„Play“ erzählt von den Abgründen der Algorithmen

Was geben wir nicht alles im Internet von uns preis. Wie ein Krake saugt das Netz Informationen an, die wir ihm sogar freiwillig und bereitwillig überlassen. Nie existierten so viele Daten über eine Person wie heute.

Nie war es leichter, ein Persönlichkeitsprofil aus all diesen Daten zu erstellen. Und was wäre, wenn es eine App gäbe, die uns aus all diesen Daten unsere Zukunft voraussagen würde? Je mehr Daten sie hätte, desto präziser das Bild? Aber will man das wirklich so genau wissen, vor allem, wenn man am Anfang seines Lebens steht?

Thomas Elsässer führt in seinem Roman „Play“ in eine solch nahe Zukunft. Ausgangspunkt der spannenden Handlung ist, dass der achtzehnjährige Jonas kurz vor seinem Abitur aus einer Laune heraus auf einer App den „Play“-Knopf drückt. Die MASCHINE verspricht ihm, die Zukunft vorauszusagen. Warum nicht?

Aber nach zehn Tagen hat Jonas genug und will einen Rückzieher machen. Aber die „Maschine“ ist unerbittlich. Für Jonas ist die Prognose der „Maschine“ unerträglich. Sie prophezeit ihm, dass er seinem Vater ähnlich werden würde.

Mit der gnadenlosen Schilderung des Abiballs, eines sinnentleerten Rituals, beginnt Elsässer seinen Roman. In wenigen Sätzen skizziert er treffsicher die Szene. „Das taube Gefühl. Arme, Beine, Gesicht, ein Körper, der meinen Geist spazieren trägt, mich zwischen Kleiderständern, knutschenden, fummelnden Pärchen, der kotzenden Sophie, Stühlen, Konfetti und Luftballons hin und her schubst.“

Jonas wehrt sich gegen die Vorhersagen der App

In diesem Backstage-Chaos steht plötzlich „Frau Perousse vor mir, meine Deutschlehrerin. Eine Erscheinung. Wünsche gehen manchmal doch in Erfüllung“, sagt Jonas und kann seine Gefühle nicht zurückhalten. Sie ist keine Lehrerin, er kein Schüler mehr, also? „Ich will nicht vorhersehbar sein, denke ich mein persönliches Mantra, sei nicht vorhersehbar. Dann beuge ich mich herüber zu Anne und küsse sie.“

[Tobias Elsässer: Play. Carl Hanser Verlag, München 2020. 304 Seiten, 16 €. Ab 14 Jahren.]

Damit beginnt Jonas, sein Leben nach eigenen Regeln zu organisieren, gegen die Vorhersagen der App. „Anders zu sein, ohne sich strafbar oder zum Idioten zu machen, ist extrem schwer!“, denkt er angesichts dessen, was er nach dem Abiball in den sozialen Medien vorfindet.

Jonas entzieht sich der komplizierten Situation und seinen Gefühlen. Er reist gen Norden, um sich selbst zu finden und gegen die Vorhersage der „Maschine“ anzukämpfen. Die Vorstellung, dem Vater ähnlich zu werden, der seinen Traum von der Schauspielerei verriet, ist ihm unerträglich.

Eine Bildungsreise im teuren Mini

Elsässer schickt seinen Protagonisten auf eine Bildungsreise, die er mit drei Mädchen in einem teuren schwarzen Mini antritt. Die Mädchen tippen ständig in ihre Smartphones. Jede Vernetzung mit Jonas liefert der „Maschine“ Datenfutter. Daraus erstellt sie wiederum Profile der Mädchen und bewertet sie nach einem Ampelsystem.

Kim, Maja und Sun studieren Marketing an einer Privatuni, nehmen Jonas mit zu einer irren Influencer-Party auf einem noblen Anwesen, wo er sich zum Affen macht, aus Prinzip, um anders zu sein als die Erwartung an ihn.

Elsässer erzählt mit einer flotten, erfrischenden Sprache vom Abenteuer des Quartetts, das schließlich zu einem Duett wird. Sun nimmt Jonas in ihrem Auto mit in eine Hütte in den Bergen ohne Internet. Sie neckt und provoziert ihn, zwingt ihn Stellung zu beziehen, zu Anne, seinem Vater und am Ende zur „Maschine“.

Sun ist der toughe Gegenentwurf zu Jonas. Sie ist mit der Natur vertraut, mutig und scheint zu wissen, was sie will. Aber Sun bleibt geheimnisvoll, anders als die anderen – und das macht sie interessant. Sie trägt etwas mit sich herum, das Jonas nicht einschätzen kann und das ihn herausfordert.

Und immer wieder rechnet die „Maschine“ die Beziehungen aus. Eiskalt reagiert der Algorithmus, schlägt zum Beispiel vor, Anne auszusortieren, aber warum? Je mehr die „Maschine“ rechnet, desto mehr sträubt sich Jonas gegen sein scheinbar vorbestimmtes Schicksal. Tobias Elsässer ist mit „Play“ ein temporeicher, tiefgründiger Roman gelungen, der die Schnelligkeit der digitalen Welt den großen Fragen des Lebens gegenüberstellt.