No woman, no cry

Wann immer ich die Schublade des Vitrinenschranks aufziehe, in dem dieses und jenes Erinnerungsstück liegt, wundere ich mich, dass er immer noch da ist: zerkratzt, angeschlagen, aber weiterhin funktionstüchtig. Ein Walkman, den ich 1987 in Hongkong am Beginn einer Reise gekauft habe, die umso länger sie her ist, umso abenteuerlicher erscheint.

Mit einer Kommilitonin, deren ältere Schwester in einer Provinzstadt im Süden Chinas angehende Mediziner in Englisch unterrichtete, damit sie die Beipackzettel der Medikamente lesen konnten, machten wir uns ziemlich naiv auf, das große Land zu entdecken – nur mit einem Reiseführer ausgestattet, in dem die Städtenamen auch in chinesischen Schriftzeichen standen.

Als wir auf die Straße, wurden wir angestarrt. Kinder weinten

Dass dies nicht ausreichen würde, merkten wir spätestens, als wir nach stundenlanger Busfahrt von Guangzhou in der Provinz Guangxi angekommen waren. Dort unterrichtete Adelheids Schwester, von dort wollten wir starten. Aber wo immer wir auf die Straße traten, versammelten sich Menschen und beguckten uns mit unverhohlener Neugierde. So etwas hatten sie noch nicht gesehen, kleinere Kinder begannen vor Schreck zu weinen. Kein Wunder, waren wir doch die Langnasen Nummer zwei und drei in Beihai. Verständigung gab es keine.

Der Leiter des Schulungsprojekts und Adelheids Schwester berieten und entschieden, dass uns jemand begleiten müsste. Die Wahl fiel auf Xiao Yang, den Sohn des Leiters, der dabei sein Englisch verbessern sollte. Als Akademiker suchte die Familie Anschluss nach draußen, zwei Jahre vor dem Massaker von Tiannamen war der politische Frühling bis in die Provinz spürbar.

Xiao Yang schien wenig begeistert, und auch wir wollten uns eigentlich alleine bewähren. Am Ende fügten wir uns alle drei in die Reisegemeinschaft und kamen im Land rum, wie es uns alleine wohl nie gelungen wäre.

Xiao Yang besorgte Tickets für den „slow train“, dafür gab es „no seat“

Xiao Yang besorgte die Fahrkarten für wenige Yuan zum heimischen Preis, nicht die Touristenklasse. „Slow train, no seat“ war das Ergebnis seiner Erwerbungen, aber wir wollten schließlich das andere China kennenlernen. So saßen wir eingequetscht zwischen Bäuerinnen, die ihre besten Hühner im Korb auf dem Schoß festhielten, und schnarchenden Patriarchen.

Die Blicke nach draußen in die gewaltige Landschaft waren spektakulär. Wann immer wir an einem Bahnhof hielten, wurden uns von Verkäufern Imbisse reingereicht. Als mein Blick irgendwann aus dem Fenster fiel, war ich geschockt. Entlang der Gleise verliefen zwei weiße Linien, bestehend aus den leergegessenen Styroporschachteln, die einfach rausgeworfen wurden.

Zusammen besuchten wir Parks, Märkte und fuhren den Yangtse rauf

Mit Xiao Yang besuchten wir die Tempel von Kunming, bewunderten die Berge von Guilin, spazierten in den Parks von Guiyang, schipperten den Yangtsekiang runter von Chongqing nach Wuhan, kletterten zu riesigen Buddha-Statuen rauf, besuchten die Oper und Tropfsteinhöhlen. Immer wieder streiften wir durch Märkte mit Körben voller Heilkräutern, nur wenig entfernt Stände mit Eimern, in denen abgezogene Hunde feilgeboten wurden.

Durch unseren Begleiter lernten wir alles probieren: von den frittierten Hühnerfüssen bis zur gebratenen Wasserschlange. Im Nachhinein könnte ich mich schütteln, aber damals schmeckte fantastisch, was wir in den Garküchen zu essen bekamen, nachdem die Stäbchen im sprudelnden Wasser des Reistopfs desinfiziert worden waren.

Mehr voneinander erfahren haben wir trotzdem nicht

Nur eines funktionierte nicht. Besser kennengelernt haben wir uns nicht. Mit Xiao Yangs Englisch haperte es bis zum Schluss, über seine Träume, seine Pläne als künftiger Mediziner, sein Leben haben wir nur wenig erfahren. Waren wir in einem Hotel einquartiert, durfte er nicht bei uns bleiben, es war für Touristen reserviert.

Einmal, auf der Insel Hainan, haben wir uns eine Hütte geteilt, die unter der Hand vermietet wurde. Aber das war riskant. Als wir uns in Wuhan am Bahnhof voneinander verabschiedeten – er fuhr zurück nach Beihai, wir nach Hongkong –, sang er leise „No woman, no cry“ und grinste, erleichtert.