Sinnlichkeit und Lustverlust

Peter Raue, geboren am 4. Februar 1941 in München, prägt das Berliner Kulturleben seit Jahrzehnten. Der Rechtsanwalt war Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, vertritt etliche Kulturschaffende und ist ein begeisterter Kunstsammler. In seiner Charlottenburger Wohnung veranstaltet er auch gern Lesungen und Konzerte. Zu Premieren kommt er mit dem Fahrrad.

Herr Raue, Sie sind so etwas wie der König des Berliner Kulturbetriebs. Man trifft Sie seit Jahrzehnten in jeder Premiere, in jedem wichtigen Konzert, normalerweise schaffen Sie locker mehrere Ausstellungseröffnungen an einem Tag und gehen dann noch in die Oper. Worüber sollen wir jetzt eigentlich sprechen? Es passiert ja nichts, alles liegt am Boden.
So sehen leider auch die Zeitungen aus, keine Konzert- oder Theaterkritik, alles nur Corona. Aber man kann sich auch fragen, was ist der Vorteil dieses anderen Lebens? Zum ersten Mal bin ich mit meiner Frau jetzt seit bald einem Jahr praktisch jeden Abend zusammen, und es ist eine wunderbare Erfahrung, dass das geht, dass es gut geht, ein Geschenk. Da ich so gut wie gar nicht fernsehe, reden wir viel und lesen ausgiebig und trinken Rotwein.

Welche Bücher haben es Ihnen im Moment angetan?
Zum ersten Mal habe ich mit nicht nachlassender Begeisterung Theodor Fontanes „Vor dem Sturm“ gelesen, über tausend Seiten. Großartig das Buch „Jeder schreibt für sich allein“ von Anatol Regnier. Er berichtet beklemmend über das Leben von Schriftstellern im Nationalsozialismus, die das Land nicht verlassen, die „innere Emigration“ gesucht haben, wie Gottfried Benn, Hans Fallada, Erich Kästner, Ina Seidel. Davor nicht weniger faszinierend „Das Wunder des Überlebens“ von Ernst Lothar, Mitbegründer der Salzburger Festspiele vor 100 Jahren. Der Wiener Jude geht mit seiner Ehefrau Adrienne Gessner, der großen Schauspielerin, ins Exil, kehrt nach dem Krieg als GI zurück und leitet die Entnazifizierungsverfahren unter anderem gegen Furtwängler und Karajan. Diese beiden Bücher beleuchten auf der einen Seite die Autoren, die ins Exil gegangen sind und dort unter Heimweh, fremder Sprache gelitten haben, auf der anderen Seite Autoren, die die Nazi-Zeit in sehr unterschiedlich angepasster Weise erlebt haben.

Das sind wahrlich keine leichten Themen, mit denen Sie sich beschäftigen. Und da Sie gerade von großen und nicht ganz unproblematischen Dirigentenbiografien sprechen: Wie geht es Ihnen mit der Musik in diesen prosaischen Monaten?
Das ist schwierig; ich höre lieber eine CD, als mir ein Konzert auf dem Bildschirm anzusehen. Da fehlt alles Erotische, Sinnliche, was zu einem Konzert für mich dazugehört. Wenn in der Philharmonie das Licht verlischt, dann der Applaus, wenn der erste Geiger kommt, dann der Dirigent, das gehört für mich dazu.

Ihnen fehlen die Rituale?
Und wie! Es beginnt normalerweise ja eigentlich schon morgens, wenn ich aufstehe. Da weiß ich, heute Abend gehe ich in die Premiere oder ins Konzert. So gehe ich in den Tag hinein. Der Tag ist für mich spannungsgeladener, weil der Abend ins Haus steht.

Erinnern Sie sich an Ihre letzte Theaterpremiere in Berlin?
Ja, Ibsens düsteres Stück „Gespenster“ unter Corona-Beschränkungen im Berliner Ensemble. Ich liebe dieses Stück, im Gegensatz offenbar zu Ihnen. Was die Regisseurin Mateja Koležnik auf die Bühne bringt, ist so beklemmend, dass die Bilder mir lange gar nicht aus dem Kopf gegangen sind.

