Papierrascheln im Geisterkabinett

„Die Ausstellung ist eröffnet.“ Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski setzt den Satz an das Ende ihrer kleinen Rede, die sie am Donnerstagnachmittag im Gutshaus Steglitz hält. Die Worte hängen eine Weile still in der Luft, ihnen folgt kein Aufatmen, wie es nach monatelangem Lockdown ja der Fall sein könnte. Eher fühlt man ein banges Zweifeln im Saal. Wie lang wird es offen bleiben?

Die Schau dürfte eine der ersten sein, die in dieser Stadt nach den beschlossenen Lockerungen eröffnet. Und dann noch mit einem Schwergewicht wie dem Leipziger Maler Neo Rauch. Es ist eine kleine Sensation. Rauch ist persönlich angereist; mit dunklem Anzug, gelbem Einstecktuch und kleinem Schnäuzer verleiht er dem Event etwas Grandezza. Ehefrau Rosa Loy ist ebenfalls dabei.

Ihr ist es zu verdanken, dass einer der bekanntesten Maler Deutschlands nun in einer zwar wunderschönen aber eher unbekannten Bezirksgalerie ausstellt. Vor zwei Jahren zeigte Loy ihre Bilder im frühklassizistischen Herrenhaus, das zunächst als Wohngebäude des Gutes Steglitz diente. Rauch gefiel das intime Ambiente des Hauses.

Zu sehen ist, passend zu den kabinettartigen Räumen der Villa, eine sehr persönliche Bilderauswahl. Rauch, der seit 20 Jahren nicht in Berlin ausgestellt hat (nach eigener Auskunft fragen ihn die hiesigen Museumleiter nicht an), zeigte seine Gemälde Anfang 2020 in den Uffizien. In Steglitz konzentriert er sich jetzt auf Papierarbeiten. Alle Werke stammen aus der privaten Sammlung von Rauch und Loy, es musste also keine länderübergreifende Logistik bewältigt werden. In Coronazeiten ein Vorteil, auch für die Veranstalter. Sie können die Schau großzügig bis September laufen lassen.

„Der Beifang“ nennt Rauch die Arbeiten

Im Erdgeschoss des Hauses sind fünf Großformate verteilt, Öl auf Papier, die sich in ihrer malerischen Ausführung allerdings kaum von den Leinwänden unterscheiden, die man sonst von Rauch kennt. Dazu gibt es, in Gruppen gehängt, viele kleine Zeichnungen, letztere nennt Rauch in seiner distinguierten Retro-Sprache „Der Beifang“. So lautet auch der Titel der Schau.

Neo Rauchs großformatiges Gemälde Stellwerk II” (Öl auf Papier) aus dem Jahr 2015.Foto: Uwe Walter/Neo Rauch und VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die großen Bilder mit ihrem reichen Repertoire dominieren das Geschehen, etwa das Schlüsselwerk „Stellwerk II“, das einen Mann und eine Frau zeigt. Der Mann hält einen kleinen Erwachsenen im Arm, dahinter sieht man eine Architektur mit Bahnhofsuhr. Erinnerungen an Rauchs Eltern, die bei einem Zugunglück ums Leben kamen, als er noch ein Baby war. Blaugrün leuchten Röcke, Pullover und Vegetation, der Stellwerksbediener hat einen verzerrten Schädel. Das Bild hat Wucht, die nur erfährt, wer direkt davorsteht. Wer monatelang nur mit wenigen Menschen lebte, kann durchaus etwas überwältigt sein, ob all der Figuren und phantastischen Aktivitäten auf diesen Bildern.

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Mehr als um die Großformate geht es aber um die kleinen Blätter, die dazu kombiniert sind. Sie waren niemals dafür gemacht, gerahmt hinter Glas in einer Ausstellung zu erscheinen. Nun sind sie aber doch hier, eine Auswahl aus den letzten 20 Jahren, die einzig dazu angetan scheint, weiter in das sehr spezielle Universum des Künstlers hineinzuführen. Sie zeigen etwa zwei Bärtige Gestalten mit einem Ochsen in einer Landschaft mit Busch, die Konstellation erinnert an Kain und Abel, nur dass die queere Kleidung dann doch wieder Rätsel aufgibt.

Eine allegorische Bilderwelt wird weitergesponnen

Die kleinen Zeichnungen führen ein Eigenleben. Sie sind kein Beiwerk, wie der Titel suggeriert, keine Vorskizzen, eher spinnt Rauch in diesen Fingerübungen seine allegorische Bilderwelt einfach weiter. Die Blätter, meist 20 mal 30 cm groß, sind wie die Großformate von Figuren bevölkert, auch wenn die Kompositionen weniger ausgefeilt wirken, der Duktus lockerer ist. Einige erinnern an Kritzeleien, mit Filz- oder Bleistift aufs Blatt gebracht. Sie sind nebenbei entstanden, beim Telefonieren, in der Kaffeepause, „Schubladenfunde“, sagt Rauch.

(Bis 26. September, Gutshaus Steglitz, Schlossstr. 48, Steglitz, täglich 10 – 18 Uhr)

Und manche, wie die drei mit schwarzer Tusche ausgeführten Szenen im ersten Raum, hat er für die Ausstellung bearbeitet, vermutlich mit Farbe auf Vordermann gebracht. Alle hat er mit Titel versehen, es ist eine Art nachträgliche Fertigstellung. Sie heißen „Spiegler“, „Gefesselt“ oder „Ratlos“ und was man liest, ist oft auch, was man sieht. Es gibt einen „Sortierer“, einen „Schüttler“, einen „Zerschneider“, einen „Formfinder“. Wofür Rauch dieses Personal braucht, erklärt sich nicht. Aber eindeutig will er ja sowieso nie sein.

Das Timing für diese Ausstellung ist pures Glück. Es hätte sein können, dass sie bei höheren Inzidenzwerten, zwar gehängt aber erstmal nicht zu sehen gewesen wäre. Für den Künstler wäre auch das kein Problem: „Ich finde, Kunst muss nicht immer verfügbar sein“, sagt er bei einer Fragestunde. Eher kann Rauch sich vorstellen, dass seine Figuren, die Hirten, Zauberer, Musikanten, die Schlangen einsammelnde Frau, sich, wenn sie allein sind, von ihren Papieruntergründen lösen und durch das Gutshaus geistern. Könnte sein, dass sie sich begegnen und neue Konstellationen und Geschichten formen. Dieser „Beifang“ hat etwas Unheimliches, und er ist intim. Ein Gefühl wie im Lockdown, wenn man bei fremden Konferenzpartnern unvermittelt ins Wohnzimmer schaut.