Rätselhaft und verlassen

Léon Spilliaert und Félicien Rops verkörpern zwei Facetten des belgischen Symbolismus – der jetzt in Berlin neu zu entdecken ist.




„Vertigo“ von Léon Spilliaert, 1908.Foto: Mu.ZEE Ostende, www.lukasweb.be

Léon Spilliaert (1881–1946) ist einer der rätselhaftesten Künstler, die in der Ausstellung „Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus“ in der Alten Nationalgalerie zu sehen sind. Nur einige Monate hat er an der Kunstakademie Brügge studiert und sich dann nach Paris aufgemacht, um 1900 die Weltausstellung zu besuchen. Dort wurde er von den symbolistischen Strömungen beeinflusst. Er blieb Einzelgänger, kehrte in seine flämische Heimatstadt Ostende zurück, malte als Autodidakt.

Das sieht man seinen charakteristischen, überwiegend grafischen Blättern nicht an. Berühmt geworden sind seine nächtlichen Szenen.

Spilliaert litt unter Schlaflosigkeit, irrte nachts durch das ausgestorbene, spärlich beleuchtete Ostende. Einsamkeit, Angst, Verlorenheit spiegeln sich in diesen Blättern, die kaum die konkrete Stadt erkennen lassen. Zwei Jahre lang lieferte er dem Brüssler Verleger Edmond Dean Illustrationen, reiste noch einmal für ein Jahr nach Paris, wo er den flämischen Dichter Émile Verhaeren kennen und schätzen lernte, der seine engagierte, gesellschaftskritische Poesie allerdings auf Französisch schrieb. Durch ihn traf Spilliaert auf weitere Schriftsteller, die ihn begeistern. Später illustrierte er die Werke von Maurice Maeterlinck. Doch Paris brachte ihm keinen Erfolg. Mittellos kehrte er in seine flämische Heimat zurück.

Spilliaert inszeniert sich in Ostende als traurigen einsamen Mann

In Ostende zeichnete Spilliaert jetzt unzählige Selbstporträts, inszenierte sich als traurigen einsamen Mann mit eingefallenen Augenhöhlen, den Blick starr auf den Betrachter gerichtet. Verlassen, verloren, zukunftslos wirkt er auf den Betrachter und erinnert dabei ein wenig an Edvard Munch. Spilliaerts Bilder spiegeln keinesfalls den Glamour des königlichen mondänen Nordseebades, ihn zieht es eher an die Küste des ehemaligen Fischerdorfs Ostende. Die Arbeiten sind nicht nur Ausdruck seiner persönlichen Situation, sondern auch der krisenhaften Stimmung in der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Sein Blatt „Vertigo“ zeigt diese Atemlosigkeit, die die Welt erfasst zu haben scheint, ein modernes, fast zeitloses Bild mit einer Frau, die offenbar den Halt verliert.

Lange stand Spilliaert im Schatten seines berühmten Kollegen James Ensor. Doch mittlerweile ist ein Flügel im neu eingerichteten Mu.Zee in Ostende nicht nur Ensor gewidmet, sondern zeigt dauerhaft auch Werke von Léon Spilliaert. Die Royal Academy in London hatte ihm im Frühjahr eine Retrospektive gewidmet, das Musée d’Orsay in Paris plant eine Schau im Oktober.

„Die Versuchung des Heiligen Antonius“ von Félicien Rops, entstanden 1878, Pastell und Gouache.Foto: Bibliothèque Royale de Belgique, Cabinet des estampes Bruxelles

Ein ganz anderer Typus ist der Wallone Félicien Rops (1833–1898) – der hier aus Gründen des föderalen kulturellen Proporzes vorgestellt werden soll, ohne den es in Belgien nicht geht. Rops, geprägt durch seine katholische Erziehung, kommt aus begütertem Hause in Namur und machte schon an der Akademie seiner Heimatstadt mit den Karikaturen seiner Lehrer Furore. Er studierte Mitte des 19. Jahrhunderts Jura und Philosophie in Brüssel und schrieb sich dann im „Atelier libre Saint-Luc“ ein. Dort lernte er die bedeutenden Realisten Charles de Groux und Constantin Meunier kennen. Mit Charles de Coster gründet er dank einer Erbschaft die Literatur- und Kunstzeitschrift „Uylenspiegel“. Literatur spielt für die Karriere Félicien Rops eine große Rolle. Auf seinen zahlreichen Reisen nach Paris lernt er die Brüder Goncourt kennen, für die er pornografische Zeichnungen anfertigt, Charles Baudelaire und Jules Barbey d’Aurevilly zählen zu seinen Bekannten. Die realistische Schule macht ihn zu einem der gefragtesten Illustratoren von Paris. Satirische und immer wieder pornografische Zeichnungen und Grafiken provozieren natürlich, wie sein berühmtes Blatt „Die Versuchung des Heiligen Antonius“.

Die Literatur inspirierte Rops – er war ein gefragter Illustrator

Rops war kein Kind von Traurigkeit. Er war mit der Tochter des Gerichtspräsidenten von Namur verheiratet und verbrachte viel Zeit auf dem Schloss der Familie. Aber er verliebte sich aber auch in Léontine und Aurélie Duluc, zwei junge Modeschöpferinnen aus Paris, und ging mit beiden Verhältnisse ein. Lebensstil und Werk passten durchaus zusammen.

Der Symbolismus und Autoren wie Stéphane Mallarmé und Paul Verlaine inspirierten den Künstler. Er wurde ein gefragter Illustrator der literarischen Dekadenz. In seinen Bildern dominieren starke Frauen schwache Männer, mit christlichen Symbolen provozierte der ehemalige Jesuitenschüler. Seine Werke sind sinnenfroher, aber auch zynischer als etwa die von Léon Spilliaert. Rops war Mitglied der Künstlergruppe „Les Vingt“, die den belgischen Symbolismus prägte. Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie bietet die Gelegenheit, diese beiden belgischen Künstler im Kontext ihrer Kollegen neu zu entdecken.
Alte Nationalgalerie, 18. September bis 17. Januar 2021.