[Behalten Sie den Überblick über die Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de.]

Hätten Sie es nicht lieber heiter, in diesen Corona-Zeiten? Muss die Beklemmung auch noch auf der Bühne stattfinden? Haben Sie nicht Sehnsucht nach einem Lustspiel? Es ist ja alles schon schlimm genug.
Nein, habe ich nicht. Im Gegenteil. In Zeiten, in denen es so viel Lustverlust gibt, will ich meine Sorgen, Ängste auf der Bühne wiederfinden, statt ins Komische zu fliehen.

Wir sitzen hier in Ihrem Büro am Potsdamer Platz, in einem Zimmer mit Werken von Rebecca Horn. Sie sind Kunstsammler. Auch in Ihrer Wohnung haben Sie wunderbare Kunst beisammen: Schauen Sie die Bilder in dieser abgeschlossenen Zeit jetzt anders an?
Ich arbeite viel im Homeoffice, und ich merke, dass ich mit den Bildern anders spreche. Schon wenn ich meinen Kaffee mache, gehe ich an Graubner oder Christo vorbei. Sie kommen mir näher.

Verführt der Shutdown auch zu Einkäufen, erwerben Sie neue Arbeiten?
Auch da fehlt mir das sinnliche Moment. Es ist eine wunderbare Idee, wenn Galeristen jetzt Kunst im Schaufenster präsentieren. Aber für mich ist das nicht die richtige Kommunikation. Außerdem habe ich fast ausschließlich Werke von Künstlerinnen und Künstlern gekauft, die ich kenne und zu denen ich eine persönliche Beziehung habe. Viele dieser Freunde – irgendwie Altersgenossen – sind inzwischen verstorben. Gecelli, Kienholz, Opalka, Christo, Reusch, Graubner und viel zu viele andere.

Mister MoMa. 2004 hat Peter Raue die Ausstellung “Das MoMA in Berlin” mitinitiert.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Es geht Ihnen da wohl wie mit Verwandten und Kollegen. Ist das der Preis des Alters?
Ein Freund von mir sagte einmal, der 80. sei ein beinharter Geburtstag. Ganz so schlimm empfinde ich es nicht. Es ist aber klar, dass ich in ein Jahrzehnt gehe, bei dem die Wahrscheinlichkeit, das Ende zu erleben, gering ist. Ich bin ein gläubiger Mensch und habe keine Angst vor dem Tod. Aber ich denke intensiver darüber nach.

Wenn der Kulturbetrieb einmal wieder anläuft: Kehren wir dann einfach zu den alten Gewohnheiten zurück?
Vieles wird anders sein. Wir haben gelernt, dass wir nicht für jedes Gespräch nach München, Köln oder Zürich fliegen müssen. Wir haben gelernt, dass Homeoffice nicht heißt, man drückt sich um die Arbeit. Im Gegenteil, das ist eine intensive Tätigkeit, anstrengend. Aber ob der Mensch auf lange Sicht ein Lernender ist, bezweifle ich. Man konnte sich nach 1945 ja auch nicht vorstellen, dass es in Deutschland mal wieder eine Partei gibt, die Nazi-Parolen verbreitet, in manchen Bundesländern von einem Viertel der Bevölkerung gewählt wird und im Bundestag sitzt.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Warum leugnen diese Leute die Pandemie? Können Sie das erklären?
Nein. Höchstens so: Wer so schamlos und verblödet ist, Nazi-Parolen zu schreien, der glaubt auch jeden anderen Schwachsinn. Diese Menschen haben einen dramatischen Mangel an Verstand und Empathie.

Sie kennen viele Künstler, vertreten Sie auch anwaltlich. Kommen die jetzt zu Ihnen mit ihren Problemen, mit ihrer Not in der Untätigkeit?
Vielen geht es nicht gut. Doch erstaunlich wenige jammern wirklich trotz dramatischer finanzieller Einbrüche. Ein Beispiel: Die Geschwister Pfister waren das gesamte letzte Jahr und im Jahre 2021 vollständig ausgebucht, und plötzlich fällt alles weg. Keine Aufträge, kein Geld!

