Schiedsrichter verzichten auf Gehalt

Wenn man Nils Blümel fragt, wie es sich anfühlt, Handballspiele ohne Zuschauende zu pfeifen, dann beschreibt er es so, als würde man „ein schönes Klavierstück nur mit einer Hand spielen“. Obwohl der ein oder andere annehmen könnte, dass er als Schiedsrichter froh darüber sei, weil ihm von den Zuschauerrängen zum Teil auch Kritik entgegen schwappe, vermisse er die Zuschauenden – sowohl die, die applaudierten als auch jene, die ihn kritisierten. Es macht im Moment alles einfach nur halb so viel Spaß.

Nils Blümel ist Schiedsrichtersprecher des Deutschen Handballbundes und als Schiedsrichter im Elitekader tätig. Nachdem die Bundesliga im Frühjahr vorzeitig abgebrochen werden musste, startete vor wenigen Wochen die neue Saison – allerdings auch im Handball unter erschwerten Bedingungen: Nicht nur die strengen Hygienekonzepte, sondern auch das Zuschauerverbot stellen für viele Vereine eine große Herausforderung dar.

Es sei so, dass Handball – anders als einige andere Sportarten – überwiegend durch Zuschauereinnahmen finanziert werde, erklärt Blümel. Das betreffe nicht nur den Spielbetrieb in der Bundesliga, sondern ziehe sich hinunter bis in die Kreise. „Der Handball kann allein durch Fernseheinnahmen nicht finanziert werden.“

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Viele Vereine stehen nun vor der Herausforderung, laufende Kosten wie zum Beispiel die Spielergehälter trotz ausbleibender Einnahmen decken zu können. Um sie zu unterstützen haben Blümel und andere Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen sich gemeinsam etwas einfallen lassen: Seit Beginn der Saison verzichten sie auf einen Teil der Spielleitungsentschädigung, genau genommen auf 25 Prozent. Das gilt sowohl für Schiedsrichter der ersten als auch der zweiten Liga. Die Summen werden normalerweise von den Vereinen gedeckt.

Blümel erzählt, dass die Schiedsrichter sich bereits im Anschluss an die vergangene Saison darüber Gedanken gemacht hätten, wie sie das Bestehen des Sports sichern könnten. „Wir leben unseren Sport. Die meisten von uns haben selbst aktiv Handball gespielt beziehungsweise tun es immer noch und uns liegt der Sport natürlich am Herzen.“ Gemeinsam hätten sie sich dazu entschieden, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten.

Die Reduzierung der Spielleitungsentschädigung gelte zum Beispiel auch für Topspiele, zu denen die Schiedsrichter anreisen müssten und bei denen sie normalerweise einen Zuschlag von 100 Euro bekämen. Außerdem habe man sich darüber verständigt, darauf zu achten, dass die Entfernung zu den Spielorten nicht „übermäßig hoch“ sei, sagt Blümel. Dadurch sollen zusätzliche Reisekosten reduziert werden. Er nennt auch ein Beispiel: „Wir aus Berlin haben noch kein Spiel in Balingen, in der Nähe von Stuttgart gepfiffen, weil das mit erheblichen Kosten verbunden wäre.“

Die Saison war von einem Tag auf den anderen vorbei

Für Blümel und seine Kollegen und Kolleginnen war die Saison im März „von einem Tag auf den anderen vorbei“, dementsprechend bekamen sie auch keine Spielerentschädigung. „Es ging sozusagen von hundert auf null und keiner wusste, wie lang diese Einschränkungen aufrechterhalten bleiben sollten”, beschreibt Blümel den vorzeitigen Abbruch der Bundesliga.

Zwar seien er und die anderen nicht mehr zu den Spielen gefahren, hätten aber weiterhin Videoschulungen gegeben und Fitnesstests absolviert. Vom Aufwand habe sich dementsprechend nicht viel geändert; vom Gehalt her schon. Hinzu kommt, dass Schiedsrichter wie Blümel, der hauptberuflich bei der Polizei arbeitet, in ganz unterschiedlichen Branchen tätig sind.

Auch sie waren dementsprechend von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen: Einige wurden in Kurzarbeit geschickt, andere mussten die Kinderbetreuung übernehmen, nachdem Schulen und andere Einrichtungen geschlossen worden waren. „Diese Zeit war – genau wie für andere Teile der Bevölkerung – eine erhebliche Herausforderung“, sagt Blümel.

Aktuell hat er den Eindruck, dass die Ligen und Vereine sich bezüglich der Hygienebedingungen professionell aufgestellt hätten: „Tatsächlich haben wir funktionierende Hygienekonzepte, die auch für uns Schiedsrichter händelbar sind.“

Muss auch verzichten. Nils Blümel.Foto: DHB/promo

Diese Maßnahmen sind allerdings auch für die Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen mit einem erhöhten Aufwand verbunden. So müsse man sich aktuell zwei Tage vor jedem Spiel testen lassen, berichtet Blümel. Das stelle für viele einen großen Aufwand dar – vor allem für diejenigen, die mehr als ein Spiel pro Woche pfeifen oder in einem Flächenstaat leben würden.

„Das sind dann schon mal drei Stunden, die man aufbringen muss, um vor dem Spiel getestet zu werden.“ Besonders bedauert Blümel es, dass aktuell keine Zuschauerinnen und Zuschauer zugelassen seien. Es fühle sich komisch an, wenn man „quasi das Quietschen des Turnschuhs noch wahrnehmen“ könne. Er hofft, dass alle die Pandemie gesund überstünden und die Hallen bald wieder voll seien.