Preußen frisst mich auf

Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. steht bis heute im Schatten seines Sohnes, Friedrich des Großen. Ein Sammelband versucht, Abhilfe zu schaffen.

Konstantin Sakkas
Hoch zu Pferde. Friedrich Wilhelm I. auf einem Gemälde von Paul Carl Leygebe (1664-1756).Foto: James Steakley/Wikipedia

Roi-Sergent, Soldatenkönig, königlicher Unteroffizier: So nannte ihn schon die Mitwelt, so nennt ihn noch die Nachwelt – und tut ihm damit doch Unrecht, folgt man Frank Göse und Jürgen Kloosterhuis, die neueste Forschungsergebnisse zu Leben und Regierungswerk Friedrich Wilhelms I. zusammengetragen haben.

Der Soldatenkönig steht im Schatten seines Sohnes, Friedrichs des Großen, mit dem er einen der bekanntesten Vater-Sohn-Konflikte der Weltgeschichte austrug. Hierin wie Benjamin Marschke einen „versuchten Staatsstreich des Kronprinzen gegen den König“ zu sehen, dürfte dennoch zu weit gehen. Denn wer waren die Mitverschwörer?

[Frank Göse, Jürgen Kloosterhuis (Hrsg.):.Mehr als nur Soldatenkönig. Neue Schlaglichter auf Lebenswelt und Regierungswerk Friedrich Wilhelms I. Duncker & Humblot, Berlin 2020.
398 S., 89,90 €.]

Dennoch ist es wertvoll, mit Kloosterhuis „in das komplizierte Wesen des vielfach verkannten Monarchen“ zu blicken, in seine „Wunschträume von häuslicher Eintracht, Kindesliebe und Kameradentreue“, in die „sensiblen Bedürfnisse eines komplizierten Königs“.

Der polternde Hausvater hatte durchaus eine musische Seite: Dem Briefwechsel mit seiner Tochter Charlotte von Braunschweig entnimmt Sören Schlueter, dass der König das Flötenspiel, das er seinem Sohn Friedrich buchstäblich ausprügeln wollte, selber noch als Erwachsener betrieben haben muss.

Das Bild vom bösen Vater

Auch sei seine notorische Gewalttätigkeit hauptsächlich „auf die beiden Ältesten beschränkt“ gewesen, also auf Friedrich und Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth, deren Memoiren wir neben Friedrich vor allem unser Bild vom bösen Soldatenkönig verdanken. Merkwürdigerweise wird der Maler Friedrich Wilhelm nicht mit einem eigenen Beitrag bedacht.

Zum Schmunzeln lädt Denny Beckers Studie über die „Kabinettsminüten“ ein, königliche Handschreiben mit Verordnungskraft also, die seit 2012 im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem digital erschlossen werden und in denen es unter anderem heißt: „Preussen Ruiniert mich totahl das frist mir auf“.

Politisch aufschlussreich sind vor allem die Erkenntnisse von Isabelle Deflers und Tobias Schenk. In ihrer Untersuchung zur Rezeption in Frankreich bringt Deflers ans Licht, dass ausgerechnet der Mann, dessen feingeistiger Sohn später als „philosophe sur le trône“ in die Geschichte eingehen sollte, in einem Dokument des französischen Außenministeriums zum preußischen Thronwechsel schon 1740 als solcher bezeichnet wurde. Tobias Schenk stellt die Frage, „ob beim Preußenkönig tatsächlich jene Reichstreue erkennbar ist, die ihm die Forschung attestiert“, und kommt zum weder ganz neuen noch ganz überzeugenden Ergebnis, dass Friedrich Wilhelm trotz seiner habsburgfreundlichen Außen- und Heiratspolitik keineswegs der „treu-naive Reichsfürst“ gewesen sei, als den die Forschung (auch die borussische) ihn überliefert.

Vielmehr habe er die Politik der „Grandeur“, die seinen Vater zum Griff nach der Königskrone motiviert hatte, machtbewusst fortgesetzt. Beim Blick auf die Quellen, heißt es, trete Friedrich Wilhelm „rasch aus dem langen Schatten seines Sohnes heraus“. Nun, diese Botschaft hört man wohl – allein es fehlt der Glaube.