Röntgenblicke in die rumänische Diktatur

Er galt als Glücksfall der Geschichte und als „Sohn der Sonne“, der Einstein aus den Karpaten, der klügste und mächtigste Politiker seines Landes. Nicolae Ceaușescu ließ sich gern als „Titan der Titanen“ hofieren, als „glorreiche Eiche aus Scornisesti“, oder manchmal auch ganz schlicht als der „Auserwählte“.

Dabei war ja nicht alles Gold, was glänzte an Ceaușescu. Der Staats- und Parteichef, der aus einfachsten Verhältnissen stammte, arbeitete aufopferungsvoll an der Vernichtung seiner Gegner. Er kooperierte mit der internationalen Drogenmafia und arabischen Terrororganisationen. Dennoch genoss der kleine Herr mit der weißen Naturwelle zeitweise eine Art Kultstatus, war Pop-Star und gleichsam sozialistischer Lieblingsdiktator im Westen, weil er seinen Laden den streng-doktrinären Schüben Moskaus entzog und störrisch eigene Wege ging. Respekt!

Bis Weihnachten 1989. Am 25. Dezember wurde Ceaușescus Körper von den Kugeln eines hektisch einberufenen Exekutionskommandos zersiebt – ausgerechnet an dem für viele heiligsten Moment des Jahres, dem Weihnachtstag. Und so ist „Last Christmas“ nicht nur jene Weihnachts-Pop-Schnulze von George Michael, sondern in Rumänien auch eine Art Totenmarsch, ein Jingle Bells für den Diktator, das Totenglöckchen für einen Politiker.

„Last Christmas“, das ist auch der ironische Titel eines Kunstprojekts. Der aus Bukarest stammende Fotokünstler Anton Laub, der seit 20 Jahren in Berlin lebt, hat einen Fotoband vorgelegt, der wie eine vergrößerte Mao-Bibel daherkommt. Darin geht er dem Personenkult und einem morbiden System nach, unter dem er selbst als Kind gelitten hat. Seine Bilder sind Röntgenblicke in eine Diktatur, die selbst im stalinistisch geprägten Osteuropa nicht ihresgleichen hatte.

Der Diktator als Vampir

„Manche vergleichen Ceaușescu mit Graf Dracula, der für seine grausame Bissigkeit und sexuelle Übergriffigkeit bekannt war und der sich nahm, was er wollte“, erzählt Anton Laub. Ceaușescu war dem nicht ganz unähnlich, auch er saugte sein Land vampirhaft aus. Laub stellt die Frage, wie sich Popkultur, Geschichte und Mythos durchdringen. Auf einem Foto von „Last Christmas“ sieht man Nosferatu von hinten, glatzköpfig und bösartig, mit langen Fingernägeln. Da schimmert für manche Rumäninnen und Rumänen durchaus das Bild ihres ungeliebten Staatspräsidenten durch.

Es ist eine verrauschte und verrätselte Welt, in die uns der Künstler mitnimmt, die achtziger Jahre und die analoge Fotografie, in der alles politische Chiffre wird. Die unscharf gestellte Linse führt uns in ein politisches Universum, in denen es keine Gewissheiten gibt und bei dem das Grauen noch im kleinsten Detail steckt.

Diktatoren-Kitsch: Das goldene Badezimmer Ceaușescus brachte es posthum noch zu Ruhm.Foto: Anton Roland Laub

Ceaușescus Horrortrip beginnt vier Tage vor Weihnachten 1989. Ein müder, entnervter Greis stammelt seine letzte Rede auf dem Siegesplatz, doch Demonstranten skandieren Rufe nach Freiheit, die Stimmung kippt ins Revolutionäre. Ceaușescu, eben noch allmächtiger Alleinherrscher, wird niedergebuht. Insgesamt 27 Mal ruft er „alo, alo“ (hallo), doch niemand beachtet ihn. Die Masse beginnt, den Präsidentenpalast zu stürmen, während Angehörige des berüchtigten Geheimdienstes Securitate auf die Menschen feuern. Es ist der Wendepunkt in Rumäniens Gegenwart.

Verfolgungsjagd zur Weihnachtszeit

Anton Laub hat die verzweifelten Hallo-Rufe aus Ceaușescus Rede typografisch umgesetzt, mit der Schreibmaschine seines Vaters, als getipptes Bild. „Jedes Jahr um die Weihnachtszeit musste mein Vater seine Schreibmaschine und Schreibproben bei den Behörden abliefern, damit man anhand spezifischer Merkmale die individuelle Schrift identifizieren konnte, für den Fall, dass illegale Flugblätter verbreitet wurden.“ In Rumänien war die Staatssicherheit noch ein wenig paranoider als sonst.

