Nichts für Draufgänger

Bammel haben ist okay: Das wunderbare Bilderbuch „Alfie und der Clownfisch“ macht denen Mut, die der Mut auch mal verlässt.




Unter Wasser ist die Welt noch in Ordnung: das Cover-Bild von “Alfie und der Clownfish”Foto: Allison Colpoys/Insel Verlag

Die Bilder sind selber ein wenig scheu. Alfie, seine Eltern und auch die Tapetencowboys rund um sein Bett sind mit denkbar knappen Strichen skizziert. Korallenrosa, Meerjungfrauengrün, Ultramarinblau, die Figuren, die Möbel, sie bilden so etwas wie Farbflecken auf den Seiten, mit viel Platz drum herum. Dies ist kein Buch für Draufgänger. Sondern für Leute, die öfter mal Bammel haben. Alfie ist schrecklich schüchtern. Erst freut er sich tapfer, aber dann will er lieber doch nicht als Seestern verkleidet zur Unterwasser-Kostümparty gehen.

In der Nacht plagen ihn heftige Träume und peinliche Erinnerungen. Daran, wie er sich vor dem Topfschlagen auf Antonias Dino-Party gefürchtet hatte und die Mutter auf halber Strecke umdrehen musste. Oder wie er sich vor diesem Wettlauf drückte und sich unter der kratzigen Bettdecke versteckte. Wie ihn Kugelfisch und Riesenkrake heimsuchen und er das ganze Meer auf dem Rücken trägt, samt Blauwal, Schildkröte und Tintenfisch. Genauso fühlt die Angst sich an: Man muss etwas schultern, das viel zu groß ist für einen, und viel zu schwer.

Das australische Bilderbuch von Davina Bell (Text) und Allison Colpoys (Illustrationen) stammt zwar schon von 2015, ist aber kein bisschen gealtert. Es bezaubert einen nicht zuletzt auch deshalb, weil die Erwachsenen ausnahmsweise mal nicht blöd sind und Alfie ziemlich gut verstehen. Erst machen sie ihm Mut – und dann keine großen Worte, als Alfie sich vor der Party drückt.

Stattdessen beschert die Mutter ihm dann eine Unterwassererfahrung der anderen Art und geht mit ihm ins Aquarium. So ein gläserner Tunnel unter dem Becken existiert in Sidney ja tatsächlich. Und dort entdeckt Alfie einen Clownfisch. Plötzlich taucht der kleine Fisch zwischen den Korallen auf, schwimmt dicht an die Scheibe und ist, schwupps, gleich wieder weg.

Ein Versteck-Tier, ein Artgenosse, wunderbar! Auf der Heimfahrt im Bus sitzt ein Pinguin am Steuer. Mal ehrlich, steckt nicht in jedem von uns ein Meeresbewohner, der sich gern mal hinter seinen Korallen verkriecht?
Davina Bell, Allison Colpoys: Alfie und der Clownfisch. Aus dem Englischen von Salah Naoura. Insel Verlag, Berlin 2020. 32 S., 14,90 Euro. Ab drei Jahren.