Paläste des Schmerzes

Sie bevölkern die schrägen, bizarren, oft doppelbödigen Wunderkammern der internationalen Museumslandschaft. Allemal gelten sie als Grenzgänger oder Traumtänzer zwischen Genie und Wahnsinn. Gemeint sind die Schöpfer einer „art brut“.

Mit diesem Begriff der Rohkunst hatte der Maler Jean Dubuffet kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die befremdlichen, aber schätzenswerten Werke von Menschen bezeichnet, die nach Ansicht der Medizin und der Mehrheitsgesellschaft zu den psychisch Abnormen, Kranken, Gefährdeten zählen. Wie der Schweizer Adolf Wölffli oder der einst sehr berühmte, 1982 in Berlin verarmt gestorbene Friedrich Schröder Sonnenstern.

Bekannte Orte dieser unter Sammlern oft hoch gehandelten Außenseiter-Kunst sind eigene Museen in Lausanne, Florenz oder Münster, sind die Heidelberger Sammlung Prinzhorn oder das vom Psychiater Leo Navratil gegründete Kunsthaus Gugging bei Wien.

Jetzt ist in dieser Szene ein bislang nur Eingeweihten bekannter Künstler zu entdecken – und mit seinen Werken auch sein verdammter, erschütternder Lebenslauf. Er heißt Peter Wirz, wird 1915 in Zürich geboren und stirbt 2000 mit 85 Jahren in Basel.

Keine harmlosen Strichfiguren

Ein Neffe von Wirz, der Schweizer Theaterdramaturg, Kulturjournalist und Autor Andres Müry, hat in einem fulminant illustrierten Band die titelgebenden „Wirziana. Die andere Welt des Peter Wirz“ erforscht (Vexer Verlag, St. Gallen/Berlin, 260 Seiten, 45 Euro). Und eine trotz Corona in der Basler Galerie „Maison 44“ bis Ende November gezeigte Ausstellung soll zumindest in Teilen 2021 wohl auch in Berlin präsentiert werden.

Was ist da zu sehen? Mit Buntstiften hat Peter Wirz, auf Papier oder Karton und zumeist im Format DIN-A4, seine beim ersten Anblick oft kindlich wirkenden, stark leuchtenden Farbwelten entworfen. Erstaunlich aber spätestens bei der näheren Betrachtung ist das Raumgefühl, mit dem der autodidaktische Künstler auf den nur schulheftgroßen Bildern seine Figuren inszeniert.

Oft sind die Blätter in geometrische Farbfelder unterteilt und mit wappenähnlichen Symbolen, mit Blumen, Sternzeichen oder anderen kalligrafischen Elementen geschmückt. Nur die Menschen in diesen vermeintlich surreal heiteren Szenerien sind keine harmlosen Strichfiguren.

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Sie verlieren so den Anhauch der Tagträume von Wirz’ großem Landsmann Paul Klee (der sich für psychisch kranke Künstler interessierte). Es sind auf der „Todestreppe“ (so Peter Wirz in einer Selbstbeschreibung), auf imaginären Stadtplätzen, in fantastischen Ruinen oder Menagerien häufig Gefolterte, Zermarterte, von Blutstürzen im Wortsinn Gezeichnete.

Meist Männer, denen dominantere Frauen zusehen. Es ist, als ob die körperlichen Martyrien einer Frida Kahlo plötzlich in ein anderes, noch fremderes Geschlecht gewechselt wären.

Die Eltern hatten kein Interesse an dem ausgesonderten Kind

Schon als Wirz zur Welt kommt, hat er vom Vater im Mutterleib die Syphilis geerbt. Die Eltern sind, heikel genug, Vetter und Cousine, der Vater Paul Wirz (1892 –1955) ist der alsbald angesehenste Schweizer Ethnologe und begibt sich mit seiner 14 Jahre älteren Frau für vier Jahre für Forschungen nach Neuguinea. Der kleine kranke Peter wird bei Angehörigen der Mutter zurückgelassen.

Auch später zeigen die Eltern an kolonialistisch geprägter Völkerkunde weit mehr Interesse als an ihrem eingeborenen, ausgesonderten Kind. Als Peter 14 ist und als lernbehindert gilt, erlebt er, wie seine Mutter bei einem Faltbootausflug auf dem Rhein ertrinkt.

