Sein Hauptfeind ist die Lüge

Noch vor Vietnam hat ihn etwas anderes aus der Bahn geworfen, die Trennung seiner Eltern. Oliver Stone, das Scheidungskind, geboren aus einer „ursprünglichen Lüge“. Es ist eine heftige Passage im 420-Seiten-Buch „Chasing The Light“: Ohne die Liebeslüge des New Yorker Börsenmakler-Vaters und der französischen Mutter, die er gern eine Partylöwin nennt, „hätte ich nie existiert“. Kinder wie er hätten das Gefühl, nichts und niemandem trauen zu können.

Stones Liebe zur Wahrheit, besser: sein unaufhörlicher Krieg gegen die Lüge rührt nicht zuletzt aus dieser ursprünglichen Erschütterung.

Oliver Stone, der Regisseur von Erfolgsfilmen wie „Wall Street“ oder „JFK“, hat seine Autobiografie geschrieben. Das heißt, nicht ganz, es geht um die ersten 40 Jahre des heute 74-Jährigen, um seine Kindheit, die 18 Monate in Vietnam, die Anfänge als Scorsese-Schüler, Drehbuchautor und Horrorfilmemacher bis zum hart erkämpften ersten Ruhm mit den Kriegsfilmen „Salvador“ und „Platoon“, für den er 1987 den Regie-Oscar gewann.

Wer wissen will, was Stone zur Debatte um die Gewaltdarstellung in „Natural Born Killers“ oder über seine viel kritisierten dokumentarischen Annäherungen an Autokraten wie Fidel Castro, Hugo Chavez oder Wladimir Putin zu sagen hat, der muss auf die Fortsetzung warten.

Oliver Stone als 20-jähriger Infanterist in Vietnam. Das Foto ziert auch das Buch-Cover.Foto: imago/Everett Collection

„Bei Tageslicht kamen verkohlte Leichen, pulverisiertes Napalm und graue Bäume zum Vorschein. Männer, deren Grimassen und Haltungen im Augenblick ihres Todes eingefroren waren …“: Das Kapitel über Vietnam ist kurz und am heftigsten. Der 20-Jährige bricht Yale ab, trotzt den Eltern, geht in den Dschungel, macht keinen Hehl aus der Brutalität gegenüber Zivilisten und den eigenen Kameraden.

Stone schreibt gegen die Verlogenheit seines Landes und die Schönfärberei Hollywoods an

Wie der Krieg einen den Verstand verlieren lässt, das wollte er in „Platoon“ erzählen, in aller Härte. Seitdem ist sein Hauptfeind erst recht die Lüge: die Verlogenheit derer, die verharmlosende Vokabeln wie „friendly fire“ oder „Kollateralschaden“ erfinden, die moralische Amnesie Amerikas und überhaupt die Verlogenheit der Politik, die hinterhältige Macht des Geldes, die Schönfärberei Hollywoods.

Oliver Stone, der zornige Krieger. Wie einen General setzt er sich schon in der Einleitung in Szene, wenn er in einer mexikanischen Kleinstadt eine Schlachtenszene für „Salvador“ befehligt und sichtlich in seinem Element ist. Kino ist Krieg: Der Überlebensinstinkt als Fußsoldat in Vietnam entspricht für ihn der Wachsamkeit des Kameraauges. Er stählt ihn auch für den Kampf mit Produzenten-Diktatoren und kapriziösen Schauspielern, mit immensen Finanzierungshürden und den Widrigkeiten beim Drehen.

Der US-Regisseur Oliver Stone heute. Bei der Vorstellung seines Buches in Venedig sagte er, er wolle keine Spielfilme mehr drehen,…Foto: dpa/ Domenico Stinellis

Stone teilt aus und steckt ein. „Chasing The Light“ ist ein ehrliches, seinerseits knallhartes Buch. Wichtiger als Anekdoten über seine Arbeit mit Al Pacino, seine Begegnung mit Billy Wilder oder sein Telefonat mit Marlon Brando sind ihm die Schilderung der Verrohung in Vietnam, der eigenen finsteren, auch einsamen jungen Jahre, der Drogensucht, des „Method Drinking“ am Set, der Schlangengrube des Studiosystems.

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Gerne vergleicht der Homer-Fan Stone sich mit Odysseus, der sich die Ohren nicht mit Wachs verstopft, anders als die Gesellschaft. Das Schreiben war seine Rettung, den Kampf mit den eigenen Fehlern führt er auch über die Fiktionalisierung in Thriller- und Actionszenarien.

Nichts gegen das Gossenhafte seiner Sprache, die leider öfter fehlerhaft lektoriert oder übersetzt wurde. Aber der permanente Macho-Ton stört beim Lesen mehr und mehr. Stone liegt seinen beiden ersten Ehefrauen Najwa Sarkis und Elizabeth Cox zwar zu Füßen, reduziert sie aber letztlich auf Heim, Herd und Sex. „Weich, wunderschön und willig“ in den Morgenstunden, mit solchen Sexismen huldigt er der Mutter seines ersten Kindes. Und in der Selbstkritik am Alphatier Stone, das im „Wettstreit gegen die Zeit“ und im Rennen gegen sich selbst einen Film nach dem anderen realisiert, schwingt immer auch Stolz mit.

Die Disziplin des Vaters, die lebensfröhliche Mutter, beides prägt ihn

Amerika und Europa, die Disziplin des republikanischen Vaters, die Genusssucht der rebellischen, lebensfröhlichen Mutter: Die Anteile des stereotyp Maskulinen und Femininen entdeckt er immer wieder an sich selbst. Wobei der Berserker überwiegt.

So ist „Chasing The Light“ nicht zuletzt ein Männerbuch über die Männerwelt des US-amerikanischen Films, lange vor der MeToo-Debatte. Auf Deutsch erscheint der Band übrigens im Finanzbuch Verlag, einem Inprint der Münchner Verlagsgruppe, die auch rechtskonservative Autoren wie Thilo Sarrazin oder den AfD-nahen Ökonomen Max Otte publiziert.

Die New Yorker Kritikerpäpstin Pauline Kael hat „Salvador“ einmal die „Vision eines rechts denkenden Machos und politisch linken Polemikers“ genannt. Man könne meinen, „dass jemand ihm eine Pistole in den Nacken drückt und schreit: ,Los, mach!‘ und die Waffe nicht runternimmt, bis der Film fertig ist“. Oliver Stone gefiel das, er fühlte sich ertappt. Kaels Beschreibung trifft auch auf dieses Buch: eine anrüchige, abgebrühte Oberfläche, darunter Empfindsamkeit. Bei der Vorstellung seines Buchs während des Filmfests Venedig sagte Oliver Stone, er wolle keine Spielfilme mehr drehen, nur noch Dokumentationen.
Oliver Stone: Chasing The Light. Die offizielle Autobiografie. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gilbert. Finanzbuch Verlag, München 2020, 416 S., 22,99 €.