Reagieren oder Ansagen machen

Eigentlich hätte Joachim Meyerhoff in der Rolle eines Pariser Plattenhändlers auf der Bühne stehen sollen, dem seine Existenz so rasant zerbröselt, dass er sich als staunender Clochard auf den Boulevards wiederfindet. Aber natürlich hat die Premiere der Thomas-Ostermeier-Inszenierung „Das Leben des Vernon Subutex 1“ vergangene Woche nicht stattgefunden.

Wie schon im Frühjahr nicht. Planungssicherheit, fixe Termine – alles Begriffe aus der alten Normalität. Jetzt soll das Stück im Dezember in der Schaubühne laufen. Aber wer glaubt daran, dass die Theater dann wieder geöffnet sein werden?

Die Idee ist ein Angebot an die Kulturpolitik

In einem Radiointerview hat Ostermeier deshalb einen Vorschlag zur Debatte gestellt: Wie wäre es, den Winter über konsequent dicht zu machen, die Mitarbeiter in den Urlaub zu schicken und stattdessen im Sommer durchzuspielen?

Der Schaubühnen-Leiter will die Idee als „Angebot“ verstanden wissen. An Kulturpolitik und Theatermacher, sich Alternativen zum drohenden, permanenten On-Off-Betrieb zu überlegen. Als „Versuch, wieder proaktiv zu werden, nicht immer nur reaktiv“.

Nicht zuletzt habe das ständige Umplanen ja auch ökonomische Nachteile. Warum dann nicht lieber der Christian-Drosten-Prognose folgen, nach der bis Ostern harte Zeiten bevorstehen, dann aber Besserung in Sicht ist?

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Dem Intendanten des Berliner Ensembles, Oliver Reese, fallen dazu gleich eine Reihe von Gegenargumenten ein. Erstens hält er es für einen kapitalen Fehler, dass überhaupt der Lockdown über die Kultur gekommen ist. „Primark offen zu lassen, aber die Theater zu schließen“ – ein fatales Signal in seinen Augen. „Wenn etwas einmal geschlossen ist, öffnet man es nur unter erschwerten Bedingungen. Und jetzt sollen wir das freiwillig verlängern?”

Zweitens würde der Ostermeier-Vorschlag die Häuser in finanzielle Schieflage bringen, sagt Reese. In der momentanen Situation, wo zwar nicht vor Publikum gespielt, aber weiter geprobt werden dürfe, greife ein Kurzarbeitmodell. Das sei aber hinfällig, in dem Moment, wo man Ferien ausriefe. Drittens müsste dann ja der laufende Probenbetrieb ausgesetzt werden, „Verabredungen, die ich für die kommenden Monate getroffen habe, wären hinfällig. Das führt zu planerischem Chaos“, so Reese.

Im Sommer im heißen, halbvollen Theater arbeiten

Auch hält der BE-Intendant wenig bis gar nichts von der Idee, einen vorgezogenen Urlaub in grauen Monaten ohne Reisemöglichkeit zu verhängen, um dann im Sommer zu sagen: „Jetzt haben zwar eure Kinder Ferien, liebe Beleuchter, Requisiteure, Techniker, liebes Ensemble, aber ihr arbeitet durch und spielt in einem heißen, vermutlich nur halbvollen Theater. Denn gut belüftet sind wir, aber eine Klimaanlage haben wir nicht“.

Reese hat unterdessen mit anderen Theatermachern – darunter DT-Chef Ulrich Khuon, HAU-Leiterin Annemie Vanackere und Barrie Kosky von der Komischen Oper – einen offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister gerichtet. Das Schreiben fordert die Öffnung der Häuser, preist Kulturinstitutionen als Orte „der Begegnung, des Diskurses, der Bildung und Aufklärung“, und betont, dass die demokratische Gesellschaft sich durch kulturelle Teilhabe nähre. Klingt sehr staatstragend. Zeigt aber vor allem ein Ringen um die eigene Relevanz.

Shermin Langhoff denkt pragmatisch

Shermin Langhoff, Intendantin des Gorki-Theaters, sieht die Angelegenheit pragmatisch. Weder beklagt sie den fortwährenden Verschiebebahnhof („Flexibilität ist in der momentanen Situation abverlangt, und genau so handhaben wir sie auch. Man muss Plan B und Plan C denken“). Noch stimmt sie in das Lamento derjenigen Kulturschaffenden ein, die sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen, weil sie von der Politik in einem Atemzug mit Bordellen genannt wurden.

Solange es um freiwillige Sexarbeit gehe, habe sie damit kein Problem, sagt Langhoff. Allerdings sei der Vergleich mit Kirchen noch ein bisschen treffender , weil sowohl freie Religionsausübung, als auch die Freiheit der Kunst im Grundgesetz verankert seien. Was man vielleicht berücksichtigen sollte, wenn nach der Pandemie, in Zeiten leerer Kassen, „über den Stellenwert von Kultur und ihre Finanzierung debattiert wird“.

Der Praktikabilität des Ostermeier-Vorschlags steht Langhoff zwar skeptisch gegenüber. Eigene Handlungsmöglichkeiten zu suchen, findet sie trotzdem „spannender als Forderungen an die Politik: Lasst uns wieder spielen!“

Ungewöhnliche Ideen sind dem Kultursenator willkommen

Kultursenator Klaus Lederer begrüßt es grundsätzlich, dass Theatermacher in der Corona-Krise auch „ungewöhnliche Ideen“ präsentieren. Man befinde sich ja sowieso in einem permanenten Austausch mit den Leitern.

Und angesichts der gegenwärtigen Unsicherheit gebe es „verschiedene Ansätze mit ihrem Für und Wider, auch unterschiedliche Ausgangsbedingungen in öffentlichen und privaten Institutionen wie solchen der freien Szene. Möglicherweise“, so Lederer, „muss es am Ende überhaupt nicht auf DIE Lösung hinauslaufen“.

Der Tourismuswerber Kieker ist sowieso dafür

Einen erklärten Fan hat Ostermeiers Idee: Burkhard Kieker, Geschäftsführer des Tourismuswerbers VisitBerlin. Der war, Pandemie hin oder her, „schon immer verwundert, dass sich die staatlich geförderten Kultureinrichtungen ausgerechnet in den besucherstärksten Monaten sechs oder acht Wochen Pause gönnen“.

Über 50 Prozent der Berlin-Reisenden seien – entgegen dem landläufigen Bild von der Party-Metropole mit ihrem Easyjet-Set – sogenannte kulturelle Entdecker. Die Nachfrage ist da. Warum nicht die Schließzeiten anders organisieren, vielleicht gestaffelt? Und sollten tatsächlich die Besucher in der heißen Jahreszeit erst angelockt werden müssen, würde Kieker die Sommerprogramme „sofort in unsere Kampagnen einbauen“.

Ostermeier, der nach seinem Interview viel Gegenwind erfahren hat, weist noch darauf hin, dass sein Vorschlag durchaus nicht ohne Beispiel ist. Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, sei im Frühjahr genau so verfahren. Habe Mitarbeiter und Ensemble in den Urlaub geschickt – und dafür im Sommer durchgespielt. Aber in Gottes Namen, sofern der Theaterbetrieb zu verantworten sei, möchte Ostermeier sich überhaupt nicht querstellen: „Ich bin der Letzte, der nicht spielen will“.