Neonlicht im Echoraum

Als Sasha Spielberg klein war, wollte sie sich am liebsten verkriechen. Irgendwas Kreatives machen? Bloß nicht. Dann müsste sie ja den Vergleich mit ihren Eltern aushalten: mit ihrer Mutter Kate Capshaw, der Schauspielerin, bekannt unter anderem aus dem zweiten Teil von „Indiana Jones“, und mit ihrem Vater Steven Spielberg – genau, dem Steven Spielberg. „E.T.“, „Der weiße Hai“, „Schindlers Liste“ und so weiter.

Doch der künstlerische Drang in Sasha Spielberg ist stärker als die Angst vor dem Versagen. Im Alter von zwölf Jahren schreibt sie erste eigene Songs und wird von der Familie genötigt, sie vor der versammelten Runde am Lagerfeuer zu singen. „Ich war so nervös“, sagt sie heute.

In der Highschool spielt sie in Musicals mit

Tatsächlich sind diese Auftritte der Beginn einer Karriere als Musikerin, die nun, im Alter von 30 Jahren, verhältnismäßig spät Fahrt aufnimmt. Am Freitag veröffentlicht Sasha Spielberg ihr Debüt, „Spoiled Love“, ein zartes, persönliches Stück Musik.

Doch sie bringt es nicht unter ihrem bürgerlichen Namen heraus. „Ich hab das Gefühl, dass der Name Spielberg schon vergeben ist – von jemandem, der sehr viel größer ist als ich“, sagt sie. Eine gewisse Anonymität habe sie gewollt, deswegen das Pseudonym: Buzzy Lee.

Der Weg zur Solo-Künstlerin ist ein weiter gewesen. Die Nervosität wächst sich in der Highschool zu lähmendem Lampenfieber aus. Also spielt sie in Schul-Musicals mit, in denen sie singen, sich aber hinter einer Figur verstecken kann. Es funktioniert, nach und nach öffnet sie sich. Mit 19 tritt Buzzy Lee das erste Mal live als Sängerin auf – eine Offenbarung. „Ich bin bis heute dabeigeblieben, ganz einfach, weil es mich so glücklich macht“, sagt sie.

[„Spoiled Love“ erscheint am 29. Januar bei Future Classic]

Es ist noch früh am Vormittag in ihrem Wohnort L.A., wo sie das Interview per Videochat gibt. Dunkle Haare rahmen ihr Gesicht. Sie wirkt nahbar und sieht ihrem Vater, der sie hin und wieder mit kleinen Parts in seinen Filmen besetzt, durchaus ähnlich. Während des Erzählens gestikuliert Buzzy Lee viel. Dann kurze Unterbrechung, ihre Hand wandert aus dem Bildausschnitt und zieht einen To-go-Becher zu sich heran. Ein Schluck und es kann weitergehen.

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Jetzt also „Spoiled Love“, ihr erstes Solo-Album. Zuvor hat sie schon in ein paar Bandprojekten gespielt, zum Beispiel mit ihrem Bruder Theo bei Wardell. Doch „Spoiled Love“ ist etwas Eigenes, wobei es ihr schwer gefallen ist, zum Kern der Songs vorzudringen. Buzzy Lee probiert es mit etlichen Produzenten, sowohl in L.A. als auch in New York. Große Band, Streicher, das volle Programm.

Doch mit dem Ergebnis kann sie sich nicht anfreunden. Es klickt erst, als sie sich mit ihrem Kumpel Nicolas Jaar zusammentut, mit dem sie schon die EP „Facepaint“ aufgenommen hat. Den Produzenten, DJ und Filmkomponisten („Ema“, „Dämonen und Wunder“) kennt Buzzy Lee von ihrer gemeinsamen Zeit an der Brown-Universität, wo sie Literatur und kreatives Schreiben studierte.

Viel Hall auf der Stimme, elektronische Spielerei

Im Herbst 2018, als Buzzy Lee einige Konzert in Europa gibt, schließen Jaar und sie sich in einem Studio im Norden Italiens ein und fangen an, Songs aufzunehmen. Er findet intuitiv den Sound, nach dem sie gesucht hat. „Spoiled Love“ klingt klar und reduziert. Im gleichnamigen Opener singt sie mit sich selbst im Chor: ihre helle Stimme, aufgebrochen in einen ganzen Schwarm von Stimmen, die das Klavier zu umschwirren scheinen. Darunter viel Hall, sachte elektronische Spielereien, das war’s.

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Die „verdorbene Liebe“ des Stücks ist keine konkrete Person. „Im Song geht es darum, wie ich meine Ängste hege und pflege“, erklärt Buzzy Lee. Sie singt: „Spoiled love, you’re bad for me, never tired and always hungry.“ Sie hat dem Lied bewusst die Anmutung eines Schluss-machen-Songs gegeben, um ihn so für Interpretationen zu öffnen, wie sie sagt. Tatsächlich nennt Lee die gesamte Platte ein Break-Up-Album. Sie arbeitet eine gescheiterte Beziehung auf, mal mehr, mal weniger direkt.

„War ja klar, ich denke in Filmen.“

Neun Stücke umfasst das Werk insgesamt, zwei davon bleiben instrumental. Das klaviergetragene „Brie“ zum Beispiel, in dem nur die Vögel singen. Es klingt, als stünden die Fenster des Studios offen und der italienische Abend wehe herein. Buzzy Lee sagt, sie imaginiere ihr Leben in Filmszenen und verfasse kleine Soundtracks dazu. Kein Wunder: Filmmusik hat sie von klein auf umgeben.

„Mein Dad hat eigentlich nur Soundtracks gehört. Und die Beatles, er liebt die Beatles“, sagt sie. Es sei nicht schwer, das eigene Leben zu dramatisieren, wenn man es sich als Erzählung vorstelle. Dann hält Buzzy Lee inne: „War ja klar, ich denke in Filmen.“ Sie muss lachen.

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Ihre Songs wahren eine einfache, zugängliche Struktur, man könnte sie auch schlicht nennen. Jedoch durchläuft das Album im Laufe seiner 35 Minuten Spielzeit eine spürbare Entwicklung. Die elektronischen Elemente werden dominanter. Im Song „High On You“ hallt Buzzy Lees Stimme um ein Pluckern und Zischeln herum, um Drums aus dem Computer und Eighties-Synthie-Akkorde, die wie Neonröhren in einem rauchgeschwängerten Echoraum leuchten.

Auch ihr Gesang bekommt zunehmend eine verfremdete Qualität. „What Has A Man Done“ klingt beinahe wie ein Duett: Lee und ein Alter Ego mit verzerrter Stimme. Das weckt Erinnerungen an Bon Iver, genauso wie das Saxofon, das durch den Song vagabundiert. Darunter macht sich ein schweres Brummen breit, dann ein Break und der Song beginnt, ein wenig zu grooven. Das passiert nicht oft auf „Spoiled Love“, aber wenn, dann durchaus effektiv.

Das Album ist bereits seit September 2019 fertig. Die Veröffentlichung wurde jedoch mehrfach verschoben, auch aufgrund der Pandemie. Deswegen hat Buzzy Lee schon mit den Aufnahmen zu einer zweiten Solo-Platte begonnen, wenn ihr Debüt nun das Licht der Musikwelt erblickt. Diesmal soll alles mehr Tempo bekommen. Break-Up-Album war gestern, über die Trennung von ihrem Ex-Freund ist sie hinweg. Mehr noch: Sie will die neue Platte auch ohne Kumpel Nicolas Jaar realisieren. Der nächste Schritt in der Emanzipation der Buzzy Lee.