„Robin Gosens ist unser Musterschüler“

Robin Gosens von Atalanta Bergamo ist erstmals für die Nationalmannschaft nominiert worden. Der Jugendleiter seines früheren Klubs VfL Rhede erinnert sich.




Neues Gesicht. Robin Gosens ist von Rhede nach Holland gewechselt und über Atalanta Bergamo nun im Kreis der Nationalmannschaft…Foto: dpa

Robin Gosens, 26, wird an diesem Donnerstag (20.45 Uhr, live im ZDF) sein Debüt für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft feiern. Bundestrainer Joachim Löw hat bereits angekündigt, dass der Linksverteidiger zum Auftakt der Nations League gegen Spanien in der Startelf stehen wird. Gosens‘ Karriereweg ist ein ungewöhnlicher. Er hat nie in der Bundesliga gespielt, sondern ist über Stationen in Holland (Vitesse Arnheim, FC Dordrecht, Heracles Almelo) bei Atalanta Bergamo in der Serie A gelandet. Bis zur A-Jugend spielte Gosens beim VfL Rhede. Hannes Bölting, seit rund zwei Jahrzehnten Jugendgeschäftsführer des Klubs, erinnert sich.

 

Herr Bölting, der VfL Rhede hat im Frühjahr seine Chronik zum 100. Geburtstag veröffentlicht. Eigentlich müsste die jetzt noch mal aktualisiert werden.

Ich nehme an, Sie spielen auf Robin Gosens an.

Genau. Gosens hat in der Jugend für Ihren Verein gespielt und könnte in dieser Woche sein Debüt in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft feiern.

Zum Glück ist die Chronik schon so gut wie ausverkauft (lacht). Aber wir verfolgen seinen Weg ja auch schon etwas länger. Robins Werdegang bis zu Atalanta Bergamo ist in der Chronik entsprechend gewürdigt worden.

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Hätten Sie in normalen Zeiten, also ohne Corona, einen Bus gemietet, um zum Länderspiel gegen Spanien nach Stuttgart zu fahren?

Selbstverständlich. Der Kontakt zu Robin ist immer noch extrem gut, auch weil er selbst dafür sorgt, dass er nicht abreißt. Robin hat nie vergessen, wo er herkommt. Er versorgt uns auch immer wieder mit Freikarten. Nach Dordrecht war es nur eine knappe Stunde Fahrt von uns aus, das war easy. Die Anreise nach Bergamo gestaltet sich leider nicht ganz so einfach.

Was sagt es über Gosens aus, dass er den VfL Rhede nicht vergessen hat?

Dass Robin immer noch so ist, wie er damals schon war. Er kommt aus einem sehr soliden Elternhaus und ist selbst ein sehr solider Junge, der nie abgehoben ist. Im Grunde war er schon zu D- und C-Jugendzeiten ein sehr vernünftiger junger Mann, mit dem du dich extrem gut unterhalten konntest. Robin ist unser Musterschüler, unser Vorzeigeathlet.

Wie ist er beim VfL gelandet?

Robin kommt aus Elten, sein Ursprungsverein ist Fortuna Elten. Mit 13, im älteren D-Jugend-Jahrgang, ist er dann vom 1. FC Bocholt zu uns gewechselt. Es war auch bei Robin so, wie es meistens ist. Man spielt gegeneinander, ein Spieler fällt dir auf, du kontaktierst seine Eltern, zeigst ihnen mögliche Perspektiven auf. Das hat Robins Eltern damals überzeugt, und bei ihm hat es top funktioniert.

Wie weit liegt sein Heimatort von Rhede entfernt?

Knapp 30 Kilometer, ganz oben an der holländischen Grenze. Das war schon mit einem gewissen Aufwand verbunden. Aber wir haben einen ehrenamtlichen Fahrdienst, der die Spieler an bestimmten Schnittstellen abholt und zum Training bringt.

Das heißt, dass Sie mit Ihrem Klub einen anderen Ansatz verfolgen als ein ganz normaler Dorfverein.

