Sag mir, wohin du flüchtest, und ich sage dir, wer du bist

Odsun. Auf Tschechisch klingt das Wort für die gewaltsame Vertreibung der Sudetendeutschen erstaunlich harmlos. Es bedeutet nicht mehr als Transfer, Aussiedlung oder Abschiebung. Von den Rachegelüsten, die sich an ihnen austobten, nachdem die Vertreter der nationalsozialistischen Besatzungsmacht zum Ende des Zweiten Weltkriegs meist schon über alle Berge waren, gibt es keinen Eindruck. Es vermittelt auch nichts von der Feindseligkeit, mit der sich Sudetendeutsche und Tschechen schon vor dem Münchner Abkommen 1938 begegneten – und vom wechselseitigen Hass, der den Aufstieg des späteren Gauleiters Konrad Henlein und seiner Sudetendeutschen Partei beförderte.

Aus heutiger Sicht dokumentiert die Zuspitzung dieser Tragödie Matthias Schmidts und Vít Poláceks noch in den Mediatheken zu sehender TV-Zweiteiler „Vertreibung – Odsun: Das Sudetenland“ (ARD/MDR/Arte) mit seltenem Gerechtigkeitssinn. Unter den zeitgenössischen Zeugnissen aus tschechischer Sicht gibt es nichts Packenderes als die Reportagen von Milena Jesenská. In beiden Sprachen zu Hause, verfügte sie als Jüdin über ein zusätzliches Sensorium für die diskriminierenden Sprechweisen, Gesten und Akte ihrer Zeit.

Sie, die in Dresden gelebt hatte und mit ihrem ersten Mann Ernst Pollak in Wien, wusste, was es hieß, wenn sie den Österreichern im Juli 1938 attestierte, wie dort mit den Juden in Österreich umgesprungen werde, sei schlimmer als das, was diese 1933 in Deutschland erlebt hätten. Es sei eine „Sache rein deutscher Natur – in ihrer Grobheit, konsequenten Unmenschlichkeit und rechtswidrigen Schamlosigkeit einmalig in der Geschichte: das kalte Pogrom.“

Selbstzerstörerische Züge

Der Blick auf Milena Jesenskás Biografie und ihre journalistischen Verdienste hat sich längst vom Blick auf die legendär schwierige, überwiegend in Briefen gelebte Freundschaft mit Franz Kafka gelöst. Schon Margarete Buber-Neumann, mit der zusammen sie vier Jahre lang vor den Toren Berlins im KZ Ravensbrück interniert war, bevor sie 1944 an den zermürbenden Haftbedingungen zugrunde ging und einer Nierenentzündung erlag, versuchte 1963, in einem pathetischen Erinnerungsbuch, über diese Episode hinauszugelangen. In den gründlich recherchierten Biografien von Alena Wagnerová und Alois Prinz erscheint sie inzwischen als die eigensinnige, hochintelligente Frau mit selbstzerstörerischen Talenten, die sie gewesen sein muss.

„Das Werk Milena Jesenskás war bisher fast unbekannt“, heißt es in einer Notiz von Alena Wagnerová, die nun ihre Zeitungsstücke aus den Jahren 1919 bis 1939 herausgegeben hat. Die vorliegende Ausgabe solle „einen möglichst komplexen ersten Einblick“ bieten. Das ist so nicht richtig. Schon 1984 erschien bei Neue Kritik in Frankfurt, herausgegeben von der Verlegerin Dorothea Rein, unter dem Titel „Alles ist Leben“ ein noch immer lieferbarer Band mit ihren Feuilletons und Reportagen.

[Milena Jesenská: Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919–1939. Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 416 Seiten, 32 €.]

Wagnerovás Auswahl ist mit 79 Texten nur doppelt so umfangreich. Gemessen an den 355 Texten, die Marie Jirásková 2016 nach jahrzehntelanger Recherche, von der schon Reins Ausgabe profitierte, im Prager Verlag Torst als „Kbižovatky” (Knotenpunkte) veröffentlichte, ist sie immer noch Fragment. Unterstützt von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und dem tschechischen Kulturministerium hat sie nun aber offizielle Weihen und bietet vor allem bei den zwischen 1937 und 1939 in „Pbítomnost“ (Gegenwart) erschienenen Artikel entscheidend mehr.

Mechanik der Demütigungen

Unter Jesenskás frühen Feuilletons sind zahlreiche Schmuckstücke: überwiegend amüsante, zumindest vom Ton her kaum gealterte Alltagsbetrachtungen. Die politischen Stücke aber, in denen sie die Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen und Juden beleuchtet, zeichnen die beklemmende Mechanik der alltäglichen Demütigungen geradezu paradigmatisch für viele ethnische Zerfallserscheinungen nach. Wunderlich ist höchstens die umstandslose Identifikation der eigenen Rolle in Europa mit derjenigen der Afroamerikaner in den USA, wobei sie unschuldig auch das N-Wort strapaziert.

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Vielsagend, dass Turnhallen deutscher Schulen anders als die der tschechischen so gut wie nie direkt ans Schulhaus grenzen. Mit der Folge, „dass die deutschen Schulkinder in geschlossenen Reihen aus der Schule in die Turnhalle marschieren, und dabei singen sie deutsche, will heißen nationalsozialistische Lieder.“ Das sind die äußeren Umstände, unter denen ein primitiver Antisemitismus gedeiht. Stoisch verleiht sie ihm sein Gesicht, wenn sie im Zug nach Ceská Lípa mit einem Österreicher ins Gespräch kommt, der sich in einem „wunderlichen Anfall sadistischer Wonne“ über die Lage der Juden auslässt.

Milena Jesenská sammelt Bilder aus einem Europa der Migrationswirren, das kurz vor dem Krieg steht. „Sag mir, wohin du flüchtest – und ich sage dir, wer du bist“, schreibt sie einmal. Mit mehr detailfreudiger Lakonie und Feingefühl liest man das selten.