wriezen im Oderbruch zurückgezogen, wo er seine Bildhauerwerkstätten hatte.

Seine verbliebenen Skulpturen wurden von den Amerikanern zum Colllecting Point im Völkerkunde-Museum in Dahlem geschafft – bis auf die Büsten, vermutlich weil sie lädiert waren. Dem „Romanichel“ fehlt die Nase, der anderen Figur wurde der Unterkiefer ausgeschlagen. Gut möglich, dass die Schäden im Zorn zugefügt wurden.

Und wer bekommt sie nun? Da die Köpfe aus dem Boden eines landeseigenen Grundstücks geborgen wurden, gehören sie einstweilen Berlin und sind dem Stadtmuseum zugeteilt, das sie wiederum dem Kunsthaus leiht. Sollte sich herausstellen, dass sie von den Amerikanern vergraben wurden, gehen sie an das Bundesamt für offene Vermögensfragen.