„Scherbenhelden“ blickt schonungslos auf die Wende im Osten

Wieso er ein Punk ist? Das weiß Nino selbst nicht so genau. Am besten gefällt ihm die Antwort, die er von einem aus seiner Clique hat, den sie Kante nennen: „Ich scheiß auf das, was morgen ist.“ Klingt nach „No Future“, der Parole, die von den Sex Pistols in Umlauf gebracht wurde.

Aber Mila, die ihm beim ersten Rendezvous die Frage stellt, lässt sich nicht mit Zitaten abspeisen. Sie hakt nach: „Und wieso wirklich?“ Worauf Nino erst einmal nichts einfällt, dann sagt er: „Vielleicht ist es das Gefühl, nirgendwo so richtig dazugehören. Draußen zu stehen. Das vielleicht auch so zu wollen. Aber irgendwie auch Wut darauf zu haben.“

Nino ist der 15-jährige Ich-Erzähler in Johannes Herwigs Roman „Scherbenhelden“, der Mitte der neunziger Jahre in Leipzig spielt. In der einstigen „Heldenstadt“, die mit ihren Montagsdemonstrationen den Anstoß zur friedlichen Revolution gegeben hatte, ist die Euphorie der Wendezeit längst wieder verflogen.

Nino gehört zur letzten Generation, die als Thälmann-Pioniere auf eine kollektivistische Zukunft in der DDR vorbereitet werden sollte. Dem Sozialismus weint er keine Träne hinterher, doch auch den neuen Verhältnissen kann er nicht viel abgewinnen.

An die Zeit nach der Wiedervereinigung erinnert er sich als einen „Strom aus bunten Tüten, schmissigen Slogans, Rabattangeboten und freizügigen Magazinen“. Als die Währungsunion ihnen die D-Mark brachte, stürzten sich die Ostdeutschen, die vierzig Jahre vor dem Kapitalismus gewarnt worden waren, freudig in den Konsum. In der Klasse von Nino begannen alle zu klauen, selbst die größten Streber. „Es war geradezu zwangsläufig, ein Naturgesetz, wie das Kratzen an einem Mückenstich.“ Erwischt wurde er nie.

Freundschaft und Dosenbier

Johannes Herwig, der 1979 in Leipzig geboren wurde und im Stadtteil Connewitz aufgewachsen ist, hat die Übergangszeit selbst als Punk erlebt. Er schreibt in lakonischen, mitunter rasant beschleunigenden Sätzen. Über weite Strecken gleicht sein Roman einem Krimi.

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Er beginnt mit einer Actionsequenz. Nino und sein Schulfreund Max stehlen im Kaufhaus eine Videokassette, entkommen über die Rolltreppe und werden von einem Detektiv durch die Innenstadt verfolgt. Bis sich ihm ein paar Punks in den Weg stellen.

Nino und Max verstecken sich, und als sie sich bei einem ihrer Retter bedanken wollen, winkt der ab: „Welchen wie uns helfen wir gern.“ Die neue Freundschaft wird mit Dosenbier gefeiert.

Coolness als Panzer

„Wir alle wollten unsere Kindheit abschütteln“, heißt es einmal. Die Irokesenfrisur, die sich Nino von einem der Punks rasieren lässt, gefällt ihm vor allem deshalb, weil sie ihn erwachsener aussehen lässt. Die Pubertät ist eine Zeit der Aufsässigkeit, bei Nino kommt erschwerend hinzu, dass er allein auf sich gestellt ist.

Seine Mutter ist im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen abgehauen und lässt nur noch selten etwas von sich hören. Der Sohn lebt beim Vater, der genug damit zu tun hat, sich mit seinem kleinen Schuhmacherladen über Wasser zu halten. „Zeiten haben sich geändert. Muss jeder zusehen, wo er bleibt“, lautet dessen Ratschlag.

Bei den Punks, die sich auf einer Wiese im Stadtzentrum treffen, findet Nino Halt. Und er trifft Zombie, das Mädchen, in das er sich verliebt. Zombie geht keinem Kampf aus dem Weg, doch ihre Coolness ist bloß ein Panzer. Als Kind wurde sie von ihrem Stiefvater missbraucht.

Herwig ist ein genauer Beobachter

Punk zu sein ist kurz nach der Wende ziemlich gefährlich. Immer wieder wird die Gruppe von Neonazis angegriffen. Von der Polizei ist keine Hilfe zu erwarten, viele Beamten sympathisieren mit den Rechtsradikalen. Andy landet nach einer Auseinandersetzung im Krankenhaus.

Als er wieder zu Hause ist, will er sich eine Pistole besorgen, um Rache zu nehmen. Zur Finanzierung plant er einen Einbruch in einem Kiosk, bei dem Nino helfen soll. Keine gute Idee.

Herwig ist ein genauer Beobachter, er beschreibt, wie Leipzig sich nach der Wende verändert. „In der Innenstadt gab es mittlerweile viele glitzernde Warenhäuser, die westliche Ketten übernommen hatten. Die grauen, leer stehenden Gebäude dazwischen sahen aus wie schlechte Zähne in einem riesigen Gebiss.“

Es ist eine fast anarchische Zeit, die Freiräume für Jugendliche sind groß. Ähnlich wie Manja Präkels’ Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, der in einer brandenburgischen Kleinstadt spielt, handelt „Scherbenhelden“ von rechter Gewalt und ihren Opfern. Wer wissen will, wie es war, nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland aufzuwachsen, sollte dieses Buch lesen.