Siegeszug mit Schattenseiten

Bei diesem Buch dürfen sich die Leserinnen und Leser mal als Comic-Helden fühlen, geht es doch in „Sapiens – Der Aufstieg“ (C.H. Beck, 248 S., 25 €) um uns alle. Denn dieser Sachcomic zeichnet den unaufhaltsamen Siegeszug der Spezies nach, der wir angehören, des Homo Sapiens.

„Sapiens“ ist ein großer Wurf – so faktenreich, unterhaltsam und packend wurde die Menschheitsgeschichte bisher nur selten ausgebreitet. Das begeistert sowohl das Publikum wie auch die Comic-Kritik. „Sapiens“ ist nämlich 2020 nicht nur der im Buchhandel meistverkaufte Comic des Jahres, sondern führt im vierten Quartal auch die Comic-Bestenliste an, die wieder eine Jury aus 30 Kritikerinnen und Kritikern von Tageszeitungen, Rundfunkhäusern, Fachmagazinen und Comic-Websites zusammengestellt hat.

Zugrunde liegt dem Band der Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari, dessen Name zu Recht besonders groß auf dem Comic prangt. Harari tritt hier in der Rolle des Erzählers als Comic-Figur auf.

Das Titelbild von „Sapiens – Der Aufstieg“.Foto: C.H. Beck

Dass er einer Adaption seines Buches zugestimmt hat, dürfte auch daran liegen, dass für die Umsetzung ein hochkarätiges Team verantwortlich zeichnet. Als Szenarist wurde der Belgier David Vandermeulen engagiert, der „Die Comic-Bibliothek des Wissens“ konzipierte, eine außergewöhnliche Reihe von Sach-Comics, die auf Deutsch bei Jacoby & Stuart erscheint. Hier arbeitete Vandermeulen auch schon mit dem Zeichner Daniel Casanave zusammen, der unter anderem viel beachtete Comics mit dem Astrophysiker Hubert Reeves verfasste.

Vom Superhelden zum Superschurken

Hinter „Sapiens“ stehen also Autoren, die wissen, was sie tun. Deshalb wird ihr am Ende wohl an die 1000 Seiten starkes Werk auch ganze vier Bände benötigen. Doch dabei wird es nicht ganz so heldenhaft für uns Menschen weitergehen. Denn schon zum Ende des ersten Bandes wird uns der Prozess gemacht – mit einer Anklageschrift, die es in sich hat.

Praktisch von Anbeginn an hat unsere Spezies auf allen Kontinenten, die wir über die Jahrtausende eroberten, innerhalb kürzester Zeit große Teile der Fauna ausgerottet. Daher dürfte der Homo Sapiens in den schon in Arbeit befindlichen weiteren Teilen des Comics alles andere als heroisch wegkommen und mehr und mehr in die Rolle des Comic-Schurken hineinwachsen.

[Acht-Tagesspiegel-Autor*innen haben kurz vor Weihnachten ihre besten Comics des Jahres gewählt – hier das Ergebnis. Und hier gibt es die Favoriten der Tagesspiegel-Leser*innen]

Die Kritikerliste präsentiert der Tagesspiegel seit zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem Fachmagazin Buchreport, der Website Comic.de und dem Kulturradio vom rbb. Alle drei Monate wählen die Beteiligten, die für Zeitungen, Fernseh- und Radiosender oder Websites arbeiten, ihre Favoriten unter den aktuellen deutschsprachigen Neuerscheinungen aus.

Die Top-10 des vierten Quartals 2020

Hier die Liste der zehn bestbewerteten Titel des vierten Quartals 2020:

Platz 1: Harari/Casanave/Vandermeulen: Sapiens – Der Aufstieg (C.H. Beck) – Tagesspiegel-Rezension folgt in Kürze

Platz 2: Mikael Ross: Goldjunge (avant-verlag) – hier gibt es die Tagesspiegel-Rezension des Titels

Platz 3: Hannah Brinkmann: Gegen mein Gewissen (avant-verlag) – Tagesspiegel-Rezension folgt in Kürze

Platz 4: Davide Reviati: Dreimal spucken (avant-verlag) – Tagesspiegel-Rezension folgt in Kürze

Platz 5: Jul/Achdé: Lucky Luke 99 – Fackeln im Baumwollfeld (Egmont) – hier gibt es die Tagesspiegel-Rezension des Titels

Platz 6: Paulina Stulin: Bei mir zuhause (Jaja Verlag) – hier gibt es die Tagesspiegel-Rezension des Titels

Platz 7: van Poelgeest/Bertram: Little Bird, Band 1 (Cross Cult) – Tagesspiegel-Rezension folgt in Kürze

Platz 8: Taiyō Matsumoto: Sunny, Band 1 (Carlsen) – Tagesspiegel-Rezension folgt in Kürze

Platz 9: Uli Oesterle: Vatermilch, Band 1 (Carlsen) – hier gibt es die Tagesspiegel-Rezension des Titels

Platz 10: Andrea Serio: Rhapsodie in Blau (Schreiber & Leser) – Tagesspiegel-Rezension folgt in Kürze

Redaktioneller Hinweis: Der Autor dieses Textes, Martin Jurgeit, ist der Initiator der vierteljährlichen Bestenliste.