Pal Dardai kehrt zurück

Vor zweieinhalb Jahren hat Pal Dardai in einem Interview mit dem Tagesspiegel eine Aussage getätigt, die erst mit einiger Verzögerung ihre volle Pracht entwickelt hat. Es ging um die Ambitionen von Hertha BSC, um die Hoffnung, vielleicht mit der Mannschaft einmal ganz oben anzugreifen. „Wir sind ein Aus- und Weiterbildungsverein, das ist unsere Philosophie, ob einem das passt oder nicht“, hat Dardai damals dazu gesagt. „Solange nicht jemand kommt und uns 100 Millionen Euro gibt oder Paris St. Germain komplett hierher verlegt, wird das so bleiben.“

Inzwischen ist man in Berlin ein bisschen schlauer: 100 Millionen Euro alleine reichen nicht. Rund 100 Millionen Euro (sogar noch ein paar Milliönchen mehr) hat Hertha BSC allein im vergangenen Jahr in die Mannschaft gesteckt – mit dem Ergebnis, dass diese Mannschaft im Januar 2021 noch ein bisschen schlechter dasteht als im Januar 2020. Geld haben ist das eine; es vernünftig einsetzen das andere.

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Viereinhalb Jahre – vom Februar 2015 bis zum Frühsommer 2019 – war Pal Dardai Trainer von Hertha BSC. In einer Zeit also, in der bei dem Klub das Geld knapp war und daher eine gewisse Improvisationskunst gefragt war. Und auch wenn Dardai das nie so ausgesprochen hat: Es ist oft die Frage gestellt worden, was er wohl aus Hertha herausholen würde, wenn ihm ganz andere finanzielle Mittel zur Verfügung stünden.

Vielleicht lässt sich die Frage bald tatsächlich beantworten: Denn Pal Dardai ist ab sofort wieder Trainer von Hertha BSC. Der 44 Jahre alte Ungar übernimmt die Nachfolge des am Wochenende entlassenen Bruno Labbadia – und das nicht nur bis zum Ende dieser Saison, wie es der Verein eigentlich vorhatte. Nach nicht ganz einfachen Verhandlungen musste Hertha wohl auch mangels anderer Alternativen Dardais Wunsch zustimmen, länger zu bleiben. Sein Vertrag läuft bis zum Sommer 2022. Erst einmal.

2015, beim ersten Mal, war die Lage dramatischer

„Das war sicher nicht mein Plan, dass ich nun wieder von der U 16 auf die Trainerposition bei den Profis wechsle“, sagte Dardai. „Ich brauche aber auch niemandem zu erklären, was Hertha BSC für mich bedeutet.“

Im Vergleich zu seinem ersten Engagement bei den Profis hat Dardai diesmal einen deutlich hochwertigeren Kader zur Verfügung. Und auch sonst war die Aufgabe im Februar 2015 auf den ersten Blick deutlich komplizierter, auch wenn auf Dardai in den kommenden Wochen mit Spielen gegen Frankfurt, Bayern, Leipzig und Wolfsburg ein paar happige Gegner zukommen. Bei seiner ersten Beförderung vom Jugendtrainer zu den Profis war die Mannschaft nach 19. Spieltagen Vorletzter. Dardai verhinderte den Abstieg und bewies in den Jahren danach, dass er mehr ist als nur ein Retter.

Er stabilisierte das Team, führte es sogar zweimal in den Europapokal. Unter Dardai überzeugte die Mannschaft vor allem als Mannschaft. Niemand spielte gerne gegen Hertha. Genau das ist auch jetzt wieder gefragt – weil Herthas Mannschaft im Moment eines ganz sicher nicht ist: eine Mannschaft.

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„Wir suchen jemanden, der in einer Abstiegskampfsituation, in der wir uns befinden, die Mannschaft zusammenschweißen kann.“ So hat Carsten Schmidt, Herthas Vorstandschef, das Anforderungsprofil an den neuen Trainer am Sonntag skizziert. „Wir wollen und brauchen Erfolg.“ Dass er dabei an Dardai dachte, liegt auf der Hand.

Nach der Einigung mit ihm ließ sich Schmidt mit den Worten zitieren, Dardai habe bereits nachgewiesen, dass er eine Mannschaft in einer herausfordernden Situation führen und stabilisieren könne. Zudem brauche er als Kenner des Vereins keine Eingewöhnungszeit. „Wir sind absolut überzeugt davon, dass er mit seiner klaren Art der Mannschaft den nötigen neuen Impuls geben wird.“

Pal Dardai war in der komplizierten Situation nach der Trennung von Trainer Bruno Labbadia und Manager Michael Preetz erster Ansprechpartner für die Klubführung. Mit 286 Einsätzen in der Bundesliga ist Dardai Herthas Rekordspieler, und als Trainer blieben nur Helmut Kronsbein und Jürgen Röber länger im Amt.

Anfang 1996 kam Dardai nach Berlin, seitdem ist er Hertha treu geblieben. Als Spieler, obwohl ihn die großen Bayern einmal haben wollten. Und als Trainer, selbst nach der Beendigung seiner Zeit als Cheftrainer im Frühjahr 2019. Dardai machte ein Jahr Pause und übernahm dann die U 16 des Vereins, trotz Angeboten aus der Bundesliga.

Neuendorf hat Herthas U 23 trainiert

Unterstützt werden soll Dardai von Andreas „Zecke“ Neuendorf, der – wie Dardai – in Herthas Nachwuchs (U-23-Trainer) arbeitet und der – wie Dardai – aus seiner Zeit als Spieler einen glänzenden Ruf bei den Fans des Vereins genießt.

Vereinshistorisch gebildeten Anhänger wird bei der Kombination Dardai/Neuendorf vermutlich sofort der 1. Dezember 2001 in den Sinn kommen, als die Berliner im Olympiastadion auf den FC Bayern München trafen. Kurz nach der Pause brachte Niko Kovac die Gäste in Führung, doch späte Tore von Neuendorf (71. Minute) und Dardai (84.) bescherten Hertha noch einen 2:1-Sieg gegen den Rekordmeister. Seitdem ist es den Berlinern nur noch zweimal gelungen, die Bayern zu schlagen: einmal mit Pal Dardai als Spieler (2009) und einmal unter ihm als Trainer (2018).

Am 5. Februar gibt es die nächste Gelegenheit, die Bilanz ein bisschen aufzuhübschen. Dann steht für Dardai und Neuendorf das erste Heimspiel mit Hertha an. Gegner ist der FC Bayern.