„Points of Resistance“ erkundet Formen des Widerstands

Die Tür steht bloß einen Spalt offen, und schon verirren sich erste Nachbarn in die Zionskirche. Am Morgen wurde hier in Prenzlauer Berg ein Gottesdienst gehalten, aber bloß digital für die Kirchenbesucher übertragen. Und jetzt? Parkt ein Transporter vor dem Portal. Werden Sockel und Pakete hineingetragen. Leuchtet es geheimnisvoll aus dem Halbdunkel des Kirchenraums.

Hier tut sich etwas, und die von Neugier getriebenen Passanten möchten unbedingt wissen, was das ist. Es passiert ja sonst nichts in der von Corona ausgehöhlten Zeit.

Hier aber, am Zionskirchplatz und damit am höchsten Punkt im alten Berlin, gibt es an Ostern ein kleines Ausstellungswunder. „Points of Resistance“ heißt die Schau, die noch kurz vor ihrer Covid-19-konformen Eröffnung am heutigen Ostersonntag aufgebaut wird. Werke von 55 internationalen Künstler:innen ziehen für einen Monat ein, verändern den Blick auf den sakralen Ort und werden ihrerseits von ihm berührt.

Die Vernissage findet exklusiv im kleinen Kreis der Beteiligten statt. Danach kann der Ort von allen im Rahmen der Initiative „Offene Kirchen“ besucht werden: ohne Anmeldung, aber mit Maske und dem nötigen Abstand.

Günther Ueckers Skulptur „Kunstpranger“

Wer die vergangenen Monate im Homeoffice verbracht und Kunst vorwiegend digital angeschaut hat, der erlebt „Points of Resistance“ als dringliche Erweiterung seines schon etwas verkümmerten Horizonts.

Großen Anteil daran hat die Zionskirche selbst, die kurz vor ihrer Sanierung steht. Noch aber verharrt sie im ruinösen Zustand vergangener Jahrzehnte und verströmt den Charme einer vergessenen Location.

In ihrem Innern hat ein Team von Kuratoren – neben Constanze Kleiner der ehemalige Museumsdirektor Stephan von Wiese, Rachel Rits-Volloch, David Elliotts und Jan Kage – die ausgewählten Werke sinnvoll geordnet.

Links von der Kanzel erhebt sich Günther Ueckers Skulptur „Kunstpranger“ (2008): ein Baumstamm auf einer Holzpalette, dessen oberes Ende mit Nägeln gespickt ist. Wie ein übergroßer Kaktus ragt er vor einem halb transparenten Bild voller Herzen in die Höhe.

An die Liebe erinnern

Jani Leinonen realisierte „We find Love in Hopeless Place“ im vorvergangenen Jahr, doch nun scheint die Arbeit wie für den Ort gemacht: Ein Scheinwerfer erhellt sie von hinten und lässt die Oberfläche wie ein Kirchenfenster leuchten. Die Herzen beginnen zu schweben und mit ihnen das Wort „Love“ auf gelber Banderole.

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Nah am Kitsch, mit Spitzen bewehrt oder explosiv wie das Mikrofon von Mariana Vassileva, das auf der Empore steht und sich bei näherem Hinsehen als Nachbildung einer Granate entpuppt: Die Ausstellung „Points of Resistance“ kennt viele Facetten künstlerischen Widerstands.

Damit passt sie perfekt an den Ort, der selbst eine lange Tradition politischer Unbeugsamkeit vorweisen kann. Hier wirkte Anfang der 1930er-Jahre der Theologe Dietrich Bonhoeffer, bevor er 1938 gegen die Nationalsozialisten aufstand und später hingerichtet wurde.

Kirche und Kunst kommen sich nah

Die Friedensbewegung der DDR fand in der evangelischen Zionskirche ihren geschützten Raum, im Keller des Pfarrhauses gründete sich nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl „Die Umwelt-Bibliothek“, deren Projektleiter Horst Edler die jetzige Ausstellung mit vollem Einsatz begleitet.

Auf dem Fußboden der Kirchenempore sieht man bis heute Farbreste jener Transparente, die die Mitglieder heimlich malten und aus Protest nach draußen hängten – bevor der Staat sie wieder entfernen ließ.

Eine Lektion über die Angst vor dem Wort, und nicht zufällig steht Vassilevas Mikrofon direkt neben den Glasplatten, die die Spuren der Geschichte inzwischen schützen. Flankiert wird die Installation von Bill Violas Video „Martyrs“ (2014), auf dem Menschen unterschiedlichster Herkunft von Feuer, Wasser, Erde und Luft traktiert werden, bis sie zu Boden gehen – und sich anschließend ohne Vorbehalte oder Vorurteile gegenseitig dabei helfen, wieder aufzustehen.

„Gefragt wird nach der menschlichen Fähigkeit, Schmerzen, Leiden, Tod zu ertragen, ohne dabei den Glauben an die menschlichen Werte zu verlieren“, schreibt Stephan von Wiese in seinem Text zur Ausstellung, und man merkt, wie nah sich Kirche und Kunst inhaltlich mitunter kommen.

Die Zionskirche war ein Ort der Friedensbewegung der DDR

Im Altarraum steht das Kreuz, in Sichtweite schleppt der „Lastenbär“, eine Sandsteinskulptur von Stefan Rinck, einen schweren Mauerstein auf dem Rücken. Für die Kuratoren ist dies das Signum ihrer Schau, den Bären würden sie gern größer im Außenbereich als „Memorial“ verwirklichen.

[„Points of Resistance“, Zionskirche, Zionskirchplatz; 5.–25. 4., Mo–So 13–18 Uhr, www.points-of-resistance.org]

Bis dahin konzentriert sich das Geschehen auf den Innenraum. Hier hängt David Krippendorffs Zeichnung „Burning Atlanta“, hier erinnert die Berliner Malerin Kerstin Serz mit ihrem Porträt „1938“ daran, dass Sophie Scholl ihren Widerstand gegen den NS-Unrechtsstaat mit dem Leben bezahlt hat und keine Ikone für heutige Protestler sein kann, denen schon verbaler Gegenwind zu viel ist.

Mit Otto Piene, Tom Biber, dem russischen Künstlerkollektiv AES+F, Maik Schierloh oder Franziska Klotz komplettiert sich das Bild einer Ausstellung, die an unser Potenzial erinnern will – aufzustehen und uns zu wehren, wenn neben dem Covid-19-Virus noch eine andere pandemische Krankheiten namens Autoritarismus, Nationalismus und Rassismus grassieren.