Niklas Stark hat Spaß an der Führung

Als alles endlich vorbei ist, stößt Niklas Stark einen spitzen Schrei aus. Uaouuuh! Es ist irgendwas zwischen Erschöpfung und Erleichterung, nachdem Stark mit seinen Kollegen von Hertha BSC das letzte Training vor dem fünftägigen Urlaub überstanden hat. Mehr als zwei Stunden hat die Einheit gedauert, mit intensiven Läufen als stöhnendem Abschluss.

„Es tut schon ganz gut“, sagt Stark über die nun anstehenden freien Tage nach drei intensiven Wochen Vorbereitung. Stark selbst hat sich sogar „schon vor der Vorbereitung vorbereitet“, um vom ersten Tag an auf der Höhe zu sein, auch mit einem Mentalcoach tauscht er sich inzwischen aus. „Zurzeit läuft’s ganz gut“, sagt er. Was man für die vergangene Saison nicht unbedingt behaupten kann.

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Hinter Herthas Innenverteidiger liegt ein in jeder Hinsicht ereignisreiches Jahr. Im November hat Stark nach etlichen vergeblichen Anläufen endlich sein Debüt in der Nationalmannschaft feiern können. Im Verein hingegen haben sich die Dinge nicht ganz so erfreulich entwickelt. Nachdem er bei Hertha in den ersten vier Jahren seit seinem Wechsel aus Nürnberg nur einen einzigen Trainer hatte, waren es in der Saison 2019/20 gleich vier in einem Jahr. Stark hatte mit Verletzungen zu kämpfen, zweimal musste er in häusliche Quarantäne, und im Winter hat er sich sogar ernsthaft mit dem Gedanken eines Klubwechsels beschäftigt. Vor allem aber hat Stark in der Rückrunde seinen Stammplatz bei Hertha verloren.

Auf lediglich 21 Bundesligaspiele hat es Stark in der vergangenen Saison gebracht – weniger waren es nur in seiner Debütsaison 2012/13. Unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia ist er erst im sechsten Spiel erstmals zum Einsatz gekommen, und das auch nur, weil Dedryck Boyata gegen Eintracht Frankfurt die Rote Karte gesehen hatte.

Für Labbadia ist Stark „ein echter Leadertyp“

„Ich kenne Niklas schon lange und habe ihn aus der Ferne immer geschätzt“, sagt Labbadia. „In den U-Mannschaften war er ein echter Leadertyp.“ Aber nachdem Boyata und sein Nebenmann Jordan Torunarigha den Job in der Innenverteidigung zu seiner vollen Zufriedenheit erledigt hatten, gab es für Herthas Trainer keinen Grund, die Besetzung zu verändern. Und so ist aus der Stammkraft Stark, dem einzigen aktuellen deutschen A-Nationalspieler des Vereins, mit nun 25 Jahren erst einmal wieder ein Herausforderer geworden.

„Er ist auf alle Fälle auf dem Weg“, sagt Labbadia. Allerdings ist die Konkurrenz nirgendwo so groß wie in der Innenverteidigung. Mit Karim Rekik gibt es vier Bewerber für nur zwei Plätze. „Niklas hat den Vorteil, dass er noch eine zweite Position spielen kann“, sagt Labbadia. „Das ist super.“

Im ersten Testspiel dieses Sommers, beim 2:0 gegen Viktoria Köln, hat Stark genau wie am Ende der vergangenen Saison als Sechser gespielt. Neu ist diese Rolle nicht für ihn, auch Pal Dardai hat ihn gelegentlich im defensiven Mittelfeld eingesetzt. „Das macht schon auch Spaß“, sagt Stark – weil man in dieser Rolle offensiver auftreten und zum Beispiel mutiger in die Zweikämpfe gehen könne. „Du weißt ja, da stehen noch zwei Berge hinten drin.“

„Ich will einfach nur spielen“

Seine Präferenz, möglicherweise auch mit Blick auf die Chancen in der Nationalmannschaft, liegt aber wohl eher in der Innenverteidigung. „Ich will einfach nur spielen. Wo, das werden wir sehen“, sagt Stark über die Konkurrenzsituation. „Jeder sollte sich von den anderen ein bisschen anstacheln lassen, um noch besser zu werden.“

Mit seiner Qualität als Verteidiger, mit seiner Erfahrung und auch seiner Art zählt Stark ganz sicher zu den Spielern, die für eine Führungsrolle in der Mannschaft in Frage kommen. Als Kapitän der deutschen U-19-Nationalmannschaft oder als Abwehrchef der U 21 hat er durchaus positive Erfahrungen damit gemacht. „Wenn du Vertrauen bekommst, willst du auch was zurückgeben“, sagt Stark. „Das hat mir in der Vergangenheit immer ganz gutgetan.“

Auch Bruno Labbadia sucht bei Hertha noch einen Kapitän für die neue Saison, und Niklas Stark ist ganz sichern ein Kandidat. „Das werden wir sehen“, sagt er. „Ein Kapitän ist jemand, für den der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund steht, erst dann kommen die eigenen Ziele. Deswegen sage ich nicht: Ich will Kapitän werden.“ Was ihn – Achtung: Dialektik – gerade für das Amt prädestiniert.