Doch an Weihnachten 1989 gibt es für den Diktator kein Pardon. Nach einer James-Bond-würdigen Flucht mit Helikoptern und gekaperten PKW wird Ceaușescu nahe der Stadt Targoviste von Militärangehörigen festgesetzt. Die Gerichtsverhandlung dauert nur eine knappe Stunde, die Urteilsverkündung eine Minute und 45 Sekunden. Der Diktator brüllt und singt die Internationale. Es nutzt ihm nichts. Gegen 15 Uhr sind der „Titan der Titanen“ und seine Ehefrau Elena tot.

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Anton Laub hat die Militärbasis von Targoviste, die übrigens ganz in der Nähe von Draculas historischer Wirkstätte liegt, besucht und die Spuren in der Todeszelle fotografiert. Die Aufnahmen zeigen eine schäbige Kammer, zwei Metallbetten mit blauer Decke und primitive Resopal-Tische, ein Ort maximaler Banalität. Nichts Historisches, nicht Großartiges blinkt hier auf. Laub fotografiert untertourig, fast beiläufig, er ist niemals auf etwas Spektakuläres oder Bedeutungsschwangeres ausgerichtet. Den Horror reimt sich der Betrachter selbst zusammen.

Die Exekution muss wiederholt werden

Und doch kommt eine Erzählung in Rumänien offenbar nicht ohne das Absurde, Unberechenbare, Makabre aus. Bei der Hinrichtung kommt es zu einer Panne. Dem Kameramann, der die Erschießung dokumentieren soll, war der Strom ausgegangen. Deshalb wird die Szene noch einmal nachgestellt; Soldaten ballern auf eine Mauer, so dass Pulverdampf entsteht, dann schwenkt die Kamera auf die am Boden liegenden Körper.

Schon am nächsten Tag vollzieht sich in Rumänien ein Paradigmenwechsel, von der Politik zur Religion. „Am Zweiten Weihnachtstag lief im Fernsehen mittags der Weihnachtsgottesdienst, zum ersten Mal überhaupt, Religion war ja quasi verboten. Und dann, zum Dinner, kamen die Hinrichtungsbilder.“

(Die Ausstellung zu „Last Christmas“ im Rumänischen Kulturinstitut, Reinhardtstraße 14, muss aktuell geschlossen bleiben.)

Anton Laub ist kreuz und quer durch sein Land gereist. Er hat in Bukarest den Palast des Volkes inspiziert und das Privathaus der Ceaușescus. Er hat den provinziellen Protz und Prunk abgelichtet, Schränke voller Pelze, Bronzelöwen als kitschige Machtsymbole. Auch das berühmte goldene Badezimmer, von dem in ganz Rumänien geraunt wurde.

Das Konterfei von Ceaușescu lebt fort

Nach Ceaușescus Sturz folgten für Rumänien Jahrzehnte der Korruption, zwischen Postsozialismus und Rechtspopulismus. Der Geheimdienst regierte mit. „Bis heute ist nicht klar, was Weihnachten 1989 in Rumänien geschah“, sagt Laub. „War das eine Revolution – oder ein inszenierter Volksaufstand?“ Eine Aufarbeitung der Vergangenheit hat bis heute nicht stattgefunden. Obwohl die EU dies dringend angemahnt hat.

Dafür scheint die Erinnerung in die Populärkultur abgewandert. Auf den Straßen Bukarests sieht man jetzt häufig Graffiti mit dem Konterfei von Ceaușescu – so wie man anderswo Porträts von Che Guevara sieht, reine Formgesten, kaum einer der jungen Rumänen kann mit Ceaușescu und seiner Schreckensherrschaft etwas anfangen. Anton Laub hat das Gesicht des Diktators auf dem Poster, das zu Lebzeiten massenhaft vervielfältigt wurde, weiß übertüncht, die Individualität ausgelöscht: „Ich wollte Ceaușescu sein Gesicht nicht lassen, ich wollte es dem Diktator nehmen.“ Wozu letztlich das ganze Projekt „Last Christmas“ dient. Eine Demystifizierungsmaschine. Sie läuft fast ohne Lärm, aber auf vollen Touren.