Plötzlich getrüffelte Lobster auf dem Teller

Natürlich taucht einmal Donald Trump auf: Er begrüßt Michail Gorbatschow 1988 während eines Besuchs in New York, geradezu begeistert ist er: „Ich habe davon gehört, und ich könnte nicht glücklicher sein. Ich könnte nicht glücklicher sein“, sagt Trump beim Händeschütteln vor seinem Turm zu Gorbatschow, der – nun ja, natürlich dessen Doppelgänger ist.

Vielleicht kommt man 2020 in einem Buch, das, wenn auch nur im weitesten Sinne, von einem US-Präsidenten handelt, um die Erwähnung der Nummer 45 nicht herum, nötig wäre sie nicht gewesen.

Denn eigentlich spielt selbstgerechtes Getöse in „Der Präsident“ keine große Rolle. Vielmehr ist Demut das vorherrschende Gefühl: Jay Immer ist ein Sprössling burgenländischer Immigranten und hat es sich mit seinen 55 Jahren in Chicago wohl eingerichtet, als seine Frau Lucy ihn ohne sein Wissen zu einem Casting für Ronald-Reagan-Doppelgänger anmeldet.

Immer, der mit dem Präsidenten eine große Ähnlichkeit teilt, gewinnt und heuert bei einer Agentur an, die ihn fortan zu Shoppingmall-Eröffnungen, Automessen, Hotdog-Wettessen und ähnlichen Großereignissen in den ganzen USA verschickt.

Aus dem Kleinbürger wird ein Gutverdiener, der statt österreichischer Küche plötzlich getrüffelten Lobster isst – und nichts dagegen hat, wenn er eine Sonderbehandlung erfährt, weil da ein Wirt denkt, er habe den echten Staatsmann in seinem Gastsaal sitzen.

Clemens Berger.Foto: Katharina Susewind

Einiges aus dieser Geschichte beruht auf wahren Vorkommnissen. Julius Koch hieß der gebürtige Burgenländer, der 25 Jahre lang in den USA der zweite Ronald Reagan war. Auch er hatte diesen Job seiner Gattin zu verdanken. Und er spielte, wie seine Buch-Variante, in diversen Hollywood-Filmen Kleinstrollen, etwa in „Zurück in die Zukunft II“.

Clemens Berger reichert diese grobe Rahmenhandlung mit einer Substanz an, die eingangs bisweilen überinszeniert wirkt. Er erzählt mit viel Liebe zum Detail aus dem Suburbia-Amerika, dem Swimming-Pool-Amerika, dem Dicke-Autos-Amerika, aus dem Amerika, in dem der Postbote mit seinen Briefen noch in aller Gemütlichkeit an die Tür kommt, mehr noch, zum Freund der Familie wird: ein kleines, würdevolles Glück der Durchschnittlichkeit.

[Clemens Berger: Der Präsident. Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2020. 335 Seiten, 24 €.]

Berger legt aber schnell die Wunden dieser Zeit frei. Sein Protagonist verlässt die Durchschnittlichkeit, um sie quasi aus einer übergeordneten Position heraus zu prüfen. Schnell werden die Schattenseiten des amerikanischen Traums bewusst.

Er erfährt vom drohenden Klimawandel, von der Iran-Contra-Affäre und informiert sich über Reagans erbarmungslose Linie gegen die Gewerkschaft der amerikanischen Fluglotsen. Kurzum: Das Präsidenten-Double entwickelt eigene Überzeugungen, was zu Konflikten führt – mit seinem Agenten, aber auch mit der Staatsmacht.

Man muss eine gewisse Geduld mitbringen

Suburbia ist plötzlich nicht mehr das Ideal, sondern eine Basis für Renitenz und Gegengedanken, die mit einem interessanten Figurenkabinett ausdiskutiert und formuliert und zum Teil sogar per Fernseher ausgesendet werden. Auf eventuelle Herablassungen denen gegenüber, die eine andere Meinung vertreten, verzichten dabei Protagonist wie Autor, der Tonfall ist stets ein warmer.

Als Leser muss man aber trotzdem eine gewisse Geduld mitbringen. Die Art, auf die Berger hier in die amerikanische Wirklichkeit einsteigt, wie er Lebenslinien als solche nicht enden, sondern über Dekaden laufen und auch zerfasern lässt, um sie an anderer Stelle wieder zu verknüpfen, mag zwar einen großen Bilderbogen ergeben, trägt aber nicht immer zur Spannung bei.

Dass die Handlungskurve gegen Ende abflacht, versucht Berger durch Rhythmus, Flow und Eindringlichkeit zu kompensieren und auch dadurch, dass er den Regler seiner Geschichte zart, aber eindringlich verschiebt: Was kurz, wirklich nur ganz kurz, der Schelmenroman ist, als den der Verlag das Buch anpreist, häutet sich dann zu einer Lebens- und Liebesgeschichte.