Rassismus und die perfekte Zeile

„Vielleicht werden sie mit Black Lives Matter verstehen / worum es hier eigentlich geht. Mit All Lives Matter ist die Message verfehlt.“ Zeilen aus dem Text „Schwarz in der Welt“ von Dana Paige Kwayeb Djeudjang. Die 19-jährige Berlinerin hat ihn als Reaktion auf die Ermordung von George Floyd geschrieben, die „ein Weckruf“ für sie war. Sie hat viel Wut und Verzweiflung hineingepackt. Und tritt damit nicht zuletzt gegen die ewige Litanei der Abwiegler und Beschwichtiger an: Hey, komm schon. In Deutschland ist es doch nicht so schlimm wie in den USA.

„Man sieht hier keine Videos von Schwarzen, die von der Polizei erschossen werden“, sagt die Autorin. „Aber genau so wie in den Staaten sind rassistisch motivierte Polizeikontrollen eine traurige Realität.“ Sie erzählt auch, dass sie sich jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt, darauf gefasst machen muss, dumm angemacht oder angeschaut zu werden. Wegen ihrer Hautfarbe. Erfahrungen, die bis ins Grundschulalter zurückreichen – und die nun aufs Papier drängen: „nur ich werde dabei eingeschüchtert, angefeindet, erniedrigt, entwürdigt, beleidigt / ohne dass mich irgendwer verteidigt / Stattdessen guckst du weg / lässt mich allein im Dreck / mein Pech.“

Dana Kwayeb zählt mit ihrem harten, ins Mark treffenden Poetry-Slam-Aufschlag zu den 21 Preisträgerinnen und Preisträgern beim diesjährigen Treffen junger Autor*innen – einem der Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele. Eine Jury hat unter 668 eingereichten Gedichten, Kurzgeschichten, Miniaturen und Experimenten ihre Auswahl getroffen. Hörbar werden literarische Stimmen der Generation Z, von Menschen zwischen 15 und 21 Jahren, die über zerfallende Familienstrukturen, zerbröselnde Realitäten und den Wunsch nach einer anderen Welt schreiben. Feministische, auch queer-feministische Perspektiven sind stark vertreten.

Dystopische Grundstimmung, politisches Engagement

Pandemie-bedingt kann die 35. Ausgabe des Treffens, das die jungen Autorinnen miteinander vernetzen soll, allerdings nur im virtuellen Raum stattfinden. Vorwiegend mit Zoom-Workshops und gestreamten Lesungen. Es ist aber – zumindest was die Texte betrifft – kein Covid-19-Jahrgang. Juror Rudi Nuss, der 2013 und 2015 selbst Preisträger des Wettbewerbs war, hat unter all den Einreichungen keine Texte ausgemacht, die durch die Atemschutzmaske sprechen. Was ja insofern erfreulich ist, da das Virus die leidige Angewohnheit hat, alle sonst noch relevanten Themen zu verdrängen. Dana Kwayeb betont etwa zu Recht, dass Corona keine Entschuldigung bieten dürfe, „die notwendigen Debatten über Rassismus nicht zu führen“.

Auch das andere große Thema der Gegenwart – die Klimakatastrophe – kommt in den Preisträger-Texten kaum vor, „wenn überhaupt, dann als dystopische Grundstimmung einer Generation“, so Juror Nuss. Ungeachtet dessen stellt er fest, dass die Einreichungen in den vergangenen Jahren immer politischer geworden seien. Nur ist darunter eben keine Nachrichtenaktualität zu verstehen. Sondern vor allem der unverstellte Blick auf eine Welt, die in erster Linie Verunsicherung im Angebot hat.

Corona spielt in den Texten dieses Jahrgangs keine Rolle

„Die Wände sind weiß und kahl. Die Lampen sind herausgerissen. Von der Decke hängen die Kabel mit offenen Enden herab. Ich sehe sein Nichts im Jenseits seiner Fenster.“ Eine Passage aus dem Text „Bleibende“ der Autorin Idil Korkut. Ein bestürmender poetischer Entwurf, der in brutaler, klarer Sprache die Sehnsucht formuliert, sich der nackten Existenz zu vergewissern. Der eigenen und derjenigen der anderen.

