Nirgendwo ist die Kunst so abwechslungsreich wie hier

Ein ehemaliger Grenzwachturm, ein Radio, ein Kino und vieles mehr. Zur Art Week gibt es volles Programm in Berlins Projekträumen.




Yael Bartanas Film “Inferno” wird von bi`bak am Haus der Statistik gezeigt. Hier eine Szene aus dem Film.Foto: Yael Bartana

Um diesen Turm haben sich schon viele gekümmert. Noch bevor die DDR-Grenzkontrollen 1990 offiziell aufgehoben waren, besetzte der Ost-Berliner Künstler Kalle Winkler den ehemaligen Grenzwachturm am Schlesischen Busch und eröffnete sein „Museum für verbotene Kunst“.

Viele nach ihm bespielten den Betonbau mit Ausstellungen, Klängen und Diskussionen. Im vergangenen Jahr, zum 30-jährigen Mauerfalljubiläum, rückten dann vom Senat beauftragte Arbeiter an und wollten mit einem Sandstrahler die Graffiti an dem Wachturm entfernen.

Das Ende vom Lied: ein Wasserschaden, viele Diskussionen um Erhalt und Bewahren, und ein paar Tage später – neue Graffiti.

Diese Geschichte interessiert wiederum die Künstler, die jetzt dort aktiv sind. Jo Zahn, Dominique Hurth und Chris Gylee nutzen „The Watch“ für Residencies. Sie laden Künstlerinnen und Künstler ein, jeweils sechs Wochen im Wachturm zu arbeiten, zu denken, zu lesen.

Ihr Thema bis 2021: „Care-taking“, sich kümmern, Pflegen, Instandhalten, auch im abstrakten Sinn. In diesem Sommer haben sich der Installationskünstler Max Brück und die an Ökonomien und Austauschsystemen interessierte Melanie Jame Wolf damit auseinandergesetzt.

Eine halbe Stunde allein im Wachturm

„The Watch“ ist einer von zehn Künstler-Projekträumen, die in diesem Jahr mit dem vom Berliner Senat ausgelobten „Projektraumpreis“ ausgezeichnet werden. 10 000 Euro beträgt das Preisgeld.

Jo Zahn, Dominique Hurth und Chris Gylee haben damit ein Archiv über die 30- jährige künstlerische Nutzung des Turms aufgebaut. Von Zeitzeugen ließen sie sich Fotos, DVDs, Gästebücher über vergangene Ausstellungsprojekte geben.

TIm ehemaligen DDR-Grenzwachturm wird seit 30 Jahren Kunst gemacht und gezeigt. Zur Art Week kann man “The Watch” besuchen.Foto: Jo Zahn

Diese Sammlung ist in Pappkartons abgelegt und ordentlich sortiert zugänglich. Auch neue Möbel haben sie bauen lassen und eine besondere Bibliothek angeschafft. Ganz oben im Turm liegen auf einer weich gepolsterten Bank diejenigen Bücher, die Künstler während ihres Residency-Aufenthalts gelesen haben.

Zur Art Week kann nun jeweils ein Besucher einen halbstündigen Besuch in dieser ansonsten unzugänglichen Architektur buchen und sich alles ansehen oder einfach spüren, wie es dort ist (Ticket: berlinartweek.de/besuch/ticketinfo).

Solidarität als Prinzip

Berlins selbst organisierte Kunsträume haben in den vergangenen Jahren viel erreicht. Seit 2012 wird jährlich der Projektraumpreis vergeben und im Doppelhaushalt 20/21 ist erstmals eine Basisförderung für die meist aus der eigenen Tasche oder mit winzigem Budget finanzierten Initiativen bewilligt worden.

37 Räume haben in diesem Jahr von der Kulturförderung profitiert. Dafür hat das Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen lange gekämpft. Von Beginn an wollten sie lieber weniger Preisgeld für Einzelne, die Fördermittel an möglichst viele verteilen.

Die Projekträume, mehrere Hundert gibt es in Berlin, stehen bei steigenden Mieten stark unter Bedrängnis. Öffentliche Raumprogramme und bezuschusste Mieten sind wichtige Faktoren, immer schon, aber in Coronazeiten erst recht.

