Nicht ohne meinen Diätshake

Nicht einmal einen eigenen Namen hat sie. Zumindest gesteht die Schriftstellerin Esther Becker der Protagonistin ihres Debütromans „Wie die Gorillas“ (Verbrecher Verlag, Berlin 2021,160 Seiten, 19 €.) keinen zu. Nicht absichtlich. Oder gar aus Böswilligkeit. Eher aus Nachlässigkeit. Wie ein Versäumnis oder Unvermögen wirkt es. Nicht der Rede wert. Was ist schon ein Name, würde Shakespeare schulterzuckend fragen. Aber wer sind wir, ohne Ansprache?

„Nennt mich Ismael.“ So beginnt Herman Melville seine Abenteuergeschichte „Moby Dick“. Beziehungsweise lässt er sie so beginnen, aus Sicht des melancholiedurchtränkten Matrosen Ismael, der in einem der bekanntesten ersten Sätze der Weltliteratur allem voran seinen Namen mitteilt. Oder zumindest den Namen, den er sich selbst überstreift.

Bei Esther Becker klingt das ein wenig anders. Auf der ersten von rasch gelesenen hundertfünfzig Seiten sagt die Ich-Erzählerin über sich selbst lediglich „Ich bin ein schwieriger Fall“ – und benennt sich eben nicht zu aller erst als Person, sondern als: Problem.

Im Anfang war also das Problem. Und das ist schnell erzählt: Die namenlose Ich-Erzählerin stolpert mit ihren beiden Freundinnen Olga und Svenja in fünf knappen Kapiteln ungelenk von der Pubertät bis zum Studium, auf der Suche nach sich selbst. In kurzen und kürzesten Momentaufnahmen, mit wuchtig prägnanten Sätzen, formt Esther Becker sprachliche Vignetten, wie Tagebucheinträge. Alle in einem hautnahen Präsens geschrieben. Manchmal liest sich das wie Lyrik. Es ist ein ständig an- und absetzender innerer Monolog, trocken, schwellend und schwarzhumorig.

Dramatisch ist der sexuelle Übergriff beim Joggen im Park

Nichts, was hier passiert, ist im eigentlichen Sinn dramatisch – und dennoch ist es die klassische Tragödie in den gängigen Akten: Kurzsichtigkeit, Pummeligkeit, Akne, die erste Periode, das entzündete (natürlich nicht erlaubte) Bauchnabelpiercing vom Pfuscherarzt, verrutschende Bikinioberteile, wo noch kein Busen ist, Schnittverletzungen beim Beinerasieren nach dem Sportunterricht, für den man Entschuldigungen fälscht wie ein drittklassiger Beltracchi.

Der versuchte sexuelle Übergriff beim Joggen im Park ist tatsächlich dramatisch. Aber selbst diese Szene mogelt sich so unauffällig gleichberechtigt zwischen die anderen, dass sie furchtbar akzeptabel wirkt. Als gehörten Erfahrungen wie diese einfach zum Inventar der Biografien junger Frauen.

Esther Becker gelingen diese dichten, eng beieinander stehenden Miniaturen gut. Sie haben eine einfache Schönheit, Amüsanz und einen Horror. Das ist alles nicht neu – aber eben sehr wahr, weshalb es so trifft beim Lesen.

Dazu passt der Umstand der Namenlosigkeit. Im Zustand permanenter Graumausigkeit macht Becker ihre Erzählerin durch das Sich-selbst-nicht-fassen-Können zum Geist ihrer eigenen Geschichte. Als Gott Adam schuf, gab er ihm als Erstes den Auftrag, seine Schöpfung, Pflanzen und Tiere zu benennen.

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In Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ hängt die Rettung einer ganzen Welt, nämlich Phantásiens, an der verzweifelten Bitte der kindlichen Kaiserin, man möge ihr einen neuen Namen geben, bevor das Nichts alles auslöscht. In Chuck Palahniuks brutalem Verwirrstück „Fight Club“ bleibt der Protagonist namenlos, ebenso wie in Christian Krachts popliterarischem Roadtrip „Faserland“. Es geht um die Identität, die ausfasert, zerfasert, verwässert und verschwimmt, um das unbestimmte Drumherum, auch bei Becker. Es geht um die identitäre Krise, hinter welcher und an welcher vorbei man selbst zurückzubleiben droht, wenn man nicht aufpasst.

„Non sit tibi cura quis dicat, sed quid dicatur.“ – Es sei nicht deine Sorge, wer etwas sagt, sondern was gesagt wird, heißt es bei Seneca. Diese moralische Epistel gilt im Grunde auch in diesem, sagen wir, Romänchen: Esther Beckers Jane Doe steht für so viele Mädchen, die auf dem Weg zum Frausein einen verwirrend gemeinen Parcours durchlaufen, nur um am Ende reif für die erste Psychotherapie wieder herauszukommen. Was sich wunderbar in einem Bild spiegelt, das an Freundin Svenja nachgezeichnet wird. Die lässt für ihren Traum, Schauspielerin zu werden, so ziemlich alles über sich ergehen, auch die Anweisung, mit Stilettos und nacktem Oberkörper über ein Kartoffelfeld irgendeiner mittelmäßigen Bühne zu staksen und sich dabei von einem mittelmäßigen Regisseur anbrüllen zu lassen. Spießrutenläufe, wohin man schaut.

„Was machst du, wenn deine Kinder Frauen werden?”

Dem Körper kommt bei Esther Becker vor diesem Hintergrund eine Sonderrolle zu. Als Hülle, die, einem grotesken Dogma folgend, immer wieder neu geformt wird. Wie müffelnde Knetmasse. In der titelgebenden Szene des Buchs helfen die Ich-Erzählerin und Olga ihrer Freundin Svenja einmal, sich auf ein Vorsprechen vorzubereiten, für eine Hosenrolle, also eine Männerrolle, die traditionell mit einer weiblichen Darstellerin besetzt wird.

Dafür binden sich alle drei ihre Brust ab. Unter Sport-BHs und Mullbinden wird plattgedrückt und weggequetscht, was stört. Ohne diese sekundären Geschlechtsmerkmale sei es „angenehm“, „keine Angriffsfläche“, konstatieren die Mädchen. Im wahrsten Sinne des Wortes. So wagen sie einen Spaziergang, stolzieren „wie Gorillas“ durch die Straßen, mit dem wohligen Gefühl einer körperlichen Freiheit – sei sie auch gefälscht –, um die sie jeden Tag kämpfen. Mit den handelsüblichen Diätshakes und den Fingern immer schön nah an der Rachenwand.

„Was machst du, wenn deine Kinder Frauen werden? Wenn deine Kinder Töchter sind und Frauen werden? Was machst du dann?“ Immer wieder schiebt Esther Becker, die 1980 in Erlangen geboren wurde und von Haus aus Dramatikerin und Performerin ist (was man dem Text in jeder Zeile anmerkt), diese fragenden Passagen ein. Wie von einem besorgten Vater oder einer besorgten Mutter als Gedicht vorgetragen.

Was wird aus dem Körper, der eben noch gebadet und gepudert wurde und der sich im nächsten Moment in alle Richtungen dehnt, überallhin quillt, jede Form sprengt? Zum Glück gibt Esther Becker darauf keine Antwort. Die Lösung hat keinen Namen. Es wäre zu einfach.