“Oeconomia” blickt in den Maschinenraum des Kapitals

Langes Schweigen. Dann wächst aus dem verschlossenen Managergesicht vorsichtig ein verschmitztes Lächeln, einen Moment später folgt ein deutliches „Ja“. Hinter der Kamera sitzt neben Dirk Lütter auch die Regisseurin Carmen Losmann, die Pimco-CEO Andrew Bosomworth die dazugehörige Frage stellt: „Sind die Profite von heute nicht die Schulden von morgen?“ Dann Schnitt. Ihre Reaktion zeigt der Film nicht.

Die Szene ist einer der vielen Glanzpunkte in Losmanns „Oeconomia“, der sich – getarnt hinter einem akademisch- allgemeinen Titel – der Funktionsweise unseres Wirtschaftssystems widmet. Wie viele andere in ökonomischen Dingen eher unbedarfte Menschen war auch die Filmemacherin nach der Finanzkrise neugierig geworden, was da eigentlich passiert.

Doch mit den ersten Antworten tauchten schnell neue Fragen auf. Also macht sich Losmann – unterstützt durch ein Gerd-Ruge-Stipendium – zu einer Recherche dorthin auf, wo sie den „Maschinenraum des Kapitalismus“ vermutete und diverse Institutionen und Unternehmen den Geldkreislauf am Laufen halten.

Dort macht sie ähnliche Erfahrungen wie vor ihr schon Andres Veiel und Sebastian Winkels: Die Maschinisten (Frauen sind kaum darunter) schotten sich weithin gegen das Interesse von außen ab – und wenn doch eine Drehgenehmigung erteilt wird, werden die Fragen vorab penibel geprüft.

Interviews über den Dächern der Stadt

„Oeconomia“ ist erst Losmanns zweiter Langfilm. Doch die an Harun Farocki geschulte Filmemacherin ist ambitioniert und klug genug, diese Hindernisse in eine fast subversive dokumentarische Strategie umzumodeln. So spricht sie viele der Absageschreiben (und einige inhaltliche Antworten) für den Film nach und baut sie als strukturierendes Element ein.

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Auch das Angebot der Firmen, soziale Situationen vor der Kamera zu simulieren, nutzt sie gerne, allerdings nicht illustrativ, sondern als Distanzierungseffekt. Zudem hat sie einige Finanzmänner an den standesüblichen Schreibtischen über den Dächern der Stadt zu Gesprächen vor der Kamera überreden können.

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Dabei treffen Losmanns Fragen in ihrer scheinbaren Naivität genau die blinden Flecken des in sich geschlossenen finanzwirtschaftlichen Systems. Von manchen ihrer Gesprächspartner wird sie deshalb der Dummheit bezichtigt, öfter aber geraten einige der wortgewandten Herren erkenntnisfördernd ins Stottern (bestenfalls auch ins Grübeln), wenn die denkerischen Anforderungen über den engen Rahmen von „Performance“ und „Emerging Markets“ hinausgehen.

Monopoly-Spiel am Runden Tisch

Die Antworten sammelt Losmann in einer Computergrafik, die sich Stück für Stück zu einer Überblicksskizze erweitert. Dort konkretisiert sich sehr deutlich die für Sparschwein-Laien so verblüffende wie versierten Kapitalismuskritikern vertraute Erkenntnis, dass die Verschuldung die einzige Quelle von Geldvermögen und Wirtschaftswachstum darstellt.

Die Folgen werden dabei billigend in Kauf genommen. Ein weiteres Lehr- und Stilmittel ist ein runder Tisch in der Frankfurter Fußgängerzone, an dem vier Männer und zwei Frauen vom Frankfurter Arbeitskreis Wirtschaft anhand eines regelveränderten Monopoly-Spiels den globalen Kapitalismus kommentieren.

(In zehn Kinos in Berlin und Potsdam)

2011 hatte Losmann in dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Work Hard Play Hard“ die Durchökonomisierung der Büroarbeit kritisch gewürdigt und dabei, ebenfalls mit Dirk Lütter an der Kamera, mit ihrem starken visuellen Konzept beeindruckt. Auch die Inszenierung von „Oeconomia“ schwelgt in Einblicken in die durchgestalteten Machtzentren und deren glänzende Oberflächen: unterkühlte Bankfoyers und Investorenträume aus Glas und Stahl als Hightech-Bühnenbild.

Ästhetisch und metaphorisch verklammert werden die einzelnen Erzählebenen durch das Muster der quadratischen Raster auf Computerscreens, Straßenpflastern, verspiegelten Bankfassaden und in Glasinterieurs.

Die Grenzen der kapitalistischen Verwertungsspirale

Auch die Natur kommt dabei ins Bild, über die technische Vermittlung von Bildschirmen und Medien. „Seek value anywhere“, heißt es in einer Werbung unter einem romantischen Waldbild. Es ist am Ende die Ausbeutung der Naturschätze selbst, die der kapitalistischen Verwertungsspirale eine Grenze setzen wird. Alternative ökonomische Ansätze sind also dringend nötig.

Warum könnten nicht statt der Privatbanken die Staaten selbst das Geld zur Wohlfahrt ihrer Bürgerinnen und Bürger aus dem Kredit schöpfen? Auch das ist so eine vertrackt schlichte wie einleuchtende Frage in einem analytisch und ästhetisch überzeugenden Film, der trotz seiner schönen Bilder und einem unaufgeregten Tonfall kein sehr beruhigendes Bild zeichnet.