Plappern, Pumpen, Prahlen im Großraumbüro

Wer Menschen aus Kulturredaktionen kennt, aus dem Feuilleton, weiß um deren Einstellung zum Beruf und – damit nicht selten in Zusammenhang stehend – zum Leben: Es gibt nichts Wichtigeres, Bedeutenderes als die Künste, nichts Schöneres, Wahreres, Wertvolleres, Großartigeres.

Aber: Noch wichtiger, bedeutender, schöner, wertvoller, wahrer und großartiger ist, Sie ahnen es, das eigene Kulturressort: in meinem Fall die Literatur, ansonsten die bildende Kunst, das Theater, die Musik und, klar, der Film. Wie fühlt sich also ein Literaturredakteur oder eine Kunstredakteurin zu Berlinale-Zeiten?

Das Leuchten der Filmmenschen überträgt sich

Zehn Tage Berlinale bedeutet nämlich zehn Tage lang nichts als Kino, Kino, Kino, als Filme, Filme und noch mehr Filme, und das ja nicht nur in der Kulturredaktion des Tagesspiegels und den Redaktionen aller anderen Medien, sondern in der ganzen Stadt.

Zehn Tage Berlinale, das sind nicht nur zehn Tage ein Wettbewerb mit den vermeintlich wichtigsten Filmen sowie der rote Teppich und die Stars, sondern Filme aus aller Welt, aus Paraguay, Mazedonien oder Ägypten. Und wer will zu dieser Zeit schon was über die Toten Hosen, Felicitas Hoppe oder Thomas Glavinic lesen, nur mal so als Beispiele?

Jetzt ist er aber gekränkt, der Bartels, mag nun die eine oder der andere denken, wie hält er die Berlinale bloß aus? Doch ist dem gar nicht so. (Naja, vielleicht, so ein ganz, ganz kleines bisschen). Denn die Bewegtheit der anderen, der Filmmenschen, ihr inneres und äußeres Leuchten, das überträgt sich. Wenn sie tage-, ja: wochenlang vorher ausschwärmen, um Filme zu schauen, und erst recht während der Berlinale-Tage.

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Ein Gepumpe und Geflatter ist das, wenn sie aus dem Kino direkt in die Redaktion kommen, ein Aufgerege und Geschnatter, eine einzige Diskutiererei und Kommentiererei über alle Tische im Großraumbüro hinweg. Bisweilen scheint es, als wären die Film-Kolleginnen und Kollegen monatelang auf Entzug gewesen, als hätten sie ewig keine Filme und erst recht keine bedeutenden gesehen. Doch auch die übrige Welt übt sich auf einmal im cineastischen Sehen, entdeckt das Kino; und wann ist das schon einmal so, dass die Selbstwahrnehmung der in der Kultur Tätigen und die Außenwahrnehmung deckungsgleich sind?

Aber was nun? Keine Berlinale, keine Aufregung. Nur Homeoffice, Filme auf dem Laptop, eine leere Redaktion. Tristesse totale. Ja, auch hier, in der Literaturredaktion, leidet man dieser Tage unter Phantomschmerz. Man leidet nicht unbedingt mit den Kollge:innen mit, man hat ja selbst seine Wunden zu pflegen: ausgefallene Buchmessen! Doch es fehlt etwas Entscheidendes, die Kultur Bewegendes, und wenn es allein die Berlinale-Fahnen vor dem Gropius Bau sind.

BERLINALE-FILMTIPP
“Sátántangó”. Dieses über siebenstündige Werk des ungarischen Regisseurs Béla Tarr hatte 1994 seine Premiere im Forum. Auf DVD und hier.