Polnische Skispringer dürfen nach Corona-Wirrwarr doch starten

Ist der Sport nun eingeknickt, weil sich die Politik eingemischt hat? Völlig abwegig scheint dies nicht. Sicher ist nur, dass die diesjährige Vierschanzentournee kurz vor dem ersten Springen am Dienstag in Oberstdorf (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) von sehr fragwürdigen Interventionen seitens der polnischen Regierung überschattet worden ist.

Nur kurze Zeit, nachdem das ganze polnische Team um Dawid Kubacki nach einem positiven Test von Klemens Muranka am Montag in Quarantäne geschickt und vom Oberstdorf-Springen ausgeschlossen worden war, meldete sich schon Regierungschef Mateusz Morawiecki zu Wort. „Für uns Polen beginnt der Winter mit dem Skispringen“, schrieb der Politiker bei Facebook. Man dürfe „diese schreiende Ungerechtigkeit nicht zulassen“. Verglichen mit Deutschland wäre das so, als würde sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für einen Tournee-Start von Markus Eisenbichler und Karl Geiger stark machen – unvorstellbar.

Dass die Polen nach einem in höchstem Maße kuriosen Tag voller Corona-Wirrwarr in Oberstdorf doch noch starten durften, wird Morawiecki nun besonders freuen. Auf sein Bitten hatte die polnische Botschaft in Berlin Schritte unternommen, um einen Start des Teams auf der Schattenbergschanze zu erwirken. Auch das polnische Generalkonsulat hatte sich in Oberstdorf erkundigt, was denn die Gründe für den Ausschluss seien.

Maßgeblich für die plötzliche Erlaubnis war am Dienstag die lokale Gesundheitsbehörde. Sie hob kurzerhand die Quarantäne wieder auf, als im Anschluss an Murankas Positivtest das komplette Team um Titelverteidiger Kubacki und Olympiasieger Kamil Stoch noch zweimal negativ getestet wurde. Der ganze Vorgang wirft Fragen auf. Wurden allein wegen der Einmischungen der polnischen Politik neue Tests durchgeführt? „Es ist eine sehr unangenehme Situation“, räumte Florian Stern, Generalsekretär des Tournee-Auftaktwettbewerbs im Allgäu, ein. Die Qualifikation wurde für nichtig erklärt, alle 62 anwesenden Athleten inklusive aller Polen waren am Dienstag startberechtigt.

Der Vorgang dürfte nicht folgenlos bleiben

Während der Ski-Weltverband Fis und das örtliche Organisationskomitee den Fall Polen mit einer Über-Nacht-Kehrtwende noch lösen konnten, droht an den weiteren Stationen in Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen ein Dilemma: Wie valide sind die bei der Tournee verwendeten PCR-Tests?

Diese Frage war in diesem Jahr im Sport immer wieder aufgekommen, nachdem etwa Bundesliga-Fußballer wie Niklas Süle zuerst positiv und dann negativ getestet worden waren. Der Pharmakologe Fritz Sörgel machte im Tagesspiegel vor wenigen Wochen auf die Problematik dieser Tests aufmerksam. „Ist die Virusmenge klein, muss die erforderliche chemische Reaktion oft wiederholt werden, um ein Messergebnis zu erhalten. Und da fehlt’s dann schon mal am einheitlichen Vorgehen der Labore.“ Das Erstaunliche an den Tests beim polnischen Skispringer Muranka: Der erste Test fiel „klar positiv“ aus, die zwei folgenden dann „klar negativ“. Bei sauberen Analyseverfahren eigentlich unmöglich.

Der Vorgang bei der Vierschanzentournee dürfte nicht folgenlos bleiben. Werden bei weiteren Serientestungen im Tournee-Verlauf Infizierte unter den Sportlern entdeckt, könnten Teams den polnischen Weg wählen: Nochmal testen und nochmal testen. Im Hygienekonzept ist das nicht vorgesehen. Und der Sport könnte dabei immer ganz schnell in den Hintergrund rücken, wie sich in der turbulenten Lage am Montag schon zeigte.

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Fis-Renndirektor Sandro Pertile stellte klar, dass sich auch die direkten Rivalen der Polen dafür aussprachen, das Team um Champion Kubacki in Oberstdorf zuzulassen. „Wir sind eine Familie. Jeder war glücklich, dass alle dabei sind“, sagte Pertile, der als Nachfolger von Walter Hofer gleich in seinem ersten Winter wahnsinnige Turbulenzen zu moderieren hat.

Auch das deutsche Team um Eisenbichler und Geiger ist froh, dass der ernsthafte Rivale nicht kampflos aus der Wertung fällt. „Aus sportlicher Sicht finde ich es ziemlich gut, dass die Polen dabei sind. Es ist doch eine der stärksten Nationen und es sollen die Besten mitspringen“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher am Dienstagmorgen in Oberstdorf. Die Top-Athleten des Deutschen Skiverbandes (DSV) hatten sich zuvor ähnlich geäußert. Auch ein deutscher Physio war bei der Serientestung positiv getestet worden, hatte aber nach Verbandsangaben keinen Kontakt zum Team. Bei zwei weiteren Tests wurde er – wie Muranka – jeweils negativ getestet. Die Skispringer halten in schwierigen Zeiten zusammen. Das ist löblich. Ob sie damit das richtige Zeichen in finsteren Coronavirus-Zeiten senden, ist dagegen mehr als fraglich. (Tsp/dpa)