Korkut stammt aus Istanbul, gegenwärtig studiert sie Kunstgeschichte und Philosophie in Berlin. Sie hat in der türkischen Metropole in einem Apartmentkomplex gewohnt, der sie „an die Plattenbauten aus DDR-Zeiten“ erinnert – Gebäude mit gleichen Fenstern, gleicher Struktur, gleicher Farbe. Nachts lief im Licht der gegenüberliegenden Wohnungen das Leben der Nachbarn ab, wie ein Film ohne Handlung. Von diesem Bild ist ihr Text inspiriert. „Ich mag diese Koexistenz von Persönlichem und Unpersönlichem“, sagt Korkut. Die findet sie auch in der Berliner Architektur wieder.

Die 20-jährige, die in Istanbul eine amerikanische Schule besucht hat, sucht in ihrem Schreiben das Collagehafte und Abstrakte der zeitgenössischen Kunst. Passend dazu ist ihre Lieblingsautorin Sevim Burak – „eine gelernte Schneiderin, die mit ihren Texten gearbeitet hat wie mit Kleidern“.

Einer von 21. Jürgen Jonas Rauscher aus Passau schreibt Lyrik.Foto: privat

„was ist das / was das ist / wohl eine Insel.“ So blickt Jürgen Jonas Rauscher auf die Welt. In seinen teils schon preisgekrönten Gedichten – mit vieren ist er jetzt zum „Treffen junger Autor*innen“ eingeladen – formuliert sich nicht selten ein Gefühl von Einsamkeit und Vereinzelung. So auch hier, in „Aufenthaltsplätze / -orte“. Rauscher, 1998 in Passau geboren, „einer zu Unrecht von Thomas Bernhard beschmähten Stadt“, hat sich die Lyrik als Ventil gesucht. Er litt an einer Angststörung, an Panikattacken, das Schreiben war für ihn eine Möglichkeit, dem Chaos in Kopf und Körper „im Nachhinein eine Form abzutrotzen“. Das hat für ihn fast Suchtcharakter: zu spüren, wie sich beim Finden der richtigen Wörter „etwas in einem löst“. Auch wenn das ein langwieriger Prozess sein kann, denn Rauscher ist ein Zweifler, der sich viel Zeit lässt „auf der Jagd nach der perfekten Zeile“.

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Man merkt das seinen leuchtenden Texten an. Die transportieren eben nie bloß persönliche Befindlichkeiten, sondern machen universelle Gefühle andockfähig. Ganz ähnlich wie beim norwegischen Dichter Olav H. Hauge – eigentlich Obstbauer von Beruf und eine Inspiration für den jungen Bayern. „Bei Hauge ist Einsamkeit nie bedrohlich“, so Rauscher. „Sie hat immer etwas Vorwärtsgewandtes.“

Vorwärts in welche Zukunft – das bleibt natürlich die Frage. Juror Rudi Nuss sagt, er als Millennial sei ja noch mit dem Versprechen aufgewachsen, dass alles besser würde. Nicht gerade das heute vorherrschende Gefühl. „Jede Generation hat dieses eine große Ereignis, das sie formt“, glaubt Idil Korkut. Vielleicht könnte die Pandemie sogar etwas Gutes haben, angesichts des allgegenwärtigen Überdrusses an Internet- und Social-Media-Entfremdung – „weil wir als Menschheit gesehen haben, dass wir den anderen wirklich brauchen“.

[Mehr über der Wettbewerb und die Preisträger: www.berlinerfestspiele.de/de/treffen-junger-autorinnen/start.html]

Ob dieser Einschnitt auch das Schreiben inspiriert? Jürgen Jonas Rauscher ist sich da nicht so sicher. Er hat während des Lockdowns zu viele „Corona-Tagebücher“ von Schriftstellern gelesen, die über Betrachtungen zum Klopapier-Mangel nicht hinausgelangt sind. Die Krise wird jedenfalls nicht das Thema seines ersten Romans sein, an dem er grade arbeitet.

Auch Dana Paige Kwayeb Djeudjang – die ihre Texte bis dato fast nur auf Snapchat veröffentlich hat, wo sie Momentaufnahmen blieben und bleiben sollten – will weiter schreiben. Aber vielleicht nicht beruflich. Die Autorin von „Schwarz in der Welt“ beginnt im kommenden Jahr ein Jurastudium.