Sich selbst reformieren, geht das?

Wenn das Gutachten des Wissenschaftsrats zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Misere bei den Staatlichen Museen zu Berlin nicht schon publik gemacht hätte, es müsste spätestens jetzt erstellt werden. Auch das eine Lehre aus dem Kunst-Anschlag auf der Museumsinsel: Es ist was faul in den Staatsmuseen, und wie.

Verkrustete Strukturen, überkommene Hierarchien, Intransparenz und eine Öffentlichkeitspolitik, die die Häuser abschottet, statt für sie zu werben: Die im Gutachten formulierte Kritik bestätigt sich auf traurige Weise. Generaldirektor Michael Eissenhauer war schon nach der Vorstellung der Evaluation im Juli weitgehend auf Tauchstation geblieben.

Auch nach dem Aufstand des Mittelbaus im August, als 19 Sammlungschefs eine Beteiligung am geforderten Reformprozess einklagten. Jetzt, in den Tagen nach dem „größten Angriff auf die Museen seit dem Zweiten Weltkrieg“, tritt Eissenhauer ebenfalls nicht in Erscheinung.

Das Krisenmanagement hat seine Stellvertreterin Christina Haak übernommen – Frauen sind ja oft die Troubleshooter. Es hieß, Eissenhauer sei erkrankt und am Montag wieder im Amt. Am Freitag meldete er sich in einer Pressemitteilung zum Sonderausstellungsprogramm 2021 ausführlich zu Wort. Am gleichen Abend berichtete der RBB, dass eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Eissenhauer vorliegt – womöglich der Grund für seine Abwesenheit in der vergangenen Woche.

Nach Informationen des Tagesspiegel haben mehrere Direktoren der Häuser auf der Museumsinsel die Beschwerde eingereicht. Der Generaldirektor habe die Schäden erst nach Tagen besichtigt, auch habe er die Installation von Überwachungskameras verzögert, so die Vorwürfe. Über die Details berichtete am Samstag auch die „Frankfurter Allgemeine“. Ist Eissenhauer noch zu halten, wenn dies zutrifft? Wie lange bleibt der 63-Jährige noch auf seinem Posten?

Unter Druck. Der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Michael Eissenhauer, erhielt eine Dienstaufsichtsbeschwerde.Foto: picture alliance/dpa

Anstelle von Eissenhauer wandte sich wieder einmal dessen Vorgesetzter an die Öffentlichkeit. Hermann Parzinger, Direktor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, äußerte sich ausführlich zum Dilemma der Museen, zwischen Besuchernähe und dem Schutz vor Vandalismus abwägen zu müssen. Er betont, dass mehr Sicherheit mehr Geld und mehr Personal kostet. Und dass auch die Gesellschaft, die Museumsbesucher gefragt sind.

Vermüllter Kolonnadenhof, jetzt auch noch die Beschmierung der berühmten Granitschale vor dem Alten Museum, Anfeindungen der Häuser, wenn sie heiße Themen aufgreifen, mangelnde Wertschätzung für die Kunst – das alles ist in der Tat erschreckend. Aber die Versäumnisse liegen nicht nur bei den anderen.

Auch die große Granitschale im Lustgarten vor dem Alten Museum wurde jetzt ein Opfer des Vandalismus.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Dutzende beschädigte Kunstwerke, und kein Aufsichtspersonal hat etwas bemerkt? Ein Zeugenaufruf erst Wochen nach der Tat vom 3. Oktober? Keine Personalienerfassung bei an der Kasse erworbenen Tickets, wie in vielen Museen wegen Corona üblich? Das LKA habe um Stillschweigen gebeten, so Parzinger und Co. Aber wieso ist über zwei Wochen lang offenbar nicht über die Informierung der Öffentlichkeit nachgedacht worden? Peinlich, dass eine solch gravierende Kunstattacke nur deshalb publik wird, weil ein „Zeit“-Journalist bei einem privaten Museumsbesuch zufällig die Flecken und die Spurensicherungs-Zettelchen bemerkt und ein Wärter auf Nachfrage freimütig von einem Anschlag am Tag der Deutschen Einheit berichtet.

