Rückkehr nach Berlin

Diese Wahl kommt dann doch überraschend. Während die ganze Welt noch gebannt auf die Grafiken mit US-amerikanischen Bundesstaaten starrt und mit mehr oder minder gemischten Gefühlen den Verlautbarungen des amtierenden Präsidenten lauscht, werden in Berlin einfach mal Nägel mit Köpfen gemacht. Iris Laufenberg, so gab es die Senatsverwaltung für Kultur am Freitag bekannt, tritt zur Saison 2023/24 die Nachfolge von Ulrich Khuon als Intendantin des Deutschen Theaters an. Für „zunächst fünf Spielzeiten“.

Gut, die Nachricht birgt nicht ganz so viel dramatisches Potenzial wie das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem irrlichternden Potus und seinem demokratischen Herausforderer. Vermutlich sind auch bei den Buchmachern der Stadt im Vorfeld der Bekanntgabe nicht die Wettquoten heißgelaufen. Aber: Ein wenig wundern darf man sich schon.

Zunächst einmal ist es erfreulich, dass sich die Zahl der Theaterleiterinnen in der Stadt erhöht. Neben Shermin Langhoff am Maxim Gorki Theater und Annemie Vanackere am HAU gibt es nun drei Chefinnen in den Intendantenzimmern von Berliner Bühnen. Bisher waren es zwei an den kleinsten der größeren Hauptstadtbühnen. Mit Iris Laufenberg steht erstmals eine Frau an der Spitze eines der ganz großen Häuser.

Die Förderung neuer Dramatik liegt Laufenberg besonders am Herzen

Laufenberg ist in Berlin ja keine Unbekannte. Von 2002 bis 2011 hat sie das Theatertreffen verantwortet, sie gilt als gut vernetzt in der Branche. „Ich freue mich, dass wir mit Iris Laufenberg eine erfahrene Theaterfrau, internationale Festivalmanagerin und Dramaturgin für das traditionsreiche Deutsche Theater/Kammerspiele Berlin gewinnen konnten“, lässt sich entsprechend ein zufriedener Kultursenator Klaus Lederer zitieren.

Laufenberg, Jahrgang 1966, hatte in Gießen einen Theater- und Medienstudiengang absolviert, bevor sie am Schauspiel Bonn und am Bremer Theater arbeitete. Sie war als Schauspieldirektorin am Konzert Theater Bern engagiert und leitet gegenwärtig das Schauspielhaus Graz. Die gebürtige Kölnerin hegt ein besonderes Faible für neue Dramatik und hat schon mit dem Stückemarkt des Theatertreffens die Förderung von jungen Autorinnen und Autoren forciert. In Österreich gründete sie das jährliche „Internationale Dramatiker*innenfestival Graz“. Womit sie auf der Linie von Ulrich Khuon liegt, der mit seinen „Autorentheatertagen“ ähnlichen Leidenschaften nachgeht.

Graz hat – als Partnertheater – aktuell auch eine Koproduktion mit dem DT im Programm, die Uraufführung „Schleifpunkt“ der Nachwuchsdramatikerin Maria Ursprung. Das Stück erzählt von der Fahrlehrerin Renate, die mit ihrem Privatauto eine Frau verletzt und Unfallflucht begeht. Klassischer Tragödienstoff.

Khuon bleibt noch bis 2023, „um eine reibungslose Übergabe zu ermöglichen“

Die designierte Intendantin steht an der Schumannstraße also eher für Kontinuität als den großen Umbruch. Der Kultursenat freut sich zudem, dass Ulrich Khuon seinen seit der Spielzeit 2009/2010 laufenden Vertrag um ein Jahr bis 2023 verlängert, „um eine reibungslose Übergabe an Iris Laufenberg zu ermöglichen“. Reibungslosigkeit, da macht man nichts verkehrt.

Zugegeben, es sind nicht die Zeiten, die nach Wagnissen schreien. Aber wenn man sich in der deutschsprachigen Theaterlandschaft so umschaut, kann man auch andere Trends als das erprobte Alleinleitungsmodell beobachten. Doppelspitzen zum Beispiel. Oder ein junges Dreier-Direktionsteam, wie es das Zürcher Theater am Neumarkt mit Julia Reichert, Tine Milz und Hayat Erdogan hat. An der Parkaue, Berlins Staatstheater für Kinder und die Jugend, sind Christina Schulz und Alexander Riemenschneider als Leitungsduo berufen worden. Warum denkt man am höchstbudgetierten Sprechtheater der Stadt nicht anders nach?

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Überhaupt hätte die Neubesetzung des Khuon-Postens Gelegenheit geboten, den Begriff „Deutsches Theater“ ein bisschen zeitgemäßer zu definieren. Gorki-Intendantin Shermin Langhoff hatte in früheren Jahren ihr Interesse an dieser Herausforderung bekundet. Quasi nach dem Vorbild von Khuons Vorgänger Bernd Wilms. Hätte reizvoll sein können, jetzt ist eben das Gorki divers.

So überraschend sie sein mag, auf dem Papier klingt diese Wahl, pardon, erstmal weniger aufregend. Das hat leider auch schon Tradition am DT. Aber wer weiß, vielleicht wird Iris Laufenberg alles auffahren, was in der Nische Graz nicht möglich war, und mit einem großen Aufschlag an der Schumannstraße verblüffen.