Schalke am Schuh

Der Revierklub kam nur durch eine Bürgschaft vom Land durch die Krise. Beim einst ruhmreichen Verein herrscht allgemeine Tristesse – von Vorfreude auf die neue Spielzeit ist nichts zu erkennen.




Aller unguten Dinge. Nabil Bentaleb war bei Schalke schon drei Mal raus, nun will er seine Chance nutzenFoto: Team 2/Imago

Es war ein Bild, das David Wagner nicht ohne Grund gewählt hatte. Der Trainer des FC Schalke 04 kramte vor ein paar Wochen die Hosentaschen seines Trainingsanzuges nach außen und zeigte sich als jemand, der keinen Cent mehr hat. Tatsächlich beschreibt diese Geste den finanziellen Zustand dieses Klubs, der wohl nur durch eine Bürgschaft des Landes NRW weiter existieren kann in der Coronakrise. Rund 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten plagen den Verein.

Die Schalker hatten schließlich schon über viele Jahre Wetten auf die Zukunft abgeschlossen und Geld eingeplant, dass sie irgendwann erst einnehmen würden – oder zumindest hofften einzunehmen Alles-oder-Nichts hieß das Schalker Spiel. Und wenn es finanziell ganz eng wurde, half stets der mächtige und steinreiche Clemens Tönnies mit Privat-Krediten aus.

Die Pandemie hat die Schalker nun aber zu Wettverlierern gemacht. Tönnies wird nun auch nicht mehr einspringen, im Sommer haben die unzufriedenen Anhänger den ehemaligen und langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden vom Hof gejagt. Und über all dem schwebt eine Ausgliederungs-Diskussion der Profiabteilung, der die meisten Klub-Mitglieder äußerst ablehnend gegenüberstehen, die aber die Verantwortlichen mittlerweile immer mehr befeuern, weil sie die Konkurrenzfähigkeit des Klubs gefährdet sehen.

Und so steht der Klub vor einer Saison, in der sich so viel verändert hat, dass er kaum wiederzukennen ist. Es ist nicht nur das Personal auf Führungsebene (der langjährige Finanzchef Peter Peters musste auch gehen), das verschwunden ist und nun ergänzt werden muss. Es sind vor allem die Ansprüche an sich selbst, die diametral zu denen des vergangenen Jahrzehnts stehen.

Die Jagd nach Titeln und internationalem Fußball ist erst einmal beendet. Mit den Klubs an der Spitze habe Schalke „rein gar nichts mehr zu tun“, sagt Wagner. Stattdessen gehe es „ausschließlich darum, dass wir da wieder rauskommen“. Vom selbst ernannten Titelanwärter zu einem Team, das froh ist, wenn es die ganze Saison nichts mit dem Abstieg zu tun hat. Von Vorfreude auf eine neue Spielzeit ist jedenfalls nichts zu erkennen.

Es ist nicht nur der Blick auf die leeren Kassen, die den Coach offenbar missmutig erscheinen lassen. Es sind auch die 16 Spiele ohne Sieg in Folge, die schlechteste Bilanz der Vereinsgeschichte, dürfte da nachwirken. Schalke ist in der Vorsaison nur knapp dem Abstieg entgangen. Und der Trainer Wagner nutzte jede Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass „wir so nicht wettbewerbsfähig sind“. Auch das hat nicht gerade zur Aufhellung der allgemeinen Tristesse rund um das Berger Feld, der Heimstätte des Ruhrgebietsklubs, geführt.

Die Fans fürchten sogar den Abstieg

Die Fans hatten zwischenzeitlich das Schlimmste – den Abstieg – befürchtet und wunderten sich vielfach, dass der Coach mit seiner gefühlt destruktiven Herangehensweise weiterarbeiten durfte. Sportvorstand Jochen Schneider bekräftige jüngst aber nochmal sein kurz nach Saisonende abgegebenes Bekenntnis zum Trainer: „Daran hat sich nichts geändert.“

Womöglich glaubt Schneider tatsächlich daran, dass Wagner noch die Kurve bekommt und das Team wieder ähnlich gut zueinander finden lässt, wie nach der Vorrunde der Vorsaison, die die Schalker mit Platz fünf abschlossen, punktgleich mit Borussia Dortmund. Aber auch der finanzielle Aspekt dürfte bei Schneiders Haltung eine Rolle spielen. Eine weitere Bezahlung eines teuren Angestellten nach der Beurlaubung kann und will der Klub sich nicht leisten.

Teure Neuzugänge sind für die Schalker ebenfalls nicht drin. Also müssen sie aus der Not eine Tugend für die anstehende Saison machen. Stammspieler wie Alexander Nübel, Jonjoe Kenny, Weston McKennie und Daniel Caligiuri haben den Verein verlassen. Allerdings haben die Schalker vor dieser besonderen Corona-Saison eine Situation, die wohl bisher einmalig ist in der Bundesligageschichte.

