Nicht hier, nicht dort

Lange bevor ein Virus die Menschen in die eigenen vier Wände zwang, hatte die belgische Filmemacherin Chantal Akerman ihre ganz eigene Form des Heimisolationskinos geschaffen. Ihr frühes Meisterwerk „Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“ (1975) verknüpfte die Beschränktheit des Raums mit dem eindringlichen Blick auf die rituellen Alltagsverrichtungen der Protagonistin. Dabei ließ sich hinter der Zwanghaftigkeit und Leere der Jeanne Dielman eine Verdrängungsgeschichte ausmachen, deren Dimensionen sich mit jedem weiteren Film mehr erschlossen.

„No Home Movie“, Akermans letzter Film vor ihrem selbst gewählten Tod im Jahr 2015, ist im doppelten Sinn ein Film über den Abschied. Über einen Zeitraum mehrerer Monate filmt die Tochter ihre alte, immer schwächer werdende Mutter Natalia (Nelly) Akerman in ihrer Brüsseler Wohnung, die Kamera stellt sie auf dem Mobiliar ab und lässt sie einfach laufen. Sie filmt, wie Natalia in der Wohnung herumhantiert, isst, Zeitung liest oder im Sessel einschläft, manchmal auch sitzen Mutter und Tochter bei Gesprächen am Küchentisch zusammen und reden über ausgegangenen Senf – und die Familie.

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Nur wenige Male verlässt der Film die Wohnung, etwa für Skype-Gespräche, die Akerman von verschiedenen Orten aus – New York, Oklahoma – mit der Mutter führt. „Warum filmst du mich?“, wundert sich diese, als Akerman beim Gespräch die Kamera auf den Bildschirm richtet. „Weil ich zeigen will, dass es in der Welt keine Distanz gibt.“

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Gelegentlich brechen Bilder einer unspezifischen Wüstenlandschaft die räumliche Enge auf. Entstanden sind sie während einer Israelreise – ein Verweis, möglicherweise, auf einen potenziell alternativen Ausgang der Familiengeschichte: Der Großvater plante, nach Palästina auszuwandern, entschied sich jedoch dagegen. Natalia Akerman, die 2014 verstarb, hat Auschwitz überlebt, der Rest der Familie wurde nahezu vollständig in den Konzentrationslagern ausgelöscht.

Über ihre Erlebnisse gesprochen hat die Mutter nie, auch wenn die Tochter das Gespräch noch so hartnäckig darauf lenkte – auch in diesem Film. Dies ist kein Home Movie, weil es kein Zuhause geben kann, nicht mit dieser Familienvergangenheit, nicht mit dem Trauma der Shoah: Diese Erkenntnis schwingt in jedem Moment mit.

Nähe und Abstand: Akermans Film ist mitunter schmerzhaft anzusehen

„No Home Movie“ steht von den ersten bis zu den letzten Bildern unter Spannung: zwischen Nähe und Abstand, Zärtlichkeit und Abgrenzung, zwischen der eigenen, sehr persönlichen und der „großen“ Geschichte. Ausgewogen ist dieses Verhältnis eigentlich nie – nicht von ungefähr betitelte die Filmemacherin und Künstlerin eine ihrer Ausstellungen einmal mit „Too Far, Too Close“. Mitunter ist diese Verhältnislosigkeit auch schmerzhaft anzusehen, etwa wenn die Mutter, dem Kamerablick ausgeliefert, minutenlang hustet oder die Tochter das ausbleibende Gespräch über ihre Erfahrungen der Shoah an der nicht verstehenden Haushälterin ausagiert.

Programmatisch sind die Bilder des Films durch Türschwellen, Fensterrahmen, Vorhänge und halb offene Türen gerahmt. „No Home Movie“ ist ein rastloses Verharren zwischen zwei Räumen, nicht hier, nicht dort. Ein Film, der von einem so intimen wie verstrickten Mutter-Tochter-Verhältnis erzählt und sich bei aller Beharrlichkeit doch ganz durchlässig zeigt.
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