Schock und Rausch

Die deutschen Lolas wurden im Frühjahrs-Lockdown in einer TV-Show verliehen, die europäischen Filmpreise gibt es nun ausschließlich im Netz, auf www.europeanfilmawards.eu. An diesem Samstag steht nach einem viertägigen „EFAs at Eight“-Countdown die Verleihung der Hauptpreise ins Haus, nach den Voten der gut 3800 Mitglieder der European Film Academy. Ein Streamingevent aus dem Berliner Futurium anstelle der ursprünglich geplanten Gala in Reykjavik, bei dem das beste Drama und die beste Komödie gekürt und Preise für Regie, Drehbuch, Darsteller und Darstellerinnen verkündet werden. Wobei die Gewinner die silbrigen Statuetten bereits in Händen halten, von wo auch immer sie zugeschaltet sind. Spannung, Überraschung? Für die Nominierten gleich null.

In den Tagen zuvor waren die Sieger in den Nebenkategorien dran. Da standen etwa am Mittwoch Wim Wenders und Marion Döring – beide scheiden nach 24 Jahren aus ihren Ämtern als EFA-Präsident und -Geschäftsführerin – vor einer weißen Wand, verlasen die Namen und riefen den Geehrten Adjektive wie „fantastic“ und „beautiful“ zu. Acht Preise in 25 Minuten, Lob- und Dankesreden inklusive: Auch wenn mancher im Frack vor die häusliche Laptop-Kamera tritt, so viel Schmucklosigkeit kippt schnell in die Tristesse. Da kann man sich nur an Dörings Versprechen klammern, dass die Party irgendwann nachgeholt wird.

Berlin ist gut vertreten in einem Jahr, das keine klaren Favoriten kennt

Eine Statuette ging an Dascha Dauenhauers Musik für „Berlin Alexanderplatz“, für ihre Vielfalt mit Pop, Orchester und Elektronik. Dauenhauer beschwor dann die Chance, mit den Mitteln des Films für eine bessere Welt zu kämpfen, gegen Rassismus und Diskriminierung.

Berlin ist mit Burhan Qurbanis Döblin-Adaption und Christian Petzolds Liebesfilm „Undine“ in der Königskategorie „Bester Film“ gut vertreten, in einem Jahr, das keinen klaren Favoriten kennt. Was daran liegen mag, dass die Kinos und Festivals im Lockdown weniger Kandidaten aufs Podest heben und viele Filme bisher nicht starten konnten. Zahlenmäßig liegen mit je vier Nominierungen die italienische Jack-London-Verfilmung „Martin Eden“, das polnische Katholikendrama „Corpus Christi“ und Thomas Vinterbergs Trinker-Parabel „Rausch“ vorne. Es folgen mit je zwei Nominierungen die Berlinale-Wettbewerbsbeiträge von Petzold und Qurbani. Die Nummer 6 bei den „Besten Filmen“ ist das tschechische Kriegsendedrama „Painted Bird“.

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Die Filmakademie erlebt gerade selbst das Ende einer Ära. Auf Wenders folgt als Präsidentin die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland, die schon lange in der Akademie aktiv ist, zuletzt von 2015 bis 2019 als Vorstandsvorsitzende. Für ihren jüngsten, auf der Berlinale gezeigten Historienfilm „Charlatan“ ist sie bei der Regie nominiert. In Dörings Fußstapfen tritt Matthijs Wouter Knol, der zuletzt den Europäischen Filmmarkt der Berlinale leitete. Auch der Vorstand ist in Teilen neu besetzt, aus Deutschland stoßen die Produzentin Bettina Brokemper und Nina Hoss dazu. Hoss ist bei den Darstellerinnen für „Schwesterlein“ nominiert, sie konkurriert dort unter anderen mit Paula Beer in „Undine“.

Für die Akademie geht eine Ära zu Ende, die neue beginnt kämpferisch

Beim Countdown-Eröffnungspanel unter dem Titel „From survival to revival“ hatte Agnieszka Holland den Klagen über die Krise des Kinos Einhalt geboten, nachdem Thomas Vinterberg meinte, die eigentliche Pandemie gehe von den Streamingplattformen aus. „Raus aus der Komfortzone, wir müssen bessere Filme machen“, rief sie der Runde aus ihrem Pariser Domizil kämpferisch zu. Die Regisseurin arbeitet längst auch für Apple TV, HBO und Netflix. Gerade hat Netflix in Polen einen feministischen Kompilationsfilm realisiert, „Erotica 2022“, bei dem auch Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk mit einem Script dabei ist. Die Regisseurin hält es für ein schlimmes Versäumnis der Europäer, nicht längst eigene Streamingportale gestartet zu haben, um der Macht des Algorithmus kuratierte Plattformen entgegenzusetzen.

Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus betonte dagegen, die Portale böten Chancen gerade für junge Filmschaffende. Sie warnt vor der Rückkehr zur alten Normalität. Einig war sich die Runde mit dem britischen Dokumentaristen Mark Cousins, der meinte, die Sehnsucht nach dem Unkontrollierbaren, also nach der zweistündigen Hingabe an ein Kinoabenteuer ohne Fast-Forward- oder Zapp-Option, werde die Menschen auch nach Corona wieder ins Kino locken.

Vielleicht braucht es ja mehr Filme wie Vinterbergs „Rausch“, der in Dänemark trotz Zuschauerbeschränkung 800 000 Tickets verkaufte. Manch einer ging vor Begeisterung gleich mehrfach ins Kino. Eine Tragikomödie über vier Freunde, die im Selbstexperiment der Theorie nachgehen, dass ein höherer Blutalkoholwert bessere Menschen aus uns macht: Hoffnungsschimmer oder Menetekel? Der deutsche Filmstart ist auf Ende Januar terminiert, vorerst.