Puppenarmee auf dem Potsdamer Platz

Großes fällt auf. Lautes auch. So gesehen hat Dennis Josef Meseg alles richtig gemacht, wenn es ihm darum geht, Aufmerksamkeit zu generieren. 222 Schaufensterpuppen, beklebt mit orangem Absperrband, auf dem Worte wie „begrapscht“ und „zwangsverheiratet“ stehen, aber auch „#MeToo“ oder Textmantras, die positiv stimmen sollen. Mesegs Armee nackter Frauen – zwischen denen sich auch eine männliche Puppe findet –, füllt den Potsdamer Platz.

Es ist der Abschluss einer mehrwöchigen Aktion, während derer die monumentale Installation „Broken“ laut dem Bonner Künstler ein „Aufruf“ sein sollte, „die Gewalt gegen Frauen endlich zu beenden“. Auf ihrer Tour stand sie in München auf dem Odeonsplatz, davor auf der Kölner Domplatte oder der Reeperbahn in Hamburg. Und überall, wo „Broken“ wie beabsichtigt Diskussionen anstieß, formierte sich gleich auch Kritik.

Demonstranten stehen in Berlin an einem Infotisch

In Berlin warten die Demonstranten ein paar Meter entfernt an ihrem Infotisch. Unter dem Hashtag „#Stillnotbroken“ haben sie einen Offenen Brief im Internet formuliert. Weil, wie die Berliner Studentin Judith Rauwald und die Künstlerin Julia Schramm erzählen, Meseg nach anfänglichen Online-Diskussionen das Gepräch abgebrochen und Posts gelöscht habe.

Auch das, sagt Schramm, sei eine Form von Gewalt. Wenn jemand, der das Wort für die Frauen ergreife, sich von diesen keine kritischen Fragen zu seiner Aktion anhören mag.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen, rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de.]

Damit stehen die beiden nicht allein. Laila Riedmiller, Referentin für Frauen und Geschlechtergerechtigkeit im AStA Bonn, hatte schon vor „#Stillnotbroken“ ein Statement gegen „Broken“ initiiert. Jorinde Wiese, Studentin an der Uni Freiburg und Comedian, erklärte im Radio des RBB ausführlich, was die Kritikerinnen an „Broken“ stört.

Es beginnt schon mit dem Titel der Arbeit, die „Opfer auf den erlebten Gewaltakt reduziere und als zerbrochen beschreibe“. Das verletze die Frauen weiter und helfe gar nicht, meint Wiese.

Die idealtypischen Frauenfiguren polarisieren

Auf dem Potsdamer Platz weist die Künstlerin Julia Schramm zur selben Zeit auf die „genormten Schaufensterpuppen“ hin, die Frauen idealtypisch darstellten“, ohne im geringsten zu diversifizieren. Judith Rauwald ergänzt mit Blick auf „Broken“, so habe man Kunst in den achtziger Jahren machen können, nicht aber heute. Und vielleicht liegt sie damit gar nicht so falsch.

Auf Tour durch mehrere deutsche Städte. Die dekorierten Figuren von Dennis Meseg.Foto: Fabian Sommer/dpa

Der Künstler HA Schult, im Rheinland durch diverse Außenskulpturen bekannt, schickte seine „Trash People“, aus Metallmüll gepresste, lebensgroße Gestalten, schon 1996 um die Welt. Wer sich Fotos von Schults vor dem Kölner Dom arrangierten Blechfiguren anschaut, der ahnt, wo Meseg seine Inspiration für „Broken“ hernimmt.

Dabei kopiert der in Köln, Bonn und Alfter tätige Künstler nicht zuletzt sich selbst: „It is like it is“ hieß Mesegs Installation vom Anfang des Jahres, für die er ebenfalls Schaufensterpuppen mit rot-weißem Absperrband beklebte – damals zum Thema Corona. „Zu Beginn des Jahres noch in den Auslagen der Geschäfte die überbordende Fülle lebensbejahender, bunter Kleidung präsentierend, stehen (die Schaufensterpuppen) nun einförmig beieinander“, heißt es auf Mesegs Website. Eine Erläuterung, so – man muss es einfach sagen – schlicht und uninspiriert, dass man ihm die künstlerischen Ambitionen kaum abnimmt.

Weit tiefgründiger als es auf den ersten Blick erscheint

Mit „Broken“ möchte er nun „ein Zeichen setzen gegen Gewalt an Frauen, und die originelle Umsetzung seiner Gedanken in ein Kunstwerk ist weit tiefgründiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag“. Was sich hinter den 222 monströsen, verletzten, teils mit Blut bestrichenen Puppen verbirgt?

Es wäre ein spannender Ansatz gewesen, dies mit den Kritiker*innen seiner auf den ersten Blick und bei allem Schock doch ziemlich eindimensionalen Installation zu diskutieren. Stattdessen spricht der Künstler von einer „Hexenjagd“ und von „Feministinnen“, die seine Installation eigenmächtig umdeuten wollten.

Bitte Aufmerksamkeit, aber keine Interpretation

Kunst, die nicht interpretiert werden soll. Oder bloß so, wie ihr Schöpfer das möchte. Wenn Meseg Probleme mit der Freiheit von Kunst hat, sollte er die Produktion vielleicht einstellen.

Glaubt man Brigitta Lindemann von der Gleichstellungsstelle Kreis Rhein-Sieg als einer der Initiator*innen von „Broken“, dann ging es anfangs vor allem um einen Zweck. Wenn man ein Thema zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in die Öffentlichkeit bringen wolle, müsse man halt „was Plakatives machen“. Damit trifft sie genau den Punkt.

„Broken“ sollte Aufmerksamkeit generieren. Und Meseg erntet wie von ihm gesät: viel mediale Aufmerksamkeit für ein medial superwirksames Bild. Und viel inhaltlich begründete Kritik.