Manche Initiativen existieren ohnehin ohne Raum. In diesem Jahr wurde unter anderem die experimentelle Radiostation Cashmere Radio, die von Lichtenberg aus sendet, ausgezeichnet (Sonderprogramm zur Art Week wird am 11.9. auf 88,4 FM gesendet).

Außerdem das Magazin „Arts of the Working Class“ (kurz: AWC). Die im Wedding stationierte Redaktion erstellt alle zwei Monate eine mehrsprachige „Straßenzeitung für Armut, Reichtum und Kunst“.

Darin geht es um alle Aspekte, die das soziale Leben von Kunstarbeitern betrifft. Jede und jeder, der Lust hat, kann sich das Magazin in der Lynarstraße abholen und es auf der Straße für 2,50 Euro verkaufen. Das Geld bleibt beim Verkäufer.

AWC wird von Paul Sochacki, María Inés Plaza Lazo and Alina Kolar herausgegeben, unter ihrer Herausgeberschaft entsteht auch eine ressourcenschonende Klamottenkollektion. Zur Art Week feiert die Gruppe die neue Ausgabe der Zeitung und lädt Interessierte zum Austausch ein (9.-13.9., 12-18 Uhr, Lynarstr.38, Wedding). Am Sonntag zum Selbstversorger-Picknick (14-18 Uhr, Anmeldung zum Picknick unter hey@artsoftheworkingclass.org).

Der ebenfalls in Wedding beheimatete Projektraum bi’bak (türkisch: Schau mal) wird seit 2014 von den Künstler*innen und Kurator*innen Malve Lippmann und Can Sungu organisiert.

Sie konzentrieren sich auf transnationale, außereuropäische Perspektiven und veranstalten Filmvorführungen, Ausstellungen, Workshops, Konzerte und kulinarische Exkursionen, um Menschen verschiedener Communities zusammenzubringen.

Das Haus der Statistik nahe Alexanderplatz – jetzt mit Kinosaal des Projektraumes Bi`bak.Foto: Thilo Rückeis

Das Kino als Ort des Austausches und der Solidarität liegt ihnen besonders am Herzen. Nun haben sie im Haus der Statistik am Alexanderplatz ein Kino eingerichtet, das erst vor wenigen Tagen fertig geworden ist.

Die Gelegenheit zur Zwischennutzung in dem Komplex nahe Alexanderplatz kam zur richtigen Zeit, denn bi’baks Raum in Wedding ist unter Coronaauflagen zu klein, als dass das Kinopublikum dort mit Abstand sitzen könnte.

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„Kinos sind Teil einer grundlegenden öffentlichen Stadtarchitektur“, sagen Malve Lippmann und Can Sungu. Allein im Wohnzimmer, das habe auch die Coronazeit deutlich gemacht, seien eben keine gemeinsamen Erfahrungen möglich.

Preiszeremonie dieses Jahr mit Motto „move it“

In dem neuen Kinoraum wird ab September unter dem Titel „Sínema Transtopia“ ein vielteiliges Programm gezeigt, das Filme aus unterschiedlichen Ländern und zu aktuellen gesellschaftlichen Themen versammelt (Haus B, Haus der Statistik, Otto-Braun-Str. 70-72, Mitte).

Im Rahmen der Art Week werden außerdem drei Videoarbeiten der Künstlerinnen Yael Bartana, Fatos Irwen und Jelena Jureša an die Fassade des Hauses der Statistik projiziert.

Auch die weiteren Gewinner Crystal Ball, Display, Kunstasphalt | Galerie Maifoto, Peles Empire, oqbo und Trust laden vom 9. bis 13.9. zu Ausstellungen ein. Die Preiszeremonie findet in diesem Jahr unter dem Motto „move it“ in Form einer Rikscha-Sternfahrt durch Berlin statt. Publikum am Straßenrand ist willkommen. 10.9. ab 18 Uhr, auch als Live-Stream. Info: www.projektraeume-berlin.net/move-it.