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Kurz darauf reist der Vater mit seiner zweiten Ehefrau wieder nach Neuguinea. In der Wirz-Familie wird der Unfall auf dem Rhein auch als Suizid oder gar Mord ummunkelt. Biograf Andres Müry berichtet, dass es bei seinen Basler Verwandten hieß, der auf dem Boot anwesende, immer als missraten empfundene Junge habe das Malheur „leider überlebt“.

Peter Wirz hat Misserfolg in allen Schulen und fällt doch auf mit seiner zeichnerischen Begabung. Aber die Basler Kunstgewerbeschule schließt ihn als Kandidaten schnell wieder aus. Wirz, der nun posthum mit rund 700 Zeichnungen sowie einer Reihe von poetisch verrückten oder halb philosophischen Texten als Erfinder burlesker oder oft grausiger Welten zu entdecken ist, war zeitlebens meist Bauernknecht und Gärtnergeselle.

Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses wurde er gelegentlich belangt, klinisch für dement erklärt, entmündigt, aber trotzdem während des Weltkriegs zum Militär eingezogen und wieder entlassen.

Nach Kriegsende erleidet Wirz eine Psychose

Derweil wandert der Vater, in der Familie „Pascha“ genannt, mit seiner dritten Ehefrau in die Karibik aus. Die künstlerischen Talente des Sohns hielt er für eine „krankhafte Leidenschaft“. Peter Wirz wird beobachtet, wie er an Fahrradsätteln onaniert, nach Kriegsende erleidet er eine Psychose, lässt sich angeblich freiwillig kastrieren, gilt hierauf als harmlos schizoid, bleibt Hilfsarbeiter in Gärtnereien und Werkstätten – und zeichnet unaufhörlich seine DIN-A4-Blätter oder schreibt und malt in linierte Schulhefte, jedes Wort in einzelne Lettern zerlegend, seine Gedanken, skurrilen Geschichten, seine schmerzlichen Erfahrungen.

In einer „Selbstanzeige“ nennt er sich „nicht gottfeindlich“, doch das „Zeichnen und Sammeln ist ihm wichtiger“, er „hat den größeren Drang zu dem.“

Manchmal gerät diesem in kunstgeschichtlichen Büchern stöbernden Kind einer surrealistischen Zeit – wie seinen berühmten Künstlerahnen – auch die Schrift mit ins Bild. Als kommentierende, erweiternde Reflexion. So nennt er in einem geometrischen, an die revolutionären russischen Suprematisten erinnernden Entwurf eine darin nur fantasierte „Verbrennungsanstalt nach meiner eigenen Idee“ auch: „Palast = ähnlich“.

Andres Müry erzählt dieses Leben, dem er vor Jahrzehnten nach seinen eigenen frühen familiären Begegnungen mit dem nur 1,58 Meter großen Onkel schon einmal einen Roman widmen wollte, nunmehr als überaus spannende, Familien- und Kunstgeschichte souverän verschränkende Dokumentation.

Die Zeichnungen entstammen der Sammlung des Onkels

Dabei stützt sich das großformatige Buch, das auch einen ergänzenden Essay der Kunsthistorikerin und St. Gallener Museumsdirektorin Monika Jagfeld enthält, auf die Sammlung des noch lebenden Onkels Dadi Wirz, der die etwa ab 1950 entstandenen Kunstwerke seines Halbbruders Peter seit den 1970er Jahren bewahrt.

Er hat so zumindest kurzfristig erste Beteiligungen an Gruppenausstellungen zusammen mit Art-Brut- Künstler*innen wie Adolf Wölffli oder Aloise Corbaz um 1990 ermöglicht. Wirz-Werke vor 1950 aber wurden offenbar von den Verwandten vernichtet.

Trotz der leuchtenden Farbfülle öffnen sich hier dunkle Welten. Vielfach Hinrichtungsstätten und Orte einer schmerzlichen Lust. Müry erinnert an den im Wahnsinn geendeten Antonin Artaud und sein „Theater der Grausamkeit“, ebenso wie an den schwarzen Humor eines Roland Topor.

Auch Tomi Ungerer selig hätte an diesen Wirziana wohl sein Vergnügen gehabt. Eine Kostprobe der kindernärrischen Klugheit, die hier zudem aufscheint, gibt Peter Wirz’ Kurzgeschichte „Frau Zukunft“.

Auf einem Stadtplatz, „halb antik, halb modern“ steht Frau Zukunft, die das, „was sie für jeden auf dem Rücken an Gaben“ bereithält, verweigert. Sie sagt, sie werde „die zu spielenden Lebensrollen“ nur an „Frau Gegenwart“ übergeben, „im Beisein des Schicksals“. Wie im Theater des Lebens.