Poesie der Präzision

Eigentlich ist er ein lebender Klassiker. Wolfgang Kohlhaase, der gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert hat, gilt als Deutschlands bester Drehbuchautor. Einst wurde der gebürtige Berliner 1980 durch „Solo Sunny“ berühmt. Das preisgekrönte Filmdrama über eine junge DDR-Popsängerin war der letzte Spielfilm des großen Konrad Wolf und Kohlhaase sein Autor und Ko-Regisseur.

Nach der Wende schrieb er Drehbücher für Volker Schlöndorff, Philipp Stölzl, Matti Geschonneck und mehrmals für Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“). Trotzdem blieb Kohlhaase als literarischer Schriftsteller überraschend unbekannt.

Dabei wäre er längst sogar ein Kandidat für den Büchner-Preis gewesen. Zumal er neben seinen Filmkunstvorlagen auch hochkarätige Prosa verfasst hat. Das ist jetzt wiederzuentdecken bei seinem zuerst 1977 in der DDR, dann nochmal 2006 (ohne großes Echo) im Berlin Verlag erschienenen und nun bei Wagenbach neu edierten Erzählungsband „Erfindung einer Sprache“ (Mit einem Nachwort von Andreas Dresen. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2021, 208 Seiten, 18 €.).

Ein Figurenreigen in 13 Geschichten

Die früheren Ausgaben hießen „Silvester mit Balzac“, der neue Titel steht gleich auch über der Anfangserzählung, während „Silvester mit Balzac“ das Schlussstück des Bandes ist. Und vielleicht meint dieser Wechsel des Buchtitels auch eine Botschaft. Denn Kohlhaases Sprache ist tatsächlich ein Ereignis.

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Wer glaubt, auch in seiner Prosa setze der Drehbuchautor besonders auf pointierte Dialoge, erkennt: Hier schreibt, jenseits der selten verwendeten direkten Rede, ein genuiner Erzähler. Von Geschichten, die zugleich ein Stück Zeitgeschichte bedeuten. Kohlhaase entwirft in seinen 13 Stories einen vielfältigen Figurenreigen, Lehrer, Arbeiter, Adlige, Künstler, Nutten, Gauner, Sterbensmüde und Lebenslustige jeden Geschlechts und Alters treten auf.

Der Autor kann Bierkneipe und Salon. Doch spielt das nie im Ungefähren. Oder Ungefährdeten. Krieg und Nachkrieg, der Holocaust, der Wiederaufbau beider Deutschlands, Vergessenwollen und Erinnernmüssen sind gegenwärtig.

Schwermut und Humor

Wie in seinen Filmen ist Kohlhaase ein Meister im Miteinander von Tragik und Komik, die Melancholie wird vor schierer Schwermut bewahrt durch untergründigen Humor. Schon die Titelgeschichte verbindet den größtmöglichen Schrecken mit Motiven des Schelmenromans – Kohlhaase ist da ein Nachfahre von Grimmelshausen und Kleist, ein Wahlverwandter sogar von George Tabori.

Der junge holländische Jude mit dem knappen Namen Straat überlebt als KZ-Häftling, weil er einem Kapo, der von einer späteren Persienreise träumt, vorgaukelt, er spreche Persisch.

Worauf der Kapo heimlich zu Straats Sprachschüler wird, der ihm Fantasieworte wie „toki, sol, oltok, runidam“ beibringt. Auch „kotelet“ für Kotelett: „Das ist ein Leihwort, sagt Straat, ist international.“

Nie wirkt so eine Szene nur burlesk oder gar spekulativ. Kohlhaase zeichnet Charaktere, Situationen, Atmosphäre ohne je ein Schmuckwort zu viel. Es ist eine Poesie der Präzision.

Die Todesangst des Häftlings

Als der Kapo einmal misstrauisch wird gegenüber Straat, heißt es: „… er starrt auf die Stirn des Jungen, über die sich grau die Haut spannt, er sieht die Ader in der Schläfe klopfen, verflucht, wenn er dem in den Kopf blicken könnte.“ Die Todesangst des Häftlings: eine klopfende Ader. Die Wut des möglichen Mörders nur ein stilles, innerliches „verflucht“.

Auch in der früheren Titel-Erzählung „Silvester mit Balzac“, in der ein ostdeutscher Filmdramaturg und Ich-Erzähler das Neujahr (als kleine „comédie humaine“) mit einer Ungarin in Budapest verbringt, reichen Andeutungen, um erotische Euphorie und ihr Gegenteil zu versinnlichen.

Atem und Atemlosigkeit wechseln „umschlungen, sitzend, kniend, liegend, verzuckend starb die Fremdheit zwischen uns und kam leise wieder zur Welt, während wir ineinander ausruhten und nebeneinander lagen und ohne einander“. Zärtlicher, genauer, unerbittlicher kann man von der Liebe kaum erzählen.