Es gibt eine Vielzahl von verliehenen Spielern, die eigentlich schon aussortiert waren, weil sie in Gelsenkirchen viel zu schlechte Leistungen erbracht oder schwerwiegende Disziplinprobleme an den Tag gelegt hatten. Nun sind sie wieder zurück. Sebastian Rudy, Mark Uth, Nabil Bentaleb und der Torwart Ralf Fährmann sollten eigentlich schnellstens verkauft werden, auch weil alle hohe Gehälter bekommen, die bei einem Wechsel die Schalker Konten deutlich entlasten würden.

Es gab zwar für den einen oder anderen Spieler Interessenten, die aber offenbar zu geringe Ablösesummen geboten haben und sich die missliche Lage des Klubs zu eigen machen wollten. Also überlegten sich die Schalker, wie sie ihre finanziellen und personellen Probleme am einfachsten lösen könnten. Die Lösung: Sie integrierten diese „Problemprofis“ einfach wieder in die Mannschaft.

„Der Coach hat gesagt, dass er bezüglich meiner Rückkehr aufgeschlossen ist und sich anschauen wird, wie ich mich auf und neben dem Feld verhalte, wie ich meine Qualitäten in die Mannschaft einbringen kann und wie er mich auf dem Platz einsetzen kann. Und dass ich eine Option für ihn bin, wenn ich die Erwartungen umsetze“, sagt etwa Bentaleb.

Der Algerier ist ein ganz spezieller Fall. Nach seinen Trainervorgängern Domenico Tedesco und Huub Stevens hatte auch Wagner Bentaleb schon einmal suspendiert. Dreimal raus und nun wieder dabei, so weit so ungewöhnlich. Bentaleb soll das Team wieder verstärken. Und der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler scheint gewillt dazu zu sein. „Ich habe die Chance, ein wichtiger Teil der Mannschaft zu werden. Und das will ich unbedingt“, sagt er.

Wenig festspielig. Trainer David Wagner.Foto: Höter/Imago

Neben den alten Schalker Bekannten kommen zwei ablösefrei verpflichtete Angreifer, die den Angriff des Vorjahres (Guido Burgstaller kein Tor, Michael Gregoritsch ein Tor, Benito Raman vier Tore) deutlich mehr Schwung verleihen sollen. Vedad Ibisevic, zuletzt bei Hertha BSC, soll mit seinen 36 Jahren nochmal seinen dritten Frühling erleben.

Und Gonçalo Paciencia, der von Eintracht Frankfurt auf Leihbasis kommt, soll versuchen, sich in Gelsenkirchen mehr Spielpraxis zu verschaffen. Bei den Hessen war er hinter Bas Dost und André Silva lediglich Angreifer Nummer drei mit wenig Einsätzen. Es braucht sicher viel Fantasie und Optimismus, um darin perspektivisch bessere Zeiten auf Schalke erkennen zu können. Es ist das Modell Sparflamme.

Dazu passt auch Schalkes selbst verordnete Bescheidenheit, so etwas wie eine Gehaltsobergrenze für die Spieler festgelegt zu haben. „Wir werden uns intern ab sofort eine Richtlinie auferlegen für ein maximales Gehaltsgefüge in Bezug auf die Neuverpflichtung von Spielern“, sagt Marketingvorstand Alexander Jobst. Die Grenze soll bei 2,5 Millionen Euro liegen. Eine Bestätigung über die genaue Summe gibt es vom Verein allerdings nicht.

Die Grenzen verschieben wollen die Schalker allerdings, wenn es um Fragen der Fitness geht. Denn die körperliche Verfassung des Teams war nach der Corona-Pause geradezu bedenklich schlecht. Wagner hatte eingeräumt, dass er die körperlichen Auswirkungen dieser bisher einmaligen Situation einer erzwungenen Pause mitten in der Saison falsch eingeschätzt hatte.

Wo der erste Trainer fliegt? Schalkes Trainer wird als heißer Kandidat gehandelt

Damit sich dieser Vorfall nicht nochmal wiederholt, haben die Schalker einen neuen Fitnesstrainer verpflichtet, der schon einmal unter Felix Magath tätig war – und der nicht gerade für seine Sensibilität und Zurückhaltung bei intensiven Trainingsinhalten bekannt ist. Werner Leuthard, ehemaliger Oberleutnant der Bundeswehr, soll die Spieler optimal auf die neue Spielzeit vorbereiten.

Am Freitag beim FC Bayern wird sich erstmals zeigen, ob die Schalker in dieser Frage auf einem guten Weg sind. „Wir wissen, dass das ein schwieriges Spiel wird. Wir haben in dieser Saison neue Ziele. Wir sind bereit und fit“, sagt Kapitän Omar Mascarell. Der Spielplan sorgt allerdings dafür, dass die Schalker gleich in den ersten fünf Partien gegen Bayern, Leipzig und Dortmund auswärts antreten müssen.

Die Schalker stehen unter Druck, Trainer Wagner wird bei den Wettanbietern als einer der ersten Kandidaten gehandelt, der in dieser Saison seinen Job verlieren wird. Es gab schon einmal bessere Voraussetzungen bei Schalke 04, um in eine neue Saison zu starten.