Die Kultur ist stark betroffen. Sind Sie mit den Shutdown-Regeln einverstanden?
Ich halte die Regeln ein, auch wenn ich manches nicht richtig finde. Also, warum sind die Kirchen offen, aber die Museen geschlossen? Warum dürfen die Lehrer mit den Kindern nicht mal ins Museum gehen, anstatt tagein, tagaus die Kinder auf den Computer starren zu lassen? Warum dürfen die Theater unter keinen Umständen spielen? Die Salzburger Festspiele vergangenen Sommer hatten bei strikt eingehaltenen Hygieneauflagen über 5000 Besucher, und kein einziger Corona-Fall: Fantasie, Verantwortungsbewusstsein und Mut sind eine gute Kombination.

Insgesamt verhält sich die Kulturszene sehr ruhig und fügsam. Erstaunt Sie das nicht?
Auch diese Menschen wissen: Es ist immer noch besser, in den eigenen vier Wänden zu arbeiten, auf Kontakte zu verzichten, als auf Lesbos frierend auf Rettung zu warten. Wir machen eine schwierige Zeit durch, aber es gibt viel Schlimmeres.

Mann mit dem Goldhelm. Peter Raue, Rechtsanwalt, Kunstförderer, Radler.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Wie wird diese Erfahrung von Demut und Hilflosigkeit uns verändern? Wird die Pandemie die Kunst beeinflussen?
Allein schon, dass wir gelernt haben, uns nicht mehr die Hand zu geben und Distanz zu wahren, wird unser Verhalten auch künftig – jedenfalls für einen unbekannten Zeitraum – verändern. Die neuen sozialen Verhaltensweisen fließen mit hoher Wahrscheinlichkeit in künftige Inszenierungen ein, ganz abgesehen davon, dass es Corona-Texte und Corona-Stücke geben wird. Die Künste sind das Sensorium der Zeit.

Und wir werden uns vielleicht auch stärker der Tatsache bewusst, dass viele Kunstwerke und Theatertexte aus früheren Krisenzeiten stammen und diese reflektieren, es gibt Kunst nicht gratis.
Natürlich, schauen Sie nur auf Lessing, Kleist oder Schiller. Ich glaube, dass wir auf Stücke von Sartre und Camus und Ionesco zurückgreifen werden, auf das Absurde Theater nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir werden glücklich und dankbar sein, wenn überhaupt etwas stattfindet, da wird man (vielleicht auch die professionellen Kritikern und Kritikerinnen) etwas weniger nörgelnd herumkritteln, wird die Dankbarkeit stärker sein als spitzfindiges Mäkeln. Wir müssen uns erst mal wieder vollsaugen mit diesen herrlichen Klängen und Texten.

Waren wir vor der Pandemie kulturell übersatt?
Nein, wir waren hungrig – und nie satt. Bücher zu lesen, Musik zu hören, Theater zu sehen, der Kunst zu begegnen in Museen und Galerien – dieses Bedürfnis sitzt ganz tief drin im Menschen. Kultur ist absolut systemrelevant. Und das gilt für Berlin besonders.

Wie werden Sie Ihren Geburtstag feiern?
Ich werde an dem Tag nicht arbeiten und bin am Abend mit meiner Familie zusammen.

Und was wünschen Sie sich?
Ich wünsche mir, dass die Kulturetats auch nach der Pandemie nicht gekürzt werden, die Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof nicht abgerissen, aus einem Spatenstich für ein Museum bald ein Baugelände wird. Wenn Berlin nicht der Anziehungspunkt für insbesondere junge Künstler bleibt, wenn wir den Boden dafür nicht bereiten, dann ist Berlin, rohstoffarm und meeresfern wie es ist, keine interessante Stadt mehr, bloß eine große Stadt wie viele andere.