Schönheit ist kein Verbrechen

Zusammen mit seinem Zwillingsbruder hat er die Architekturgeschichte still geprägt: Mit 81 Jahren ist Jürgen Patzschke gestorben.

Christoph Stölzl
Die Architekten Rüdiger, Robert und Jürgen Patzschke (rechts) haben in Berlin viel gebaut.Foto: promo

Jürgen Patzschke war zeitlebens ein Außenseiter der Architektenzunft und hat trotzdem Architekturgeschichte geschrieben. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Rüdiger, der wie er für das Ideal einer klassisch „schönen“ Architektur brannte, hat er mit seinen Entwürfen erst laute Kritik provoziert, später dann Einfluss auf das zeitgenössische Bauen ausgeübt.

Die Geschichte beginnt mit zwei Halbwaisenkindern, die in den Trümmerfeldern Berlins herumstreiften. Hier entstand die Liebe zu den ornamentalen Details der traditionellen europäischen Stadt, die nun als Fragmente im Sand lagen. Später, in den 50er Jahren, kamen die Fahrradfahrten durch die vom Krieg unzerstörten Villenlandschaften des Berliner Südwestens. Hier ließ sich lernen, nach welchen Grundsätzen man Häuser und Gärten entwirft, die man auf den ersten Anblick liebt. Als ausschlaggebend für den späteren Weg der Brüder Patzschke erwies sich die Entscheidung, es bei der Ingenieursausbildung zu belassen.

Von den Botschaften der führenden Städtebauer blieb Patzschke deshalb ganz unbeeinflusst. Dass die „autogerechte Stadt“ ein Irrweg war ebenso wie die Zerstörung der alten Symbiose von Arbeiten und Wohnen, dass das Fortdauern der „Ornament ist Verbrechen“- Lehre von Adolf Loos eine Selbstblockade fürs Entwerfen war – das alles war Patzschkes Credo lange vor der großen Ernüchterung gegenüber dem schablonisierten Funktionalismus-Zeitgeist, der sich zu Unrecht auf das Bauhaus berief.

Alles begann auf Gran Canaria

Wolf Jobst Siedlers Kampfschrift „Die gemordete Stadt“ von 1964 wurde ein schicksalhafter Zuruf: Dieses Hohelied der alten europäischen Stadt Paris, London und Berlin vor 1914 und diese Anklage der Sünden der gegenwärtig machtvollen Architektengeneration ist die Bibel der Patzschkes geworden.

Die Probe aufs Exempel fand auf Gran Canaria statt. Dort entwarfen sie einen ganzen urbanen Komplex, darunter ein Hotel, ein Theater und eine Shopping Mall. Das Bild der alten maurischen Architektur im Sinn, zeichneten sie sich frei und entwarfen so ornamental, schönheitsbewusst und traditionsorientiert, wie sie es in Deutschland sicher nicht hätten tun können. Das spanische Werk blieb weitgehend unbekannt.

Einer deutschen Öffentlichkeit schlagartig bekannt wurden Jürgen Patzschke und sein Bruder erst mit dem Entwurf für den Neubau des Hotels Adlon, der sie gleichsam zu den Protagonisten einer klassisch-traditionellen Architektur in Deutschland machte. Der Bauherr Otto Walterspiel vom Kempinski-Konzern war enttäuscht von den funktional einwandfreien, aber allen Zaubers entbehrenden Entwürfen mehrerer namhafter Büros. Er stieß auf die Patzschkes und diese begeisterten ihn mit drei handgezeichneten Alternativen, von denen eine dann 1:1 gebaut wurde.

Der Neubau des Hotels Adlon machte die Brüder Patzschke berühmt.Foto: picture alliance/dpa

Das Echo des fertigen Baus war gewaltig. Von der Architekturkritik wurde der Bau als hemmungslos retrospektiv, reaktionär, wenn nicht gar als grandioser Kitsch gebrandmarkt, als Architektur der röhrenden Hirsche: „Der Bau tut so, als sei er immer schon da gewesen.“ Vom Publikum wurde das neue Adlon dagegen sofort mit Sympathie begrüßt. Wenn man heute, im Abstand der Jahrzehnte, die Fassade nüchtern betrachtet, dann sieht man eine höchst sachliche, ein wenig an Klassizismus erinnernde Erscheinung. Von Ornament-Verspieltheit keine Spur.

Fünf Jahre hätten sie keinen deutschen Auftrag bekommen, so schilderten die Patzschkes einmal den Adlon-Effekt auf ihr Leben. Die Fernwirkung des Paukenschlages ihres Bekenntnisses zur Bautradition des 19. Jahrhunderts war umso größer. Inzwischen stehen viele Patzschke-Bauten in Berlin, die auch so tun, als seien sie immer schon dagewesen.

Demut vor der Baukunst der Vergangenheit

Nicht alle stammen aus dem Büro der Zwillingsbrüder. Denn die Patzschkes haben auf stille Weise Schule gemacht. Darum sind sie einigermaßen versöhnt mit der Häme von damals: „Die an der Spitze der Karawane marschieren, kriegen die ersten Schüsse ab.“ Hunderte Bauten haben Jürgen Patzschke und sein Bruder und inzwischen auch die nächste Patzschke-Generation realisiert. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei, in Indien – überall mit einer behutsamen Anpassung an örtliche Bautraditionen. Die Demut vor der Baukunst der Vergangenheit gilt in fernen Landschaften wie in Berlin.

Jürgen Patzschke, der jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist, was hat er, außer das Wohlbefinden & Glück der Bewohner der von ihm entworfenen Gebäude, noch bewirkt? Man begibt sich damit auf das Gebiet der Spekulation. Aber ich denke, dass die Klimaänderung in der Architekturdiskussion der letzten Jahrzehnte unzweifelhaft mit Patzschke zu tun hat. Dass man sich für das Bauen in der Gegenwart nicht nur von einem historischen Stil, dem der klassischen Moderne, inspirieren lassen darf, ist ein Gedanke, der nicht mehr skandalös wirkt.

Die Fronten von einst sind friedlicher geworden. Auf der Architektur-Biennale in Venedig 2014 gab es keinen Krawall, als die Patzschkes neben all den Matadoren des Stahl- und Glasbaus ausgestellt wurden. Am Ende geht es allen Architekten um das Schöne – zu dem führen viele Bahnen. Die von Jürgen Patzschke wird als bemerkenswerte Weichenstellung unserer Zeit erinnert werden.