Online-Event für den Filmnachwuchs

Ein Festival ohne Publikum ist schon traurig genug. Aber was macht ein Nachwuchstreffen für Filmschaffende wie „Berlinale Talents“, wenn die sich nicht treffen dürfen? Anders als das Filmfest, in dessen Bugwelle die Förderinitiative seit 18 Jahren Hunderte von Filmtalenten nach Berlin gespült hat, wird es im Sommer keine Präsenzvariante geben. Nur diese Woche findet es statt, komplett virtuell. Immerhin: 13 der Veranstaltungen sind öffentlich.

Wie tief dieser Einschnitt bei einem Format reicht, das auf die Vernetzung der Teilnehmenden abzielt, weiß Josef S. Brandl. Der Szenenbildner war 2014 als „Talent“ dabei und erinnert sich gut, worauf es ankam: „Leute kennenlernen, zusammen was trinken gehen bis in den frühen Morgen – das alles fällt diesmal weg“, sagt der 39-Jährige.

In diesem Jahr ist Brandl wieder dabei. Die Organisatoren dachten sich: Wenn die jungen Filmbegeisterten sich nur im virtuellen Raum treffen dürfen, verpassen wir diesem wenigstens einen Look. Dafür haben sich die Talents-Chefs an jene gewandt, die beim Film dafür sorgen, dass eine imaginierte Welt Realität wird: an Szenenbildner. Sie suchen Drehorte, an denen sich Geschichten erzählen lassen.

Szenenbildner kreieren eine besondere Online-Kulisse

Einer der besten seines Fachs ist Uli Hanisch. Er hat als Szenenbildner für Christoph Schlingensief angefangen und kreiert seit 20 Jahren die Filmwelten von Tom Tykwer, zuletzt in „Babylon Berlin“. Ihm und Brandl hat die Talents-Leitung den Entwurf des virtuellen Treffpunkts anvertraut.

Ein Konzept hatte sich schnell herauskristallisiert. Es kreist um das Hebbel am Ufer mit seinen drei Spielstätten, die seit 2007 die Heimat von „Berlinale Talents“ sind. Der Eingangsbereich des HAU2 am Landwehrkanal mit Tim Etchells Leuchtschrift „There Is No Time For This“ hat es Hanisch und Brandl als Motiv angetan. Sie entwarfen ein Modell und haben es im HAU3, auf der anderen Seite des Kanals, wieder aufgebaut.

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Der Clou: Die Miniatur-Fassade ist ein perspektivisches Modell, Blickachsen und Proportionen stimmen nur aus einem bestimmten Winkel. „So ein Modell für nur eine Kameraperspektive wird heute selten im Film verwendet“, erzählt Brandl im Gespräch.

Da sich die Moderierenden während der Veranstaltungen vor dem Modell bewegen, wird immer wieder die Illusion gebrochen. Dann ist die Kulisse als solche erkennbar, und auch die Technik rückt ins Bild.

205 Talente aus 68 Ländern

Die Kameras werden also selbst zu Ausstattungsstücken, zusammen mit Scheinwerfern, Monitoren und Regiestühlen. „Wir wollten den Sehnsuchtsort Filmstudio in einer komprimierten Form als Zitat erschaffen“, erklärt Hanisch. An diesem Ort sollen sich die 205 Talents aus 68 Ländern zumindest virtuell treffen, während sie zu Hause vor dem Laptop sitzen.

In diesem Jahr ist Hanisch auch als „Experte“ dabei. Am Donnerstag nimmt er seine Arbeit an der Netflix-Serie „Das Damengambit“ zum Anlass, um über seinen Beruf zu sprechen. Als einziger Teilnehmer sitzt er bei seinem Talk tatsächlich in der Kulisse im HAU3.

Die übrigen Gäste werden im Laufe der Woche lediglich über eine Videowand zugeschaltet. Und noch etwas ist an diesem Set besonders: Normalerweise wird eine Kulisse entsorgt, sobald der Film abgedreht ist. Die Mini-Fassade der Talents soll jedoch erhalten bleiben. „Als Mahnmal für das virtuelle Jahr“, wie Hanisch sagt. Möge es das einzige seiner Art bleiben.