Neue Einblicke in die Arbeit von Mies van der Rohe

Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie fand im Mies van der Rohe Haus in Weißensee eine Ausstellung unter dem Titel „Modell Mies“ statt, die sich dem berühmten Architekten auf poetische Weise anhand von sieben Begriffen näherte. Dazu gab es ein Symposium, dessen Vorträge jetzt in dem handlichen Band 4 der Schriftenreihe des Hauses – des von Mies als Villa Lemke erbauten Bungalows am Obersee – vorliegen.

Mies hatte in seiner Antrittsrede in Chicago, wohin er 1938 emigriert war, das „intellektuelle Programm seines Bauens“ formuliert, wie es Jörn Köppler in seinem Vortrag darstellte. Mies führte damals aus: „So wie wir uns eine Kenntnis der Materialien verschaffen – so wie wir die Natur unserer Zwecke kennenlernen wollen – so wollen wir auch den geistigen Ort kennenlernen, in dem wir stehen.“

Das sind Worte, wie sie kein heutiger Architekt mehr wählen würde. Mies aber, so Köppler, „fragt nach Wahrheit, nach Werten und Sinn, nach Transzendenz (…) und findet die Schönheit“. Architektur könne nicht eigentlich „herstellen“, sondern nur „rahmen“; das Bedeutsame an ihr zeige sich „als das nicht Herzustellende, als das Unverfügbare“.

Dieser philosophischen Sondierung gegenüber stehen die Vorträge des Architekturhistorikers Fritz Neumeyer, des wohl profundesten Mies-Kenners überhaupt, und des Architekten Alexander Schwarz über die von ihm seitens des Büros Chipperfield geleitete Restaurierung der Neuen Nationalgalerie.

Mies, so Neumeyer, sucht die Lebendigkeit der Architektur in der Verschränkung von innen und außen, einer Architektur, „die erst durch die Bewegung des Betrachters im Raum zum Leben erweckt wird“. Dafür stehen die Landhausprojekte mit ihren fließenden Räumen. „Mies’ bauliches Konzept ist so angelegt, dass es den Betrachter förmlich hinaus in den Garten zieht“, fügt Wita Noack, die Leiterin des Hauses in Weißensee, hinzu: „Seine Gebäude haben keinen Mittelpunkt im Gebäude, er liegt immer im Außen.“

Sein Bauwerk sei nicht reproduzierbar

Schwarz will zeigen, dass die Neue Nationalgalerie kein „modernes“ Bauwerk ist, insofern man darunter bloßen Funktionalismus versteht. So ist das Dach seit jeher als viel zu schwer und aufwendig kritisiert worden. Schwarz betont demgegenüber die Zeitlosigkeit des Raumes, den Mies geschaffen hat.

[Mies und die Poesie der Architektur. Schriftenreihe des Mies van der Rohe Hauses, Bd. 4. Verlag form + zweck, 212 S., 20 €.]

Sein Bauwerk sei nicht reproduzierbar, es könne nur als das erhalten werden, was es ist. – Man erführe gerne, was Schwarz zu Mies’ berühmtem Barcelona-Pavillon zu sagen hätte, der 1929 als temporäres Bauwerk entstand und 1986 neu errichtet wurde – ein Wallfahrtsort für Mies-Verehrer.

Neben weiteren Beiträge enthält der Band eine Mitschrift der abschließenden Podiumsdiskussion. Es ist gut, dass so auch die zauberhafte Ausstellung überliefert wird, die so viel zu Mies zu sagen hatte – indem sie Raum gab, über ihn nachzudenken.