Die Leistungsorientierung steht bei uns schon im Vordergrund. Wir finden immer wieder Spieler bei uns im Ort mit seinen 18.000 Einwohnern. Wir suchen aber auch bewusst im Umfeld, bei kleineren Vereinen, die eher freizeitorientiert sind. Der VfL besitzt bei uns in der Region ein sehr gutes Standing. Das ist auch überlebensnotwendig, weil wir nur geringe finanzielle Mittel haben. Wir müssen einfach durch eine gute Nachwuchsausbildung dafür sorgen, dass wir mit unserer ersten Mannschaft zwischen der fünften und sechsten Liga pendeln können. Im aktuellen Kader unserer Ersten stehen elf Spieler, die aus der eigenen Jugend kommen. Dass es so weit geht wie bei Robin Gosens, ist natürlich trotzdem ungewöhnlich. Ganz ehrlich: Bei seinem Wechsel nach Bergamo habe ich gedacht: Das hätte ich jetzt nicht für möglich gehalten.

Hannes Bölting, VfL Rhede.Foto: Promo

Welche Ambitionen hatte Robin Gosens damals?

Robin hat sich immer nur mit den Themen beschäftigt, die gerade anstanden. Für ihn war der nächste Schritt wichtig. So habe ich ihn kennengelernt. Er hat nie irgendwelche Luftblasen oder Visionen aufgebaut. Das hat er lieber andere machen lassen.

Ist es eher seiner individuellen Qualität geschuldet, dass er es so weit gebracht hat, oder doch der guten Ausbildung, die er in Rhede genossen hat?

Wir sind natürlich beteiligt, aber zu wie viel Prozent, das vermag ich nicht zu sagen. Neben seiner Arbeit hat Robin sicher auch das Quäntchen Glück gehabt, dass man ihn jetzt als möglichen Nationalspieler sieht. Aber nicht nur sein Weg zeigt, dass wir gute Arbeit machen. Wir sehen uns als ausbildender Verein. Es gibt einige Spieler, die aus unserer D- oder C-Jugend in ein Nachwuchsleistungszentrum gewechselt sind. Wir befürworten das auch, weil wir wissen, dass die Jugendlichen da gut aufgehoben sind. Aber es hat auch schon Fälle gegeben, in denen wir abgeraten haben. Wenn der Spieler zum Beispiel in der Schule große Probleme hatte.

Das war bei Gosens aber nicht der Fall.

Nein, Robin hat die Schule nie vernachlässigt, das wäre auch nicht gegangen. Sonst hätten seine Eltern auf die Bremse getreten.

Was für ein Spieler war er in der Jugend?

Er war der Spielführer seiner Mannschaft, weil er schon damals sehr mannschaftsdienlich war. Robin ist grundsätzlich ein Spieler, der eher auf die anderen schaut, sie durch sein Engagement und seine technischen Fähigkeiten einzusetzen versucht und sie in Abschlussposition bringt.

Was trauen Sie ihm noch zu?

Ich traue ihm schon zu, bei der Nationalmannschaft dauerhaft in den Kader zu rutschen. Natürlich ist das gerade eine besondere Situation, weil die Spieler des FC Bayern nicht dabei sind und sich dadurch die Tür auch für jemanden wie Robin geöffnet hat, der in Deutschland noch relativ unbekannt ist. Wir würden uns auch freuen, wenn für ihn noch einmal ein Vereinswechsel in Frage käme. Idealerweise in die Bundesliga, damit die Wege wieder kürzer werden. Wir hängen da aber auch finanziell dran, weil es entsprechende Ausbildungsvergütungen gibt.

Fällt Ihnen zum Abschluss noch eine Anekdote mit Robin Gosens ein, an die Sie besonders gern zurückdenken? Eine Geschichte, die ihn treffend charakterisiert?

Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber mir ist nichts Bestimmtes eingefallen – weil Robin einfach sehr sortiert ist, weil er seinem Plan folgt und dabei ganz normal geblieben ist. Eigentlich untypisch. Man sagt ja immer: Ein Fußballer, der eine solche Karriere machen will, muss auch einen Pfeil im Kopf haben. Das trifft auf Robin ganz sicher nicht zu. Er war immer mannschaftsdienlich, mannschaftsfreundlich und ganz sicher nicht der große Clown in der Truppe. Ich weiß: Klingt ein bisschen unspektakulär. Aber das ist eben seine Art.