Porträt einer Frau mit Flammenwerfer

Die Gesellschaft hat keinen Platz für Ema. „Ich bin dazu da, um euch aus dem System herauszufiltern“, sagt die Mitarbeiterin vom Jugendamt zu der jungen Frau und ihrem Mann. Ema (Mariana Di Girolamo) und Gastón (Gael García Bernal) haben ihren siebenjährigen Adoptivsohn Polo gerade erneut zur Adoption freigegeben, den Grund erfährt man früh in Pablo Larraíns Film, der schlicht nach seiner disruptiven, unberechenbaren Protagonistin benannt ist. Polo hat Emas Schwester Benzin über das Gesicht gegossen und angezündet.

An welche Stelle die Szene am Krankenhausbett in die Chronologie der Ereignisse gehört, erschließt sich erst allmählich dank Larraíns elliptischer Erzählweise, die sich ähnlich sprunghaft verhält wie seine Heldin. Die Vorliebe zum Zündeln hat Polo von Ema, auch sie besitzt eine pyromanische Ader. In der Eröffnungsszene steht sie mit einem geschulterten Flammenwerfer an einer nächtlichen Straßenkreuzung und starrt auf eine brennende Ampel.

Es ist auch ein treffendes Bild für den Zustand von Larraíns kompromissloser Heldin, die nach einer eigenwilligen Devise lebt: Abbrennen, um Neues zu pflanzen. Ihre Freundin Laura (Paula Hofmann) vergleicht Emas Nehmerqualitäten mit den Eigenschaften einer Eidechse: Wenn die ihren Schwanz verlieren, wächst ihnen einfach ein neuer. Ja, entgegnet Gastón, aber danach seien sie auch erst mal orientierungslos. „Im Arsch“ lautet seine exakte Wortwahl.

Eine Frau kämpft für ihr Adoptivkind

Tatsächlich weiß Ema sehr genau, was sie tut, auch wenn ihre Methoden erratisch erscheinen: Sie will Polo zurück. Die junge Frau plagen Schuldgefühle, sie fühlt sich verantwortlich für die Taten des Jungen (er hat auch die Wohnung abgefackelt und die Katze einer Freundin ins Eisfach gesteckt). Das Jugendamt hält Ema ebenfalls für untauglich. Wobei sich ihr Innenleben nie wirklich aus ihren Handlungen erschließt.

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Mit stechendem Blick marschiert Hauptdarstellerin Mariana Di Girolamo, die blondierten Haare zu einer Stahlwelle zurückgegelt, zum plockernden Ambient-Score von Nicolas Jaar zielstrebig durch Larraíns Film, wie ein Raubtier auf Beutezug. Ob Mutterinstinkte sie antreiben oder bloß soziopathische, lässt sich nicht einmal erkennen, wenn sich ihre trotzige Maske zu einem Lächeln öffnet.

Vier Jahre nach seinem „First Lady“-Biopic über eine trauernde Jackie Kennedy inszeniert der chilenische Regisseur eine verletzte Heldin von einem ganz anderen Schlag. Ema und Gastón sind ein Höllenpärchen. Er, Choreograf, ist impotent („schwul“, provoziert ihn Ema), sie stimuliert ihren Hunger auf Sex – mit Männern und Frauen – durchs Tanzen.

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Nachts steht sie mit ihren Freundinnen aus Gastóns Compagnie auf einem Bolzplatz in der Küstenstadt Valparaíso und tanzt zu Reggaeton-Rhythmen. „Wie Ficken“, beschreibt Ema dieses Gefühl. Gastón verachtet die Frauen für ihre Liebe zu der „Knastmusik“, wie er sie nennt. Primitive Urinstinkte. „Du stehst doch auch nur hier vor uns“, entgegnet Laura, „weil irgendwann jemand mal geil war und einen Orgasmus hatte.“

Tanz-Choreografien vor Meereskulisse

Emas Plan, Polo zurückzugewinnen, ist die Triebfeder von Larraíns Film, aber er gewährt dem alle Sinne herausfordernden Hedonismus seiner Titelheldin derart viel Raum, dass man erst allmählich versteht, wie sich ihr Coup im Hintergrund manifestiert.

Eine sehr lange Sexsequenz in allen möglichen Kombinationen von Sexpartnerinnen und Sexpartnern, von Kameramann Sergio Armstrong in nachtgetränkte Primärfarben (viel Rot und Blau) getaucht, steht neben Tanz-Montagen, in denen die Frauen vor dem Panorama von Valparaíso, in Fabrikhallen oder vor der Meereskulisse eine Art Reggaeton-Kampftanz aufführen. „Du ziehst in den Krieg, Ema!“, meint ein Mitglied ihrer Girlgang. Und Ema macht keine Gefangenen.

Larraín ist ein Phänomen im Weltkino. Ob er Filme über die Pinochet-Diktatur dreht („Post-Mortem“), über ein „Safehouse“ für pädophile Priester („El Club“), den chilenischen Nationaldichter („Neruda“) oder JFKs Ehefrau („Jackie“), er findet für jedes Sujet eine eigene Bildsprache – und immer einen ganz spezifischen Ton.

Jackie Kennedy und Ema sind sich gar nicht mal so fremd. Aber wo die Präsidentenwitwe ihre neu gewonnene Unabhängigkeit hinter einem staatstragenden Decorum verbirgt, geht Ema in die Vollen. Die Bilder, die Larraín ihr schenkt, sind verschwenderisch, übertrieben, anarchistisch: Ema auf einem Feuerwehrwagen, mit einem Wasserschlauch herumspritzend; Ema, die mit dem Flammenwerfer die Nacht erhellt („Ejakulationen eines Dinosauriermännchens“); und immer wieder stilisiert in Zeitlupe, im zuckenden Reggaeton-Rhythmus.

Relikte einer überkommenen Männlichkeit

Mariana Di Girolamo, in einem aufsehenerregenden Debüt, trägt den Film nahezu allein, ihre schiere Präsenz lässt niemals auch Gefahr aufkommen, dass der Film eines Mannes über eine libertinäre junge Frau einen spekulativen Unterton bekommt. Ema – und mit ihr Larraín – macht sich darüber selbst lustig.

(In acht Berliner Kinos (OmU))

Gastón ist fast 15 Jahre älter, er steht dem Eigensinn der Frauen machtlos gegenüber. Seine Kunst ist Relikt einer überkommenen Männlichkeit; in einer seiner Choreografien tanzen die Frauen vor einem brennenden Schiff.

Emas Freigeist ist genauso Ausdruck eines Generationenkonflikts wie eine Geste weiblicher Selbstermächtigung. Gegenüber einer Schulleiterin, bei der sie für einen Job als Tanzlehrerin vorspricht, sagt sie: „Ich zeige den Kindern, wie sie sich frei bewegen können.“ Und plötzlich wird aus einem formalen Bewerbungsgespräch für einen Moment eine Verschwörung zweier Frauen von unterschiedlichem gesellschaftlichen Status.

Polo stellt die Kehrseite dieses Freiheitsgefühls dar, einen Kollateralschaden; aber auch er ist als unerwünschtes kolumbianisches Waisenkind nur ein sozialer Außenseiter. Wie Ema aus diesen verlorenen Seelen aber eine Patchwork-Familie gründet, muss man einfach gesehen haben.