Nicht zu früh in Weihnachtslaune versetzen

Manchmal hat man kein Glück – und dann kommt auch noch Pech dazu. Mehr als sieben Jahre sind vergangen, seitdem die Fans des 1. FC Union sich zum letzten Mal ein Pokalspiel im Stadion an der Alten Försterei anschauen durften. Seit der 0:3-Niederlage gegen Kaiserslautern im Dezember 2013 hatten die Köpenicker nur noch Auswärtsspiele im zweitwichtigsten deutschen Wettbewerb bestritten. Und nun, da es mit dem Heimrecht endlich wieder klappt, darf sowieso keiner ins Stadion.

Wer bei Union in diesen Tagen von Pech und Unglück redet, jammert zumindest auf ziemlich hohem Niveau. Der Stadionbesuch und das traditionelle Weihnachtssingen fallen für die Fans diese Woche zwar aus, aber umso schöner ist dafür die weihnachtliche Freude, die die Mannschaft derzeit auf dem Platz auslöst. Mit dem Zweitrundenspiel im Pokal gegen Paderborn am Dienstagabend (20.45Uhr/Sky) geht für den Klub aus Köpenick ein erstaunlich erfolgreiches Jahr zu Ende.

„Ich blicke mit positiven Emotionen auf das Jahr zurück“, sagte Urs Fischer am Montag – erinnerte aber auch an die kleine Formkrise nach dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr: „Wir hatten eine kleine Durststrecke, wo wir uns an die Situation gewöhnen mussten, aber jetzt haben wir viele Spiele ohne Zuschauer bestritten.“ Diese kleine Bodenwelle mal ausgenommen, hätte das Jahr 2020 kaum besser verlaufen können. Sechs Monate nach dem Klassenerhalt steht Union auf einem Europa-League-Platz und hat mit dem Sieg gegen Borussia Dortmund am letzten Freitag sein annus mirabilis schon gekrönt.

Perfekt ist das Jahr aber immer noch nicht. Denn am Dienstag steht gegen Paderborn ein Spiel an, das scheinbar alle Beteiligte mit zusammengebissenen Zähnen angehen. „Ein scheißschweres Spiel“, prognostizierte Unions Manager Oliver Ruhnert am Wochenende. Der Paderborn-Trainer und frühere Union-Spieler Steffen Baumgart erwartet einen „richtig geilen Fight“.
Einen solchen Kampf haben die Köpenicker in diesem Jahr schon einmal überstanden, als sie im Juni mit einem 1:0 im Heimspiel gegen Paderborn den endgültigen Klassenerhalt sicherten. Als gutes Omen wollte Fischer diesen Erfolg aber am Montag eher nicht sehen. „Ich habe auch andere Spiele im Kopf, die ganz eng waren – in der Zweiten Liga haben sie uns zu Hause geschlagen“, sagte der Trainer und warnte sogar davor, Union gegen den Tabellenelften der Zweiten Liga in der Favoritenrolle zu sehen. „Mein Fokus liegt darauf, dass wir die richtige Einstellung finden, und das Spiel gegen Dortmund aus unseren Köpfen kriegen.“

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Zu früh sollte man sich also nicht in besinnliche Weihnachtslaune versetzen, zumal die Beine nach den hart erkämpften Punkten gegen Dortmund, Stuttgart und Bayern jetzt etwas müder sind. „Die drei Spiele haben natürlich Kraft gekostet“, so Fischer, der dem einen oder anderen seiner Spieler womöglich eine kleine Pause gönnen wird. Weil Robert Andrich nach seiner abgesessenen Sperre wieder zur Verfügung steht, dürfte zumindest einer von Grischa Prömel, Sebastian Griesbeck oder Cedric Teuchert, der zuletzt als erfolgreiche Notlösung im Mittelfeld fungierte, auf der Bank starten. Auch Loris Karius könnte endlich sein Startelfdebüt für Union geben. „Es ist gut möglich, dass der eine oder andere frische Spieler dazukommt, aber da will ich nicht zu viel verrate“, sagte Fischer.

Zu sehr rotieren kann Fischer angesichts der vielen Verletzungen ohnehin nicht, aber auch wenn er könnte, würde er am Dienstag wohl keine deutlich schwächere Elf auf den Platz schicken. Für den Trainer gilt es, das Jahr mit dem Einzug ins Achtelfinale und vor allem auch mit einem weiteren Erfolgserlebnis zu beenden. In seinen ersten beiden Saisons ging der Schweizer jeweils nach einer Niederlage in die Weihnachtspause, beim dritten Versuch will er endlich wieder mit einem Lächeln in die Heimat reisen. „Jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn Du mit einer Niederlage in den Kurzurlaub Weihnachten gehst“, sagte er am Montag.
In diesem Jahr ist der Kurzurlaub besonders kurz. Schon am 27. Dezember steigt die Mannschaft wieder ins Training ein, fünf Tage später steht das nächste Bundesligaspiel in Bremen an. Doch zuerst muss Union in diesem kuriosen, erfolgreichen Jahr ein letztes Heimspiel gewinnen. Zum Glück haben sie in den letzten Wochen gezeigt, dass sie das mittlerweile auch ohne Zuschauer ganz gut können.