Simon Rattle wird Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters

Am 19. Januar wird Simon Rattle seinen 66. Geburtstag feiern – und natürlich drängte sich der Gedanke an Udo Jürgens’ Evergreen auf, als jetzt bekannt wurde, dass der Sir seinen Vertrag beim London Symphony Orchestra auslaufen lässt, um Chefdirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu werden.

Jürgens singt davon, wie er als Rentner noch mal richtig aufdrehen will: „Da föhn’ ich äußerst lässig das Haar, das mir noch blieb, ich ziehe meinen Bauch ein und mach auf heißer Typ.“ Der weißlockige Rattle dagegen bleibt natürlich seiner Profession treu, trifft mit dem Wechsel nach München aber eine folgenschwere Karriereentscheidung.

Als er sich nach 16 Jahren an der Spitze der Berliner Philharmoniker entschloss, ab 2017 das beste Orchester Großbritanniens zu übernehmen, da durfte das auch als patriotisches Bekenntnis gewertet werden. Dass er nämlich in der Stunde der Not die vor den Brexit-Auswirkungen zitternde Kulturszene seines Heimatlandes nicht im Stich lassen wollte.

Wenn der unbestritten beste, bekannteste Klassik-Künstler mit britischem Pass nach London geht, so war die Hoffnung, dann würden sich womöglich endlich die Träume von einem neuen Musikzentrum mit akustisch herausragendem Konzertsaal in der britischen Hauptstadt erfüllen. Denn so exzellent die Sinfonieorchester dort auch sind, einen Ort, der sich mit der Berliner Philharmonie messen kann, haben sie nicht.

Das geplante „Centre for music“ ließ auf sich warten

Und es sah auch gar nicht so schlecht aus für das Prestigeprojekt: Ein Bauplatz in der City wurde gefunden, Geld für die Vorplanungen bereitgestellt, das New Yorker Architekturbüro Diller/Scofidio/Renfro lieferte einen spektakulären Entwurf.

Doch mit dem Beginn der Pandemie wich immer mehr die Hoffnung auf eine Realisierbarkeit des Centre for music, das durch niederschwellige Angebote und Spitzen-Klassik die gesamte Bevölkerung ansprechen soll – mit dem telegenen Kommunikationsgenie Sir Simon als Aushängeschild.

Die moralische Hürde für einen Wechsel lag für Rattle also denkbar hoch. Allgemein wurde darum erwartet, dass er seinen bis 2022 terminierten Fünfjahresvertrag in London verlängern würde. Doch nun ist er bereit, zu desertieren, frustriert von der britischen Brexit-Politik.

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Darauf setzte man besonders in München große Hoffnungen. Denn seit dem Tod seines viel geliebten Chefdirigenten Mariss Jansons im November 2019 ist dort das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf der Suche nach einem adäquaten Ersatz – und Rattle gehört zu den absoluten Lieblingen der Münchner Kulturszene, wird gleichermaßen vom Publikum wie von den Medien verehrt.

Obwohl er hier erst sehr spät debütiert hat, nämlich 2010. Erstmals erlebt allerdings hatte er das BR-Orchester schon als Teenager, bei einer Großbritannien-Tournee der Münchner 1970.

Intendant Ulrich Wilhelm drängte auf Entscheidung

Im Juli, nach einem umjubelten Auftritt des britischen Dirigenten, hatte der Musikkritiker Markus Thiel im „Münchner Merkur“ geschrieben: „Gemessen am Applaus müsste Rattle sofort als Nachfolger von Mariss Jansons engagiert werden.“ Doch, so wusste Thiel auch zu berichten, der Maestro zögere, so gerne er auch mit den Münchnern arbeite. Weil er um die Erwartungen weiß, die in London in ihn gesetzt werden.

„Spätestens im Herbst“, vermutete Markus Thiel damals, werde der Name des Jansons-Nachfolgers feststehen. Denn der für die Ernennung zuständige BR-Intendant Ulrich Wilhelm wolle die Sache unbedingt noch in seiner Amtszeit regeln, die am 31. Januar endet.

Darum scheint Wilhelm dem Maestro nach der langen Phase des Umwerbens schließlich ein Ultimatum gesetzt zu haben. Hoch gepokert, glücklich gewonnen: Ab der Spielzeit 2023 wird Rattle seinen persönlichen Brexit vollziehen und das Chefdirigentenamt in München antreten. Privat lebt er ja sowieso weiterhin in Deutschland, wohnt mit seiner Frau Magdalena Kozena und den drei gemeinsamen Kindern in Berlin-Nikolassee.

Rattle wird in München sehr verehrt

Auch in München soll übrigens bald ein neues Konzerthaus gebaut werden, für das Mariss Jansons viele Jahre gestritten hat und dessen Realisierung jetzt Rattle vorantreiben muss. Als Weltstar ist er ein gutes Schutzschild für das Orchester in den zu erwartenden Sparrunden der Nach-Corona-Zeit.

300 Millionen Euro sind als Baukosten für das Projekt mit zwei Sälen am Ostbahnhof vorgesehen, eine Menge Geld. Zudem hat München als erste deutsche Großstadt bereits angekündigt, schon 2021 in allen Bereichen die Ausgaben pandemiebedingt um 6,5 Prozent kürzen zu wollen.

Seinen Freunden in Großbritannien kann Rattle jetzt zum Trost nur noch eine Strophe aus Udo Jürgens’ „Mit 66 Jahren“-Schlager vorsingen: „Und sehen mich die Leute entrüstet an und streng, dann sag’ ich: Meine Lieben, ihr seht das viel zu eng!“