Ohne Zuschauer – das ist „ein Schlag ins Gesicht“

Britta Lorenz ist entrüstet. Dass sie ab dem Heimspiel am Samstag gegen Werder Bremen auf die durch das Hygienekonzept sowieso schon stark gesunkenen Ticketeinnahmen nun komplett verzichten muss, ist für die Managerin der Handballerinnen der Spreefüxxe „ein Schlag ins Gesicht“.

Zumal eben jenes Hygienekonzept aus ihrer Sicht in seiner sechswöchigen Testphase blendend gut funktioniert habe: „Wir haben uns an alle Vorgaben gehalten. Wir haben höchstens 200 Zuschauer in die Halle gelassen, die Maskenpflicht durchgesetzt und beim Einlass Fieber gemessen. Mir ist keine einzige Infektionskette bewusst, die dem Profisport zugeordnet werden konnte.“ Lorenz, die in dieser schwierigen Saison sowieso schon von einem Verlust im fünfstelligen Bereich ausging, befürchtet bei einem längeren Zuschauerausschluss eine „finanziellen Katastrophe“ – nicht nur für ihre Mannschaft.

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Die Spreefüxxe stehen in der zweiten Handball-Bundesliga der Frauen (HBF) nach sieben Spielen – etwas überraschend – ungeschlagen auf dem ersten Platz und kämpfen so ausgerechnet in dieser finanziell schwierigen Saison um den Aufstieg. Da der Handballverband die Vereine seiner zweithöchsten Spielklasse dem professionellen Sport zuordnet, wird ihre Saison diesen Winter nicht unterbrochen, sondern mit eigenständig finanzierten Corona-Testungen unter Zuschauerausschluss fortgeführt. Was für Profiligen mit lukrativen TV-Verträgen ein ärgerlicher aber hinzunehmender Kompromiss ist, wird für Lorenz zum finanziellen Kraftakt.

Nadine Döring, Sprecherin der HBF, beobachtet dieses Problem auch bei vielen anderen Vereinen der ersten und zweiten Bundesliga: „Die aktuelle Situation kann kein Dauerzustand sein. Wir müssen uns bei dieser ungewissen Zukunft leider auf alles einstellen.“ Ob die Saison bei einem langfristigeren Zuschauerausschluss zu Ende gebracht werden kann, sei momentan noch ungewiss.

Mit diesen harten Monaten vor Augen ist Lorenz eigentlich auf die staatliche Überbrückungshilfe angewiesen. Doch solange der Hauptverein Füchse Berlin Reinickendorf insgesamt schwarze Zahlen schreibt, hat keine seiner vielen Abteilungen den Anspruch auf das mit 200 Millionen Euro ausgestatteten Hilfsprogramm für Profivereine. So auch nicht die Spreefüxxe, die wohl auf unabsehbare Zeit eine negative Bilanz haben werden. Im Umgang mit diesem Problem vermisst Lorenz das nötige Fingerspitzengefühl des Verbands und der Behörden: „Ständig dieses Hin und her, ob wir nun Profis sind oder nicht. Und dann werden wir auch noch dafür benachteiligt, dass unser Hauptverein immer gesund gewirtschaftet hat.“

Eine Paywall für die Übertragung der HBF wäre ein Novum

In der öffentlichen Diskussion über die Auswirkungen des Teil-Lockdowns auf den Sport werden zwischen dem Milliarden-Geschäft Profifußball und dem Jugend- und Breitensport leicht die Vereine übersehen, die zwar in Profiligen spielen, aber trotzdem nicht im Rampenlicht stehen – Vereine, die gerade deswegen besonders hart von der Pandemie betroffen sind.

Doch inmitten dieser zermürbenden Zukunftssorgen entwickelt sich bei Lorenz und anderen Verantwortlichen der Liga mittlerweile trotziger Pragmatismus. Für den Fall, dass sich der Zuschauerausschluss tatsächlich in die Länge zieht oder im neuen Jahr wiederholt wird, haben einige Vereine mit geplanten kostenpflichtigen Livestreams schon eine mögliche Notlösung in der Schublade. „Wir arbeiten momentan fieberhaft mit der Liga daran, dieses Konzept zu realisieren“, erklärt Lorenz.

Eine Paywall für die Übertragung der HBF wäre ein Novum und laut Döring ein möglicher Schritt, mit dem sich die Liga im Winter auseinandersetzen möchte. „In der Vergangenheit haben sich die Erstligisten bewusst gegen dieses Konzept entschieden“, sagt Döring, „mit einer Bezahlschranke würde die Reichweite der Sponsoren deutlich sinken. Man muss deswegen genau abwägen, ob sich das für den Verein lohnt.“

Das bisher einzige Mittel im Kampf gegen den wirtschaftlichen Ruin der sonst so gesund wirtschaftenden Vereine sind daher kostenlose Streams mit Spendenaufrufen und die Hoffnung, in der nächsten politischen Debatte nicht übersehen zu werden.