Schmutzige Gelder, saubere Kunst

Das Thema ist gerade erst wieder aufgeploppt. Zur Art Week präsentierte der Berliner Künstler Leon Kahane unweit der Julia Stoschek Collection an der Leipziger Straße seine Installation „Jerrycans to can Jerry“, die auf die Verflechtungen der Firma Brose mit der Rüstungsindustrie während des Nationalsozialismus verweist.

Firmengründer Max Brose ist der Urgroßvater von Julia Stoschek, er machte ein Vermögen mit der Massenproduktion von Benzinkanistern. Die geniale Erfindung der metallenen Behältnisse übernahmen auch die Engländer und Amerikaner. Sie ermöglichte unter anderem den Alliierten den Sieg. So erzählt es jedenfalls ein lustiger, Pfeife rauchender Benzinkanister-Opi in Kahanes Video.

Leon Kahane lässt einen Benzinkanister-Opi die Geschichte erzählen

Ein Raunen ging durch die Szene: Kahane solle doch die Kunstsammlerin Julia Stoschek mit ihrer Familiengeschichte in Ruhe lassen. Die schlage sich genug damit herum, dass es in Coburg Widerstand gegen die Benennung einer Straße nach Max Brose gegeben habe. Jetzt hat der TV-Satiriker Jan Böhmermann das Thema in seiner Sendung „Magazin Royale“ wieder aufgegriffen: Max Brose habe als NSDAP-Mitglied und „Wehrwirtschaftsführer“, wie der Ehrentitel lautete, den Grundstein für den Reichtum der Stoscheks gelegt. Dass dafür 200 Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion schufteten, ist noch weniger bekannt.

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Der Fall erinnert an die Friedrich Christian Flick Collection, die bei ihrer Übernahme in den Hamburger Bahnhof zunächst umstritten war. Flicks Großvater Friedrich Flick gehörte ebenfalls zu den Wirtschaftskapitänen im „Dritten Reich“, auch hier waren Zwangsarbeiter die Ermöglicher seines Erfolgs. Der Enkel arbeitete nur kurz in der Kommanditgesellschaft der Familie, ließ sich ausbezahlen und investierte in Kunst.

Als Flick mit seiner Sammlung nach Berlin kam, gab es zunächst Proteste

Als er für seine Sammlung in Zürich ein Museum bauen wollte, gab es Widerstand. Stattdessen griff die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu, der Berliner Protest verstummte bald. Von einem Verweis auf die Hintergründe des Erbes im Museum sprach bald keiner mehr. Die Geschichte ploppte jetzt wieder auf, als bekannt wurde, dass Flick seine Sammlung nach 15 Jahren aus Berlin abziehen will.

Befragt, was der größte Erfolg für seine „Jerrycan“-Arbeit wäre, sagte Leon Kahane der „Jüdischen Allgemeinen“, er wünschte sich, dass die Zwangsarbeiterfamilien angemessen entschädigt und die Max-Brose-Straße in Coburg wieder umbenannt würde, „am besten in Erinnerung an die Zwangsarbeiter“.

Zwangsarbeiter ermöglichten das deutsche Wirtschaftswunder mit

Er trifft damit einen neuralgischen Punkt. Das deutsche Wirtschaftswunder gründete nicht zuletzt auf deren Ausbeutung. Daran erinnert sich keiner gern, schon gar nicht die Nachfahren der damaligen Industriellen.

Aber auch nicht der Kunstbetrieb, der vom kulturellen Engagement dieser Nachfahren profitiert. Die Flick Collection bescherte dem Hamburger Bahnhof einen ungeheuren Auftrieb, ohne Julia Stoschek und ihre Videokunst wäre Berlin ebenfalls ärmer. Doch spricht nichts dagegen, die Vergangenheit mitzuerzählen – zumal in Zeiten, in denen Rechte ein neues Narrativ zu etablieren versuchen.

Die Museumswelt schlägt sich mit dem Thema „Whitewashing“ herum

2019 erlebte die Museumswelt scharfe Anwürfe, weil viele sich von Unternehmen sponsern ließen, die als Klimakiller gelten, mit Waffen oder süchtig machenden Medikamenten handeln. „Whitewashing“ war nicht mehr gesellschaftsfähig. Der Pariser Louvre, die Tate in London, das Metropolitan Museum in New York gingen auf Abstand zur Sackler-Familie und ihrem Pharmakonzern.

Die aktuelle Debatte um schmutzige Fördergelder hält an. Zwangsarbeit gehört in Deutschland der Vergangenheit an, das Kapitel dennoch nicht abgeschlossen.