NS-Raubkunst: Gemälde kehrt nach Frankreich zurück

Im noblen Empfangssaal der Französischen Botschaft in Berlin wirkt das etwa 40 mal 60 Zentimeter große Gemälde etwas verloren. Feierlich auf einer Staffelei neben einer französischen, deutschen und europäischen Flagge aufgestellt, wartet es auf seinen neuen Besitzer. Dabei will es nicht so recht zu den großformatigen Wandgemälden zeitgenössischer französischer Kunst passen, die hier die Botschaftsgäste begrüßen. Das Landschaftsbild aus dem 19. Jahrhundert mit einem von Bäumen umsäumten Bachlauf, an dem ein Mann verträumt in die Ferne schaut, wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Der Wert des Gemäldes von Nicolas Rousseau wird auf etwa 3000 Euro geschätzt. Doch hier geht es weder um den materiellen noch um den kunsthistorischen Wert: Das Bild, dessen Titel nicht bekannt ist, ist zu einem Symbol deutsch-französischer Aussöhnung geworden. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges reist der NS-Kunstraub  nun zurück nach Frankreich.

Nach Deutschland gebracht hatte es einst ein in der Normandie stationierter Wehrmachtssoldat. Im Auftrag eines Vorgesetzten sollte er das Rousseau-Gemälde während eines Heimaturlaubs an eine Berliner Privatadresse übergeben. Da der Soldat 1944 stattdessen ein ausgebombtes Haus vorfand, hängte er das Bild bei sich zu Hause auf. Zurück an der Front wurde er, der einzige Zeuge des Kunstraubes, bei einem Luftangriff getötet.

Vererbter Kunstraub

Eingerahmt in einen silbrig-goldenen Rahmen hing dieses Bild nun Jahrzehnte im Hause Forner. Als die Ehefrau starb, erbte es Sohn Peter. Der Maler Rousseau zählt zur Schule von Barbizon, einer Gruppe französischer Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts. Benannt ist die Gruppe nach einer Künstlerkolonie in der Gemeinde Barbizon südöstlich von Paris.

Peter Froner steht rechts neben einem Landschaftsgemälde, links steht die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Peter Forner, 2020 verstorben, bei der Rückgabe des geraubten Rousseau-Gemäldes an die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes

“Hübsch-hässlich” nannte Erbe Peter Forner das Bild 2019 gegenüber dem Tagesspiegel: Denn seit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es nie gereinigt oder konserviert, und in der Bildmitte befindet sich ein kleines Loch. Obwohl über Jahrzehnte in Familienbesitz, sei es ihm zum Ende seines Lebens zur Last geworden. Ausgelöst durch Medienberichte über Restitutionen von NS-Raubkunst fasst er einen Entschluss: Er wollte das Bild zurückgeben. “Ich habe immer gedacht: Es gehört mir nicht”, sagte der gelernte Speditionskaufmann gegenüber dem Tagesspiegel. Er habe keine emotionale Bindung zu dem Bild gehabt. “Was eigentlich verwunderlich ist, weil ich es seit 1944 konstant vor der Nase hatte.”

Symbol deutsch-französischer Aussöhnung

Die Rückgabe von geraubten Kunstwerken ist dank umfangreicher Provenienzforschung keine Seltenheit mehr. Allerdings ist sie sehr zeitaufwendig und auf den ersten Blick wenig ergiebig. So konnten beispielsweise von der Sammlung Gurlitt mit über 1.500 Positionen bislang gerade einmal 14 Werke restituiert werden. Der Grund: 75 Jahre später ist es ungemein schwierig, die rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen. 

Auch im Fall des Rousseau-Gemäldes sind die früheren Eigentümer noch nicht ermittelt, Untersuchungen dazu laufen noch. Dennoch nahm 2019 zunächst die Botschaft das Bild von Peter Forner entgegen und suchte nach einer Zwischenlösung. Schließlich wurde für diese symbolträchtige Rückkehr eines Gemäldes in die Heimat ein ebenso symbolischer Ort gefunden: das Weltzentrum für Frieden, Freiheit und Menschenrechte in Verdun. Hier wird das Gemälde mit Angaben zu dessen Raub-Geschichte in die historische Ausstellung integriert und soll so für Themen wie Plünderung von Kulturgütern und Provenienzforschung sensibilisieren.

Auf dem Weg zum Bischofspalast von Verdun, heute Weltzentrum für Frieden, Freiheit und Menschenrechte, liegen weißangemalte Soldatenhelme (picture-alliance/imageBROKER/G. Lenz)

Symbolträchtiges Gemälde an symbolischem Ort: das Weltzentrum für Frieden, Freiheit und Menschenrechte in Verdun

Das Gemälde könne nun dazu beitragen, “Aufschluss über die Geschichte unserer beiden Länder und unseres Kontinents zu geben”, sagte Philippe Hansch, Leiter des Weltzentrums für Frieden, während der Übergabe. Er selbst sei grenznah in Metz aufgewachsen und tagtäglich mit deutsch-französischer Geschichte konfrontiert worden. Dennoch ist die Bildrückgabe für ihn ein sehr wichtiges, da greifbares Symbol der alltäglichen deutsch-französischen Begegnungen.

Rückgabe: mutige Privatinititative

Die Wahl von Verdun, im Ersten Weltkrieg Ort einer der blutigsten Schlachten zwischen Deutschland und Frankreich, verdeutliche den von Forner gewünschten Weg der Aussöhnung, erklärte Guillaume Ollagnier, Gesandter der Französischen Botschaft. Peter Forner hatte 2019 die feierliche Rückgabe des Gemäldes an die Botschaft, die es in der Zwischenzeit aufbewahrt hatte, noch erlebt, verstarb jedoch im Mai diesen Jahres. Kurz vor seinem Tod sei die Entscheidung für das Weltzentrum für Frieden gefallen. Peter Forner sei begeistert darüber gewesen, so Guillaume Ollagnier.

Ein Landschaftsbild mit Bäumen und Bachlauf steht auf einer Staffelei (Ambassade de France en Allemagne)

Landschaftsbild von Rousseau: Symbol für deutsch-französische Aussöhnung

Der Gesandte der französischen Botschaft hätte noch viele Fragen an Peter Forner, den Sohn eines Wehrmachtssoldaten, gehabt. Wie reifte beispielsweise sein Entschluss zur Rückgabe, warum hat er sich erst am Ende seines Lebens dazu entschieden? “Für uns ist die deutsch-französische Freundschaft allgegenwärtig, doch hat sie zwischen Staaten meist einen offiziellen Charakter”, so Ollagnier. “Deswegen ist diese Geste so wichtig, da sie von einer individuellen Person ausging.” Er fand Forners Schritt “sehr mutig”, da anfangs nicht klar war, wie die mediale Rezeption sein würde.

Tatsächlich werden Kunstwerke meist eher aus Kunstsammlungen wie beispielsweise Museums- oder Unternehmensbeständen sowie durch Beschlagnahmung wie im Fall Gurlitt restituiert. Dass eine Privatperson freiwillig auf Eigeninitiative auf eine Botschaft zugehe, sei eher selten, so Guillaume Ollagnier.

Auch in der Botschaft erinnert ein Kunstwerk an die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs. Im Innenhof des Neubaus stehen zwei etwa hüfthohe Jagdhunde. Die Bronzeskulptur hat als eines von zwei Kunstwerken die Bombardierung des Pariser Platzes am Brandenburger Tor und die Zerstörung der Botschaft 1943 überlebt – und erinnert Mitarbeiter und Gäste bis heute an die gemeinsame deutsch-französische Geschichte.