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Nein, die Museen sind keine Opfer, sondern mächtige, eigenverantwortliche Institutionen. Schon der Münzenklau durch ein nicht gesichertes Fenster des Bodemuseums 2017 war beschämend. Hermann Parzinger, der seinerseits mächtige Chef einer der weltweit bedeutendsten Kulturinstitutionen, stellt die Museen dennoch einmal mehr als Opfer hin. Genau wie bei der Reform. Es sind die althergebrachten Strukturen, es sind die maroden Gebäude, die mangelnde finanzielle Ausstattung, ach, wir wollten ja, wenn wir nur könnten und dürften.

Warum hat Parzinger nicht längst die Strukturen verschlankt, Sous-Chefs abgesetzt, die Kommunikation zwischen Zentralverwaltung und Museumsleitungen vereinfacht? Wir brauchen mehr Freiheit, mehr Geld, rufen jetzt auch die Sammlungsdirektorinnen und -direktoren. Als sei die Misere nicht hausgemacht, als hätten sie nicht schon weit früher ihre Stimmen erheben können. Zum Beispiel wegen unklarer Zuständigkeiten bei den Sicherheitsvorkehrungen. Bei aller Loyalität, auch Chefs dürfen protestieren.

Das Gutachten des Wissenschaftsrats fiel für die Museen vernichtend aus

Was für ein Jahr für die Berliner Häuser. Erst das Debakel bei der Nationalgalerie, die die Rieck-Hallen mit der Sammlung Flick verlieren. Nationalgalerie-Chef Udo Kittelmann geht in wenigen Tagen, seine Stelle ist nicht ausgeschrieben, sie bleibt wohl vakant. Dann das vernichtende Zeugnis des Wissenschaftsrats. Viertens die nicht gerade besucherfreundliche Pandemie-Politik: Andere große Häuser eröffneten deutlich früher nach dem Ende des Lockdowns im Mai. Der Anschlag datierte auf den Tag der Wiedereröffnung des Pergamonmuseums – im Oktober! Es lag am Lieferengpass für Plexiglasscheiben, unter anderem. Wer solche Gründe angibt, beweist nicht gerade großes Engagement. Jeder Berliner Späti war einfallsreicher.

Parzinger und sein Vize Gero Dimter sind selbst Mitglieder der Reformkommission, die sich ansonsten aus Vertretern von Bund, vier Ländern und einer (wechselnden) Person aus den Museumsleitungen zusammensetzt und die am Mittwoch zum ersten Mal tagt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte als oberste Dienstherrin den Reformprozess angestoßen und zeigte sich dieser Tage sichtlich ungehalten. Sie will von Parzinger wissen, wie diese vielen Beschädigungen unbemerkt geschehen konnten und wie so etwas künftig verhindert werden soll.

Grütters sollte die Zusammensetzung der Reformkommission überdenken

Trotz des Unmuts bleibt es dabei: Die Stiftung soll sich selbst reformieren, gemeinsam mit ihren Trägern. Ausgerechnet diejenigen, die das Missmanagement verantworten, sollen es richten. Kein guter Plan. Auch wenn klar ist, dass eine radikale Reform Gesetzesänderungen erfordert. Die Länder zum Beispiel müssen ihrer Selbstabschaffung als Mit-Träger zustimmen, deshalb bleiben auch sie vorerst im Boot. Friederike Seyfried, jene Direktorin des Ägyptischen Museums, die den Medienvertretern die Ölflecken auf den antiken Schätzen zeigte, riet zu einer unabhängigen Berateragentur. Dazu ist es nicht gekommen. Aber angesichts der Versäumnisse der Museumsleitung nach dem Anschlag ist es noch dringlicher: Grütters sollte die Zusammensetzung der Kommission überdenken.

Die Reform wird ein Marathon, kein Sprint, hatte Grütters gewarnt, von drei bis fünf Jahren ist die Rede. Es wäre schlimm für die Kunstschätze, für die Häuser und ihre Besucher, wenn über so lange Zeit alles beim Alten bliebe.